Mein halbes Leben

Das Gejammer einer Generation

Kinostart: 8.10.2009 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Was hat Marko Doringer bloß falsch gemacht? Er hat ein paar Filme gedreht, die keiner kennt, ist dafür nach Berlin gezogen und hockt nun in einer vermüllten Wohnung, die seinen Seelenzustand ziemlich gut wiedergibt. Mit 30 zieht man Bilanz: Geld, Karriere, Familie – absolute Fehlanzeige. Der Österreicher hat nichts erreicht, zumindest bildet er sich das ein. Sein Analytiker sagt, er solle das lassen. Aber Doringer grübelt weiter, befragt alte Kumpels und die Ex-Freundin, wann es mit ihm bergab ging. Oder haben die es auch nicht besser? Vielleicht – daraus ließe sich doch ein Dokumentarfilm machen – spiegelt sein Gejammer ja den Gemütszustand einer ganzen Generation.

Das wäre furchtbar, aber die Interviewpartner/innen spielen gut mit. Ex Katha ist jetzt Modeschöpferin im Dauerstress, Kinder hat sie sich fast abgeschminkt. Sportjournalist Martin würde lieber etwas "für sich selber machen". Geschäftsmann Tom, früher Sänger in einer Hardcore-Band, arbeitet Tag und Nacht für seine Familie, die er kaum noch sieht. Eine gewisse Unzufriedenheit scheint der Generation der 30-Jährigen tatsächlich nicht fremd, aber mit Filmemacherfreund Marko kann keiner mithalten. Um "die Ursache meiner Ängste" zu ergründen, besucht er seine Eltern. Ein Volltreffer: Nichts lässt sich erzählerisch besser verarbeiten als so ein unverarbeiteter Vater-Sohn-Konflikt. Doringer glaubt, die hohen Erwartungen einer privilegierten Elterngeneration machten der eigenen das Leben schwer. Dass Papa die Lebensversicherung zahlt, ist auch irgendwie demütigend.
Die Unverschämtheit, ein argloses Publikum mit den eigenen Selbstzweifeln zu belästigen, zahlt sich aus. "Mein halbes Leben" ist nicht nur radikal subjektiv, sondern über weite Strecken sehr komisch. Das liegt vor allem an Doringers besorgniserregender Fähigkeit zur Selbstironie. Jammern können viele, aber er ist ein Profi. Und was hat es ihm gebracht? Man erfährt durchaus einiges über die Schwierigkeit, ein gesichertes Leben mit dem eigenen Freiheitswunsch in Einklang zu bringen. Vielleicht macht der heutige Leistungsdruck den Jüngeren ja wirklich weniger Probleme als der verlorenen Generation 30 plus. Entscheidend ist aber, dass Marko Doringer daraus einen schönen Film gemacht hat. Fast schon schade, dass er sich jetzt ein neues Thema suchen muss.
Philipp Bühler

Mein halbes Leben, Dokumentarfilm, Österreich, Deutschland 2008, Buch & Regie: Marko Doringer, mit Marko Doringer, Katha Harrer, Martin Obermayr, Thomas Berger u. a., 93 min, Kinostart: 8. Oktober 2009 bei Movienet

Foto: Verleih


www.meinhalbesleben.com
Website zum Film (deutsch, englisch, französisch)
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de

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