Zwölf Uhr mittags

Entscheidungen um Leben und Tod

Kinostart: 8.9.2009 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Schlussszene des Westernklassikers "Zwölf Uhr mittags" von Fred Zinnemann bleibt unvergesslich: In der gleißenden Mittagssonne läuft Sheriff Will Kane einsam, aber mit Entschlossenheit durch die menschenleeren Straßen seiner Stadt, um seinem Todfeind zu begegnen. Die Fensterläden sind geschlossen, alle Bürger haben sich abgewandt und die Kamera zeigt ihn aus der Vogelperspektive, winzig wie ein Insekt.


"Zwölf Uhr mittags" kommt als Westernfilm daher, ist aber ein zeitloses psychologisches Drama über einen Mann, der eine schwierige moralische Entscheidung trifft und dafür den Tod in Kauf nimmt. Im Mittelpunkt steht Will Kane, der Marshall der kleinen Stadt Hadleyville, irgendwo im Westen der USA. Als er an einem Sonntagmorgen die junge Lehrerin Amy Fowler (Grace Kelly) heiratet, wird kurz darauf bekannt, dass Frank Miller, ein Bandit, den Kane hinter Gitter gebracht hat, begnadigt wurde. Miller, der auf Rache aus ist, soll mit dem Mittagszug eintreffen und wird am Bahnhof bereits von drei Komplizen erwartet. Eigentlich glaubt der müde Sheriff – überragend gespielt von dem alternden Gary Cooper, der für die Glanzleistung den Oscar erhielt – die Kämpfe hinter sich zu haben. Er hat sein Amt niedergelegt und mit Amy die Stadt verlassen, um ein neues Leben zu beginnen, als er plötzlich die schicksalhafte Wahl trifft, umzukehren – um Miller zu begegnen.

Es verbleiben 90 Minuten Zeit, um Unterstützung zu finden. Doch überall, wo Will auch anklopft, begegnet er Ablehnung, Angst und Ausreden. Alle – seine Frau, Freunde, Kollegen, selbst der Pfarrer und die Gemeinde lassen ihn im Stich. Amy gehört als Quäkerin einem Glauben an, der Gewalt radikal ablehnt. Der Richter macht sich aus dem Staub, weil er für dieses 'dreckige Nest', Hadleyville, nichts riskieren will und der Hilfssheriff ist nur selbstsüchtig an seiner Karriere interessiert. Sogar Kanes engster Freund Sam lässt sich verleumden. In der Kirche schließlich argumentieren die Gemeindemitglieder, dass eine Konfrontation mit unbestimmtem Ausgang wichtige Investoren für die Stadt abschrecken würde.

"Zwölf Uhr mittags" traf in den 50er Jahren den Nerv der Zeit. Er fand neben vielen Bewunderern heftige Gegner unter den Konservativen, die in der McCarthy-Ära vielen Filmschaffenden das Leben in Hollywood schwer machten. So wurde beispielsweise der Drehbuchautor des Films, Carl Foreman, antiamerikanischer Umtriebe beschuldigt und erhielt Arbeitsverbot. Der Kalte Krieg schuf eine paranoide Stimmung, die dazu beitrug, den Film politisch zu lesen: Als Allegorie über eine von Angst korrumpierte Stadt, stellvertretend für die Metropole der Filmwirtschaft, für Hollywood. Den jüdischen Regisseur Fred Zinnemann allerdings mögen vielleicht noch andere Motive zu der Realisierung der Geschichte eines Außenseiters bewogen haben.

Deutsche Filmintelligenz in Hollywood


Zinnemann, der 1929 in die USA ging, gehörte mit Filmen wie "Verdammt in alle Ewigkeit" oder "Ein Mann zu jeder Jahreszeit" neben Billy Wilder oder Robert Siodmak zu den erfolgreichsten Regisseuren, die in Hollywood Filmgeschichte geschrieben haben. Geboren am 29. April 1907 in Wien, arbeitete er nach dem Studium in Paris in der Filmmetropole Berlin, die damals die modernsten Studios der Welt besaß. Als Kameraassistent wirkte er bei dem berühmten Berliner Flaneur-Film "Menschen am Sonntag" mit. Dann lernte er bald Robert Flaherty kennen, den Wegbereiter des amerikanischen Dokumentarfilmstils, der ihn nach eigenen Aussagen neben dem italienischen Neorealismus der späten 40er, frühen 50er Jahre entscheidend beeinflusst hat.


Heute gilt "Zwölf Uhr mittags" als Vorläufer einer Reihe von Westernklassikern der 60er Jahre, etwa "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" und "Sie kannten kein Gesetz", bekannter unter dem englischen Titel "The Wild Bunch". Die im Western so üblichen Actionszenen, reit- und schießwütige Cowboys, ungebrochene Helden oder Unmengen von Landschaftsaufnahmen der endlosen Prärie, all diese Elemente fehlen in "Zwölf Uhr mittags".

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Zinnemann zeigt Miller, den Banditen, nicht wie er sich dem Ort nähert. Die Bedrohung wird ausschließlich durch die Aufnahme der Bahngleise vermittelt, die sich in der Unendlichkeit am Horizont verlieren. Diesem statischen Bild der Gleise und dem Warten der Schurken auf ihren Anführer, setzt Zinnemann die Unrast des Marshalls entgegen, der die ganze Stadt durchquert. Die Spannung steigt, umso mehr Zeit verstreicht, was immer wieder die vielen Uhren in Nahaufnahmen verdeutlichen, wobei das Pendel kurz vor zwölf – als Kane sein Testament schreibt – ganz, ganz langsam schwingt. 


Kane verkörperte einen neuen Heldentypus: Keinen Supermacho, eher einen anarchischen Individualisten, der Verletzlichkeit zeigt. Mit seinem unbeugsamen Willen provoziert er seine Umwelt und zieht Hass auf sich, weil er die Menschen mit ihren eigenen Schwächen konfrontiert. Zinnemann klagt nicht an, er macht das Zaudern verständlich, wenn die Mehrzahl sich lieber dem Konflikt entzieht und Kompromisse machen will. Kane lehnt radikal den Konformismus seiner Mitbürger ab und ist der einzige, der die wirkliche Gefahr erkennt. Die Umkehr ist für ihn nicht nur eine Frage der persönlichen Ehre, sondern eine des sozialen Pflichtgefühls.

Als weibliches Gegenstück zu Amy tritt die leidenschaftliche Saloonbesitzerin und Halb-Mexikanerin Helen Ramirez auf den Plan, die mit Kane eine Affäre hatte. Sie ist es, die Amy dazu auffordert, solidarisch mit ihrem Mann zu sein. Amy, erst hin und her gerissen, opfert schließlich ihren religiösen Pazifismus, um Kane zu helfen, Miller zur Strecke zu bringen. Am Ende wirft Kane den Sheriffblechstern in den Staub – eine Geste, die sicher nicht als Zynismus, sondern als Warnung für die Zukunft zu verstehen ist.

Susanne Gupta

Foto: Verleih



www.imdb.com/title/tt0044706/

Mehr über den Film auf den Seiten der Internet Movie Database

www.de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf_Uhr_mittags

Mehr zu Rezeption und Entstehungsgeschichte des Filmklassikers im Wikipedia.

 





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