Sparks, "street people with radical knowledge", so nennen sie sich.
Ex-Junkies, Straßenkinder, Aussteiger/innen, Hippies, Technofans – nicht
leicht einzuordnen. Auf jeden Fall sind sie anders und das ist für
Sherry, eine 16-jährige Londonerin, die ihrer allein erziehenden Mutter
ausbüchst, die Hauptsache. Das rauhe Berlin, das Überleben in besetzten
Häusern, die totale Freiheit: Sherry ist auf der großen Suche nach dem Sinn des Lebens.
Nach der ersten
Nacht in Berlin ist sie ihre wenigen persönlichen Habseligkeiten los, die werden
gemeinschaftlich verteilt. Kajal und Kuscheltiere für alle, so geht das
hier. "Was möchtest du am liebsten, den ganzen Tag high sein?", fragt
die verhärmte Mittvierzigerin, die eine Art Mutterrolle innerhalb der
zusammengewürfelten Gruppe übernommen hat, beim Verteilen des
Heroinersatzes Methadon. Als der schlotterdürre "Patient" begeistert
nickt, fügt sie hinzu: "Das wird Harry nicht gefallen." Denn der führt
eisern das Zepter in der ach so alternativen kleinen Gesellschaft. Harry
(Eric Thal), Henry-Rollins-Verschnitt mit meist freiem Oberkörper, ist
der Häuptling, ein Macho, ein schablonenhafter Gockel mit missionarischem
Anspruch. Wie ein kraftstrotzender Hengst bewegt er sich in seiner
Herde, Jungfrauen benutzt Harry zum Frühstück. Sein Stellvertreter –
August Diehl hat sich längst vom verhuschten Computernerd aus
Hans-Christian Schmids "23 - nichts ist so wie es scheint" zum
im Fitnessstudio gestählten Vorzeigebrustkorbträger gewandelt – ist auch
nicht besser. Auf niemanden und nichts ist Verlass in der kleinen Welt der Sparks und die Kommune wird zum Gefängnis, in dem nicht einmal die eigenen Gedanken erlaubt sind.
Aber Sherry will endlich Spaß haben, mitmachen, da sein, wo es so cool aussieht, dabei zu sein: auf der Fahrt mit den klapprigen Bussen in Richtung Süden, zum Rave und zur Farm in Portugal. Doch Mund-zu-Mund-Beatmung, Mouth to Mouth, hilft keinem Elfjährigen, der zur Gruppenbelustigung in einen Abfallcontainer fliegt und in einem Haufen alter Fensterrahmen landet. Die Halsschlagader ist durchtrennt, das Blut pumpt und Manson schläft scheinbar friedlich ein auf dem Hinterhof des Supermarktes. Weiter geht die Fahrt – mit einer Kinderleiche im Gepäck.
aus dem Gefühl heraus, dass es so nicht weitergehen darf. Einen Lebensschritt in Richtung Erwachsensein, den die Älteren, die Anführer oder auch ihre zum Gruppenexperiment nur allzu bereite Mutter längst verpasst haben.
Der Drehbuchautorin und Regisseurin ist ein überzeugendes Debüt gelungen über Liebe, Kontrolle und Abhängigkeiten. Denn die Freiheit, die große, das ist die Freiheit zu gehen. Selbst zu entscheiden über das eigene Leben. Sherry begreift endlich, als es schon fast zu spät ist, dass eine das Individuum und seine Bedürfnisse verachtende Philosophie über Leichen gehen kann.
Silke Kettelhake
Fotos: ©Verleih/Josie Sykes
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