Oben

Abenteuer statt Altersheim

Kinostart: 17.9.2009 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Pixar
so weit oben, dass es eigentlich kaum höher geht. So hoch, dass ein Absturz doch eigentlich längst überfällig sein müsste. Doch seit dem ersten Langfilm "Toy Story" (1995) steht die Disney-Firma mit beeindruckender Bilanz unangefochten an der Animationsfilmspitze. Bis heute hat John Lasseter mit seinem Team zehn Spielfilme programmiert und alle – bis auf vielleicht mit ganz wenigen Abstrichen "Cars" – waren  kommerzielle und künstlerische Volltreffer. Was aber machen die Pixar-Kreativen anders als die Konkurrenz? Der Erfolg liegt schließlich nicht nur am technischen Vorsprung, durch den regelmäßig der Animationshorizont erweitert wird. Während die Macher/innen einerseits die Tricktechnik als Experimentierfeld nutzen, gelingt es ihnen andererseits immer wieder mit Animations-Staunwerten, Ideenreichtum und originellen Figuren hervorragendes Erzählkino zu schaffen, das keinesfalls nur für Kinder funktioniert und lästige Formelhaftigkeiten weitestgehend vermeidet.

Carl und ein Haus voller Erinnerungen


All das trifft nun auch wieder auf das aktuelle, unter der Regie von Pete Docter ("Die Monster AG") entstandene Werk zu, das "Oben" heißt. Ganz weit nach oben steigt darin ein Mann namens Carl, der sich weigert sein Haus zu verlassen, um ins Altersheim zu gehen und mit seinem Grundstück für einen weiteren Wolkenkratzer Platz zu machen. Stattdessen beschließt der 78-Jährige zu fliehen, hebt ab und beschert dem Publikum damit ein unvergessliches, poetisches Bild: Denn Carl fliegt mit seinem ganzen Haus los, in dem er Jahrzehnte mit seiner Frau Ellie, der Liebe seines Lebens, verbracht hat und das nun an Tausenden Luftballons in Schwindel erregende Höhen treibt. So will der Witwer das große Abenteuer nachholen, das er mit Ellie nicht mehr gemeinsam erleben konnte, und bricht im Refugium seiner wohligen Erinnerungen in Richtung des Wasserfalls Paradise Falls irgendwo in Südamerika auf – inklusive eines blinden Passagiers. 
Ein ungleiches Paar

Nachdem zuletzt in "Ratatouille" eine flauschige Gourmetratte in einem Nobelrestaurant kochte und in "WALL·E" ein rostiger Müllroboter auf Freiersraupen rollte, stehen auch in "Oben" zwei denkbar unwahrscheinliche Helden im Zentrum, wie sie die Pixar immer wieder erfindet. Der eine, Russell, ist ein ziemlich runder, hartnäckig hilfsbereiter und dauerquasselnder Pfadfinderjunge, der mit einer guten Tat sein Seniorenhilfe-Abzeichen ergattern will – eine Figur, die in den Händen anderer Filmemacher/innen wohl schnell zur Nervensäge geworden wäre. Der andere, Carl, ist ein alter, grummeliger Querkopf mit drollig dreibeiniger Gehstütze und schwarzer Kastenbrille, für den die kantig kauzigen Schauspieler Walther Matthau und Spencer Tracy Paten gestanden haben könnten. Dieses seltsame und sehr ungleiche Paar nähert sich langsam aber sicher an bei seinem Urwaldabenteuer mit einem schrägen exotischen Wundervogel namens Kevin, dem schafsdoofen Golden Retriever Dug, einer Horde sprechender Hunde und einem Helden aus Carls und Ellies Jugend, der sich alles andere als heldenhaft verhält.



3D mit Sinn und Verstand

Schon allein eine Sequenz mit einem Rückblick auf Carls Vergangenheit zu Beginn von "Oben" lässt das Herz aufgehen. In nicht einmal fünf Minuten wird dort sein ganzes Leben und die Liebe zu Ellie im schwarzweißen Stummfilmschnelldurchlauf in 2D gezeigt. Der Rest des Films hingegen wird in ausgewählten Kinos dem aktuellen Trend folgend in 3D zu sehen sein. So intelligent wie der ganze Film ist glücklicherweise allerdings auch der Einsatz der dritten Dimension. Hier ist nichts auf vordergründige Effekte angelegt. Stattdessen ordnen sich die Effekte der Geschichte unter, geben dem Bild eine räumliche Tiefe. "3D soll schließlich nur helfen, die Zuschauer in die Geschichte zu ziehen und sie durch ein Fenster in diese Welt schauen zu lassen", sagte Pixar-Mastermind John Lasseter im Mai bei der Weltpremiere auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, das mit "Oben" nicht nur erstmals mit einem Animations-, sondern auch mit einem 3D-Film eröffnet wurde.

Lebe deine Träume

In dieser Welt, die in 2D genauso bestaunenswert ist, ist der Antrieb eine unerwartete Freundschaft, die Erfüllung unerfüllter Träume und ein Leben, das nur scheinbar noch nicht ganz ausgefüllt gelebt wurde. Innerhalb dieses kinoklassischen Rahmens wird die Geschichte mit all ihren Turbulenzen, die immer wieder unberechenbar neue Richtungen einschlägt, allerdings mit Liebe zum Detail bis in die feine Mimik der Figuren bunt ausgemalt. So entsteht ein wundervoll altmodisches und seltsames Märchen, das vor lauter Fantasie Funken schlägt und zwischen komischen Einfällen und zutiefst rührender Sentimentalität gut ausbalanciert ist. Fragt sich also, was Pixar an seinem Erfolgsrezept noch optimieren will. Zumindest bis Film Nummer 11.

(Up) Animationsfilm, USA 2009, Regie: Pete Docter, Bob Peterson, Buch: Bob Peterson, 96 min, Kinostart: 17. September 2009 bei Disney

Fotos: ©Verleih

Sascha Rettig ist freier Journalist und Filmkritiker in Berlin.



http://disney.go.com/disneypictures/up
Website zum Film (englisch)

www.oben-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de

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www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




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