Ein protestantisches Dorf im norddeutschen Flachland, es ist das Jahr 1913: Die Leute heißen Rudolf, Marie-Louise und Klara, die Kleider sind bis zum Hals hochgeschlossen, die Haare zu strengen Knoten frisiert. Der Dorfpfarrer (Burghard Klaußner) verbietet seinem halbwüchsigen Sohn mit dem Einimpfen von Angst und schlechtem Gewissen das Masturbieren. Der Arzt (Rainer Bock) beendet die langjährige Beziehung mit seiner Haushälterin (Susanne Lothar) – er bekommt keinen mehr hoch, weil sie ihm zu alt und hässlich ist. Der Gutsverwalter (Josef Bierbichler) prügelt seinen Sohn mit der Reitgerte windelweich, weil dieser handgreiflich gegen den Sohn seines Chefs, des Barons (Ulrich Tukur), geworden ist – schwer zu sagen, in welcher Szene die erschütternde, menschenverachtende Lieblosigkeit und Rohheit dieses ländlichen Mikrokosmos' am deutlichsten zum Ausdruck kommt.
Seltsame Unfälle und bedrückende RitualeDie erwachsenen Männer des Dorfes sind, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, allesamt autoritäre Patriarchen, die ihre Frauen und Kinder auf unerträgliche Weise demütigen, missbrauchen und unterdrücken: Es geht in diesen Familien in keinster Weise um Liebe und Verständnis, sondern allein um das Befolgen rigider und scheinheiliger Regeln. Die Kinder des Pfarrers bekommen gar ein weißes Band um den Arm oder ins Haar gebunden, wenn sie etwas ausgefressen haben, das sie an Unschuld und Reinheit gemahnen soll – für die derart "Geschmückten" ist das ein Stigma. Jegliche menschliche Regungen, gute wie schlechte, werden im Keim erstickt – Tränen der Wut und der Trauer geschluckt, zärtliche Gefühle beschämt weggewischt – eher noch wird zu perfiden, hinterhältigen Racheakten ausgeholt.
Denn im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ereignen sich in jenem Dorf eine Reihe von Verbrechen, die bei genauerer Betrachtung den Charakter ritueller Bestrafungen haben. Der Arzt wird mit einem nah über dem Boden gespannten Seil beim Reiten zu Fall gebracht und dabei schwer verletzt, die Scheune des Gutshauses angezündet, sowohl der Sohn des Barons als auch der behinderte Sohn der Hebamme schwer misshandelt.
Haneke führt mit diesem Film in gewisser Weise auch ein Thema fort und in eine andere Zeit, das sein ganzes Werk durchdringt: Jugendliche spiegeln die emotionalen Defizite und die unterschwelligen Aggressionen wider, die sie in ihren Familien und ihrem Umfeld, der Gesellschaft, erfahren: Allerdings ist diese Reflexion wie durch ein Brennglas vergrößert und konkretisiert – denkt man an Benny aus "Bennys Video" (1992) oder Peter und Paul aus "Funny Games" (1997) zurück, die den 1990er-Jahren entsprungen und der Gewaltpornografie (ein Lieblingswort Hanekes) in den Medien ausgesetzt zu sadistischen Mördern geworden sind. Hanekes Figuren sind die Kinder ihrer Zeit und doch universell, denn sie alle sind die Brut der Lebensumstände, unter denen sie großwerden. Sympathisch oder gar liebenswert sind sie alle nicht.
Die Bestrafung eines Vogels
Unabhängig davon, wer der oder die Täter sind, regt sich in Hanekes neuestem Film offensichtlich Widerstand gegen die mächtigen Unterdrücker. Und er trifft diese sogar indirekt. Denn es sind diejenigen, die geliebt werden und Aufmerksamkeit bekommen, die auf der Gefühlsebene oder auch sonst also eine privilegierte Situation genießen, auf deren Kosten das selbst erfahrene Leid kompensiert wird. Dazu gehört auch der Vogel des Pfarrers, den seine älteste Tochter Klara aus Rache an einer schweren öffentlichen Demütigung ihres Vaters kreuzförmig aufspießt.
Haneke zeigt die allgegenwärtige Brutalität nicht explizit. Er beobachtet sie ruhig und distanziert, die Kamera verharrt beispielsweise vor einer verschlossenen Tür, hinter der Schreie zu hören sind. Mit seiner unterkühlten und spröden Betrachtungsweise und gleichzeitig großen historischen Präzision erzielt er die größtmögliche Wirkung – der faszinierende, großartige und trotz seiner Überlänge kurzweilige Schwarzweiß-Film hat einen Sog in eine Welt der emotionalen Kälte, die fast nicht auszuhalten ist. Haneke und sein bis in die kleinsten Rollen überzeugendes und hervorragendes Ensemble beamen ihr Publikum um fast einhundert Jahre zurück, in eine Zeit, in der unter anderem die autoritären Gesellschaftsstrukturen die Weichen für den Nationalsozialismus in Deutschland gestellt haben.
Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien 2009, Buch & Regie: Michael Haneke, mit Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Ursina Lardi, Burghart Klaußner u. a., schwarzweiß, 144 min, Kinostart: 15. Oktober 2009 bei X Verleih
Fotos: ©Verleih
Stefanie Zobl ist freie Journalistin und lebt in Berlin.
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