Image 23167
Seit jeher setzt sich das Science-Fiction-Genre mit den fundamentalen Ängsten auseinander, die eine Gesellschaft in ihrem Innersten bewegen. Gerade aufgrund seiner scheinbaren Realitätsferne ist das Science-Fiction-Kino in der Lage, diese Ängste zwar indirekt, gleichzeitig jedoch sehr viel radikaler zu adressieren, als das bei einem klassischen Drama möglich wäre. Man denke an Don Siegels "Invasion of the Body Snatchers" aus dem Jahr 1956, ein Film, der sich schon früh mit der grassierenden Furcht vor dem Kommunismus und den Auswirkungen der McCarthy-Ära beschäftigt hat, oder an David Finchers schaurig-düstere AIDS-Allegorie "Alien 3" (1992).
Gated Communities anstelle von freier Passage für Schwarz und Weiß
Was so beeindruckend ist an "District 9", dem von Peter Jackson produzierten Überraschungs-Sommerhit, ist jene genretypische Radikalität, mit der hier gesellschaftliche Missstände angesprochen werden, ohne dass der Film dadurch sein Unterhaltungspotenzial einbüßen würde. Die Idee zu der Geschichte kam dem südafrikanischen Regisseur und Co-Drehbuchautor Neill Blomkamp, der als Achtzehnjähriger ins kanadische Vancouver ausgewandert ist, als er nach Jahren im Ausland nach Johannesburg zurückkehrte und feststellen musste, dass sich das Leben in der südafrikanischen Metropole in der Zwischenzeit radikal gewandelt hatte. "Die Stadt", erinnert sich Blomkamp, "war plötzlich zu einem Ort voller Stacheldraht, elektrischer Zäune, Überwachungskameras und privat operierender Sicherheitsfirmen geworden."
140.jpg
Entmenschlichende Ausgrenzung
Was war geschehen? Im angrenzenden Simbabwe hatte sich nicht nur die politische Situation unter dem Diktator Robert Mugabe, sondern auch die gesundheitliche Lage aufgrund einer verheerenden Cholera-Epidemie so sehr verschlechtert, dass ein nicht versiegender Flüchtlingsstrom aus dem nördlichen Nachbarstaat in Richtung Südafrika eingesetzt hatte. Unter fürchterlichsten Bedingungen mussten die Flüchtlinge fortan in den Townships leben – ohne Zivilrechte, ohne Zugang zum südafrikanischen Gesundheitssystem. Immer heftiger entlud sich in der Folgezeit in Johannesburg, wo besonders viele der Hilfesuchenden untergebracht worden waren, der Hass auf die überwiegend illegalen Zuwanderer/innen. Vom Township Alexandra ausgehend sprang der Funke auf die übrigen Stadtteile über.
Was Blomkamp, selbst Weißer, zu jener Zeit erlebte, war eine Diskriminierung von Schwarzen durch Schwarze, wohl weil viele südafrikanische Township-Bewohner/innen befürchteten, ihre ohnehin schon schwierige Lage könne sich durch den Flüchtlingsstrom noch weiter verschlimmern. Und genau diese Konstellation spiegelt sich in "District 9" wider: Hier werden die Aliens gleichermaßen von Weißen wie von Schwarzen unterjocht, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Während es die Weißen vor allem auf die Waffentechnologie der Außerirdischen abgesehen haben und ansonsten größtmöglichen Abstand wahren, haben die Schwarzen direkten Kontakt zu den Aliens, denen sie Nahrung – Dosen mit Katzenfutter –, Waffen oder Sex verkaufen. Insofern ginge es auch am Kern der Sache vorbei, würde man die Situation der Außerirdischen in "District 9" als bloße Metapher für die lange praktizierte Politik der Apartheid in Südafrika begreifen. Blomkamp und seine Ko-Autorin Terri Tatchell gehen einen Schritt weiter, indem sie aufzeigen, wie die Mechanismen der Unterdrückung mitunter auch von jenen missbraucht werden, die selbst lange unter ihnen zu leiden hatten.
Auf den Straßen der Apartheid
Image 23171
Gedreht wurde "District 9" – der Titel verweist auf den District Six, einen Bezirk von Kapstadt, der im Jahr 1966 zur "Whites only"-Area deklariert wurde – direkt in Tshiawelo, einem Randbezirk des Townships Soweto. Ein wenig erinnert dieses Vorgehen an das der italienischen Regisseure des Neorealismus, an Vittorio de Sica etwa oder Roberto Rossellini, die das Kino nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Cinecittà-Studios bei Rom in die konkrete Lebenswirklichkeit überführten. Und an dieser Stelle prallen Realität und Fiktion in einer merkwürdigen Weise aufeinander. Denn ähnlich wie die Aliens im Drehbuch wurden auch die Bewohner/innen von Tshiawelo kurz vor Drehbeginn in ein außerhalb von Johannesburg gelegenes Areal umgesiedelt.
Die genauen Beweggründe für solche Umsiedlungsmaßnahmen sind oft schwer festzumachen: Denn zum einen bedeutet ein Umzug für die Township-Bewohner/innen tatsächlich meist eine konkrete Verbesserung ihrer Lebensumstände. Gleichzeitig jedoch geben solche Resettlement-Prozesse Stadtplanern und Unternehmern die Möglichkeit, die Immobilienpreise in bestimmten Regionen gezielt in die Höhe zu treiben. So hat, kurz bevor die Umsiedlung in Tshiawelo eingeleitet wurde, in unmittelbarer Nähe eines der größten Einkaufszentren Südafrikas seine Pforten geöffnet. Schwer vorstellbar, dass die Kunden/innen in direkter Umgebung eines Slums auf Shoppingtour hätten gehen müssen. Es mag zynisch klingen, aber erst diese Umsiedlung ermöglichte es Blomkamp, seinen Film für das vergleichbar niedrige Budget von etwa dreißig Millionen Dollar zu drehen. Denn plötzlich standen zahlreiche der winzigen Hütten leer, in denen die Menschen von Tshiawelo gelebt hatten und die das Team nun billig von der Regierung kaufen konnte, um sie als Kulisse einzusetzen. Auch diese Geschichte belegt, wie nah "District 9" an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist.
Kein Geld zum Leben, kein Geld fürs Kino
Wie überall auf der Welt, wo der Film bislang angelaufen ist, hat sich "District 9" auch in Südafrika zu einem riesigen Kassenerfolg entwickelt – trotz, vielleicht aber auch ein wenig aufgrund der harschen Gesellschaftskritik. Allerdings können sich gerade die Menschen, deren Situation "District 9" reflektiert, das Eintrittsgeld für den Film zumeist nicht leisten. Und so ist das Fazit der verbliebenen Bewohner/innen von Tshiawelo gespalten: Einige hoffen, dass der Film die Menschen beflügeln wird, etwas an ihrer Situation zu ändern, oder spekulieren auf ein Sequel, das wieder ein wenig Geld in die Kassen spülen könnte. Andere hingegen fühlen sich ausgenutzt und allein gelassen. Zudem bleibt abzuwarten, ob sich durch die erhöhte Aufmerksamkeit tatsächlich etwas an der Situation der Flüchtlinge aus Simbabwe ändern wird. Wohl eher nicht. Denn auch das ist ein Merkmal von Science-Fiction-Filmen: Anders als bei Dokumentationen lässt sich die gesellschaftskritische Ebene eben auch ziemlich leicht ausblenden.
Seit seiner Kindheit schätzt unser Autor Andreas Resch Science-Fiction- und Horrorfilme, die ihm in jungen Jahren zahlreiche schlaflose Nächte bereitet haben.
Fotos: Verleih
Kommentare
Dein Kommentar