Taking Woodstock

Der Sommer der Liebe

Kinostart: 3.9.2009 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Woodstock-Festival im August 1969: Haare, Haare, nichts als Haare. Zwischen Tausenden von Hippies in bunten Schlaghosen und Batikhemden mit aufgemalten Antikriegs-Symbolen hält ein junger Mann ein Schild hoch: "Bob Dylan, please show up!" Der größte Sänger aller Zeiten war nicht zum größten Festival aller Zeiten gekommen. Wahrscheinlich war er gerade in Woodstock – dem echten Woodstock, der verschlafenen Künstlerkolonie im US-Bundesstaat New York, die dem Woodstock-Festival bloß den Namen gab.

Der Mann hinter dem Spektakel

"Taking Woodstock" erzählt von dem Mann, der das Riesenspektakel nach Bethel holte, den tatsächlichen Austragungsort der legendären Schlammschlacht auf Max Yasgurs Farm. Elliot Teichberg (später nannte er sich Elliot Tiber), sympathisch linkisch gespielt vom jungen Comedian Demetri Martin, hat mit Drogen und Musik eigentlich nicht viel am Hut. Er träumt vielleicht von der freien Liebe, aber vor allem will er in sein ödes Heimatdorf und nicht zuletzt in das marode Motel seiner russisch-jüdischstämmigen Eltern ein wenig Leben bringen. Einen Anruf bei der Organisationsfirma Woodstock Ventures und viele Katastrophen später fällt eine halbe Million Menschen mit hohen Idealen, fortschrittlicher Lebensauffassung und einer seltsamen Liebe zu Creedence Clearwater Revival über eine Kleinstadt her – Elliot Teichberg persönlich hatte vor der Presse unter Cannabis-Einfluss den freien Zugang erklärt. Ohne ihn hätte es Woodstock, zunächst ein finanzielles Desaster und bis heute der zentrale Meilenstein in der Geschichte der Rockmusik, in dieser Form nicht gegeben. Ohne Woodstock hätte Teichberg, der in New York ein Doppelleben führte und kurz davor an den Schwulenkrawallen von Stonewall beteiligt war, sein sexuelles Coming-out noch viel später erlebt.
Die Buch-Erinnerungen des echten Elliot Teichberg/Tiber, heute 74 Jahre alt, gaben Ang Lee den Anstoß zur Verfilmung des ewigen Mythos. Wie so viele war auch er damals nicht dabei, kann sich aber erinnern: Als 14-Jähriger sah er die Nachrichtenbilder zu Hause bei seinen taiwanesischen Eltern. Das Gefühl, an etwas Großartigem nicht teilhaben zu können, quält auch Elliot: Während enthemmte Hippies ringsum in den Büschen vögeln, frühstückt er noch mit Mom und Dad. Diese schmerzhafte Lücke zwischen Individuum und Gesellschaft ist das ständige Thema des Regisseurs Ang Lee.

Zwischen Kult und Kommerz

Anders als Dramen wie "Sinn und Sinnlichkeit" (1995) oder "Brokeback Mountain" (2005)  inszeniert der Oscar®-Gewinner seinen neuen Film jedoch erstmals als Komödie. Imelda Staunton als verschroben-gehässige Mutter Sonia und Harry Goodman als hilfloser Vater Jake sind ein Ereignis für sich. Wie so viele Bewohner/innen Bethels fürchten sie zunächst einen Ansturm drogenabhängiger Freaks, um schließlich – nicht nur wegen des gemachten Geschäfts – den Hippie in sich zu entdecken. Nur der clevere Milchbauer Max Yasgur (Eugene Levy), der den im Hubschrauber anrückenden Organisatoren seine Kuhweide überlässt, sieht von vornherein neben dem zu erwartenden Gewinn auch den guten Zweck. Der Kulturschock ist dennoch beträchtlich.

Die Kommerzialisierung der Hippie-Bewegung, die mit Woodstock ihren Anfang nahm, wird von Ang Lee eher amüsiert registriert. Auch die Musik, um die es doch eigentlich gehen sollte, interessiert ihn nur als Hintergrundsound, dem die Besucher/innen kaum Beachtung schenken. Mit welchen Schauspielern/innen hätte er Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jefferson Airplane oder The Who auch besetzen sollen? Wer wissen will, was auf jener fernen Bühne geschah, kommt um Michael Wadleighs berühmte "Woodstock"-Doku (1970) weiterhin nicht herum. Mit multiperspektivischer Split-Screen-Technik erweist Lee dem Dreistunden-Epos ironischen Respekt. Zahlreiche Bilder stammen ursprünglich ausWadleighs Film: der junge Mann mit dem Schild, die lachenden Nonnen oder der Motorrad-Cop mit Blume am Helm, dem die Kamera in einer imposanten Fahrt durchs Festivalgelände folgt. Mit nur 500 Statisten/innen schuf Lee die Illusion einer riesigen Menschenmasse, die in jenen drei Tagen der Harmonie ein gesellschaftliches Großereignis und sich selbst feiert. Psychedelische Kameraspielereien – Elliot hat seinen ersten Acid-Trip – machen das Glück vollkommen.

Ein Mythos wird gefeiert

Ang Lee kratzt nicht am Mythos und erfindet das Genre Kostümkomödie nicht neu. Dass sie Teil einer gigantischen Marketingmaschine werden sollten, haben die Festivalbesucher/innen nicht gewusst, und es hat sie auch nicht interessiert. Auch Lee hielt es für angebrachter, das Ereignis zu zelebrieren als zu hinterfragen. Noch heute gibt es Festivals, aber in Woodstock äußerte sich ein Gefühl körperlicher und geistiger Nähe, das sich ins Gedächtnis zu rufen lohnt. Drei Tage unter haarsträubenden hygienischen Bedingungen, in Regen und Matsch, blieben vollkommen friedlich. Die ikonischen Bilder vom Nacktrutschen im Schlamm zeigen eine neue Körpererfahrung, die damals mit einer ganz anderen extremen Körpererfahrung korrelierte: Besser, mein Sohn rutscht hier im Schlamm als in Vietnam, so ein glücklicher Vater.

 

Dass Ang Lees Team Schwierigkeiten hatte, Komparsen mit unrasierter Schambehaarung zu finden, fasst die geheime Botschaft des Films eigentlich zusammen: Wozu sich sexuell befreien, nur um sich kopfüber ins nächste Zwangssystem zu stürzen? Um diese neue Ordnung, die sich am Ende der alten als die nicht weniger grausame herausstellte, ging es in Lees 1970er-Jahre-Sittengemälde "Der Eissturm" (1997). "Taking Woodstock" zeigt den historischen Moment davor, als die Utopie der freien Liebe, ein erstes und letztes Mal, verwirklicht schien.

Die Musik dazu will heute niemand mehr haben, die schrille Mode höchstens alle paar Jahre beim nächsten Revival. Lee weiß das und präsentiert seinen Film nicht als endloses Gitarrensolo mit störenden Feedbacks, sondern als kompakten, gut durchkomponierten Popsong mit harmonischem Ausklang. Das ist historisch nicht ganz korrekt, aber als Annäherung an ein Lebensgefühl doch eine ganze Menge.

Taking Woodstock, USA 2009, Regie: Ang Lee, Buch: James Schamus nach der Autobiografie von Elliot Tiber, mit Demetri Martin, Imelda Staunton, Henry Goodman, Emile Hirsch, Paul Dano u. a, 120 min, Kinostart: 3. September 2009 bei Tobis

Fotos: ©Verleih

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.



www.filminfocus.com
Website zum Film (englisch)

www.takingwoodstock.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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