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Bestseller – das ist ein ungeschriebenes Gesetz des Filmgeschäfts – sind gute Vorlagen für erfolgreiche Filme. Und wahre Geschichten erst recht. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis "Wüstenblume", die Autobiografie des Topmodels Waris Dirie, verfilmt werden würde, mutet ihr Leben doch wie ein modernes Aschenputtel-Märchen an: Die Tochter einer somalischen Nomadenfamilie flüchtet in den 1980er-Jahren vor einer Verheiratung mit einem älteren Mann und landet über Umwege in London, wo sie sich als illegale Migrantin durchschlägt. Während sie in einem Fast-Food-Restaurant putzt, wird sie von dem Starfotografen Terry Donaldson entdeckt und beginnt eine steile Karriere als Fotomodel. Nachdem sie in einem Interview überraschend über ihre weibliche Genitalverstümmelung berichtet, engagiert sie sich als UN-Sonderbotschafterin gegen diese Tortur. Ihr Entschluss darüber zu sprechen, konfrontierte erstmals eine breite Öffentlichkeit mit diesem Thema und enthält – in Hinblick auf die Filmadaption – genug Aufsehen erregendes Potenzial. In der Kombination mit ihrer Modelkarriere scheint in Deutschland nach dem großen Erfolg von Heidi Klums Model-Casting-Show ein Erfolg von "Wüstenblume" vorprogrammiert.
Lachen und Weinen

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Beginnend in ihrer Kindheit zeichnet die gleichnamige Verfilmung des Buchs die entscheidenden Lebensstationen von Waris Dirie nach und findet ihren Höhepunkt in jenem Interview, in dem sie über ihr Trauma spricht. Dabei wechseln sich im Film immer wieder tragische mit leichten Momenten ab, etwa wenn Dirie gemeinsam mit ihrer überdrehten Freundin Marylin (Sally Hawkins aus "Happy-Go-Lucky") den richtigen Gang für den Catwalk übt. Entstanden ist – trotz des ernsten Themas – ein klassischer Unterhaltungsfilm, der auf große Gefühle setzt. Diese entstehen jedoch zumeist aus der tragischen Geschichte selbst und nur selten aus der filmischen Umsetzung. So wirkt die Inszenierung manchmal unbeholfen und fängt wichtige Momente in Waris Diries Leben nur selten pointiert ein, was auch die überwiegend pathetische Musikuntermalung nicht gutmachen kann.
Bestseller – auch das ist eine ungeschriebene Regel der Filmgeschichte – laufen oft Gefahr, bloße Bebilderungen einer großen Geschichte zu sein, ohne dass der Film eine eigene Perspektive auf das Geschehen wirft. So reißt "Wüstenblume" zwar viele relevante Themen – die Oberflächlichkeit der Modewelt, das unwürdige Leben als illegale Migrantin oder die aus der "
Beschneidung" resultierenden Qualen – an, schafft es jedoch nicht, diese kritisch zu hinterfragen und miteinander in Beziehung zu setzen. So erzählt "Wüstenblume" eine beeindruckende Lebensgeschichte, ohne jedoch als Film wirklich zu beeindrucken.
Alejandro Bachmann hat für fluter.de mit der Regisseurin Sherry Hormann über ihren Film gesprochen.
Modernes Aschenputtel
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fluter.de: Was hat Sie an der Autobiografie von Waris Dirie, die sich weltweit über 11 Millionen Mal verkauft hat, fasziniert?
Sherry Hormann: Wenn man so ein Buch wie "Wüstenblume" in die Hand bekommt und Waris Dirie einem das Vertrauen schenkt, daraus einen Film zu machen, dann hat man ja immer die Leserpolizei im Blickfeld und möchte auch der Faszination der Leserschaft irgendwie gerecht werden. Mich hat interessiert, warum sie auch ein Vorbild für so viele Frauen ist: Sie hatte den Mut, sich aus den vorgegebenen Parametern ihres Lebens herauszubegeben, und auf dem Höhepunkt ihrer Modellkarriere hat sie gewagt zu sagen: "Ihr findet zwar alle, dass ich schön bin, aber jetzt zeige ich euch mal, wer ich wirklich bin." Das muss man sich einfach mal vorstellen, dass eine Frau, der man ihre äußerliche Weiblichkeit weggeschnitten hat, die Mode-Ikone und Heldin für Frauen auf dem gesamten Globus wird.
Faszinierend ist gerade diese Gegenüberstellung der äußerlichen Schönheit, die überall präsent ist, und dem, was dahinter versteckt ist, nämlich ihre Narbe. Wie haben Sie versucht, dieser Ambivalenz im Film gerecht zu werden?Bei der Produktion unseres Filmes werfen wir ja aus unserer Position des Westens einen Blick auf Jahrtausende alte afrikanische Traditionen und ich wollte dem, was dort passiert, großen Respekt zollen. Wer bin ich zu bewerten, was über 28 Länder in Afrika seit 6.000 Jahren praktizieren? Ich kann mir aber ein einzelnes Lebewesen herausgreifen und sagen: Dich schau' ich mir jetzt mal an. Das ist ja unglaublich, dass du es von
Somalia nach London geschafft hast, dass du aufgrund deiner Schönheit als Model entdeckt worden bist und dass du deine Schönheit benutzt hast, um als erste Frau an die Öffentlichkeit zu gehen und über weibliche Genitalverstümmelung zu sprechen.
Ohne Humor geht es nicht
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Im Film mischen sich komödiantische und dramatische Elemente. Warum haben Sie sich für diese Gegenüberstellung entschieden?
Ohne Humor ist die Wahrheit kaum erträglich. Waris Dirie und ich waren uns immer einig, dass wir keinen reinen Beschneidungsfilm machen wollen. Wir wollen unterhalten und gleichzeitig zeigen, was man den Frauen wegnimmt, und das kann ich nur, indem ich den Kontrast zeige. Ich möchte dem Zuschauer Hoffnung mitgeben. Wenn ich zum Beispiel auf eine Steinmauer gucke, bin ich immer wieder überrascht, wie es eine Blüte schafft, dort zu überleben. So ist das auch mit "Wüstenblume". Hätten wir einen reinen Beschneidungsfilm gemacht oder einen über afrikanische Migranten in Europa, dann wäre der Film vor drei Jahren fertig gewesen. Nichts ist leichter, als über politische Missstände einen Film zu drehen. Das Schwierigste ist, eine Balance zwischen dem Komödiantischen und dem Drama herzustellen. Es ist wahnsinnig schwer zu lachen und viel leichter zu weinen.
In Erinnerung geblieben sind mir vor allem Szenen der privaten Waris Dirie, die sie beispielsweise als illegale Migrantin in einer Scheinehe zeigen. Das Ende des Filmes jedoch spitzt sich auf ihren öffentlichen Auftritt vor der UN und thematisch auf die weibliche Beschneidung zu. Warum haben Sie sich für dieses Ende entschieden?Das bin ich dem Thema der weiblichen Genitalverstümmelung einfach schuldig. Ich möchte, dass einem die Erinnerung an das grausame Ritual bleibt, wenn man aus dem Kino kommt. Wir erzählen zwar von ihren Wegbegleitern, von einer ordentlichen Portion Glück, von der Modewelt, aber etwas wird sie bis in den Tod begleiten: Sie ist verstümmelt worden, man hat ihr ihre Genitalien weggeschnitten.
Was bedeutet es, eine Frau zu sein?
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Der Film endet mit der Aufforderung von Waris Dirie, dass man überdenken müsse, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Inwieweit trifft diese Aussage auch auf das Mode-Business zu?
Mir war es von Anfang an wichtig, mit diesem Satz zu enden. Vor der Inszenierung der Modewelt hatte ich den größten Respekt, weil ich sie zum einen nicht kenne und zum anderen nicht den gängigen Klischees verfallen wollte. Dadurch, dass die Hauptdarstellerin Liya Kebede auch als Model arbeitet, hatten wir sie immer als Regulativ, die sagen konnte "das ist realistisch" und "das ist überzogen". Das heißt, alles, was sie im Film sehen, stimmt auch so. Das kann man mögen, das kann man auch nicht mögen, aber das macht einen großen Teil unserer Gesellschaft aus.
Im Buch wird die Beschneidungsprozedur im ersten Drittel beschrieben. Der Film aber konfrontiert mit diesem Erlebnis erst am Ende. Warum haben Sie sich für diese Rückblende entschieden? Wir alle haben Brüche in unserer Biografie, die uns irgendwann stark werden lassen, wenn wir daraus was machen. Wenn ich aber einen Menschen kennen lerne und er mir sofort sagt: "Übrigens, das ist mir angetan worden, damit du gleich Bescheid weißt!", dann wird man diesen Menschen immer mit Samthandschuhen anfassen, und das wollte ich nicht. Für uns Westler ist diese weibliche Genitalverstümmelung so unvorstellbar, dass man den Menschen erst mal sanft hinführen muss, um sich dem überhaupt zu stellen.
Waris Dirie ist auch Co-Produzentin des Films. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?Unsere erste Begegnung war nicht wirklich toll. Ich fühlte mich ein bisschen wie eine Fliege, die man an die Wand schmeißt. Nach dem Motto: "Wer bist du, was willst du und was befähigt dich, mein Leben auf die Leinwand zu bringen?" Ich habe sehr schnell begriffen, dass ich erst mal viel von mir erzählen muss, damit sie begreift, dass wir uns beide bei solch einer Arbeit bloßstellen. Danach habe ich ihr die erste Drehbuchfassung über zwei Tage vorgelesen und sie hat dabei kommentiert, was sie gut und was sie nicht so gut findet. Danach hat sie sich nie wieder eingemischt, weil sie wusste, die Dinge, die ihr wichtig sind, die stimmen.
(Desert Flower) Deutschland, Österreich, Frankreich 2009, Buch & Regie: Sherry Hormann nach der gleichnamigen Autobiografie von Waris Dirie, mit Liya Kebede, Sally Hawkins, Timothy Spall, Juliet Stevenson, Craig Parkinson u. a., 120 min, Kinostart: 24. September 2009 bei Majestic
Fotos: Verleih
Alejandro Bachmann ist Volontär im Filmbereich der Bundeszentrale für politische Bildung.
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