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Inglourious Basterds

Killt Adolf!

Kinostart: 20.8.2009 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Kaum ein Filmemacher versteht es, Popsongs so markant einzusetzen wie Quentin Tarantino. Wer einmal "Reservoir Dogs" (1992) gesehen hat, wird schließlich schon bei den ersten Klängen von "Stuck in the Middle With You" an ein abgeschnittenes Ohr denken. Und "You Never Can Tell" löst nach dem Einsatz in "Pulp Fiction" (1994) auch heute noch sofort Assoziationen mit der Tanzeinlage von  Uma Thurman und John Travolta aus. Dass Regiekollege Paul Schrader einen Song wie David Bowies "Cat People" im gleichnamigen Film von 1982 im Abspann verschenkte, empfand Tarantino daher als große Enttäuschung. Nach weit über zwei Jahrzehnten hat er dem Song deshalb nun doch zu einem kongenialen Kinofilmeinsatz verholfen. "Putting out Fire With Gasoline", hört man Bowie nun in "Inglourious Basterds" singen und wird diese Zeilen künftig wohl immer damit in Verbindung bringen, wie das Ende des Zweiten Weltkriegs umgeschrieben wurde.

Tod im Kino

Das geschieht hier mit der Hilfe des Kinos – genauer gesagt mit einem großen Haufen hochentflammbaren Filmmaterials in einem Pariser Kino, in dem sich im Jahr 1944 die Nazi-Elite versammelt. Selbst Göring ist da. Goebbels auch. Und sogar der Führer Adolf Hitler höchstpersönlich ist gekommen, um die Premiere des Propagandafilms "Stolz der Nation" zu feiern. Doch dann geht der Saal in Flammen auf und Tarantino erfindet das zu Ende, was sich auch viele Menschen vor ihm schon ausgemalt haben: Nicht nur der Führer wird mit Blei durchsiebt, sondern alle wichtigen Nazi-Persönlichkeiten werden hier auf einmal ausgelöscht. Mit einer erhöhten Dosis Wahnwitz und – weit entfernt von möglichst detailgenauen  Rekonstruktionsexkursionen wie "Operation Walküre" – ohne jede Rücksicht auf historische Fakten macht Tarantino kurzen Prozess und lässt seine ganz eigene Wahrheit aus einer Kinofantasie entstehen, die so konsequent im Kino noch nie zu Ende geträumt wurde.

Der Weg zum Finale dieser waghalsigen 154-Minuten-Unternehmung, die Tarantino nach langer Drehbuchphase im rasanten Tempo seit dem Herbst vergangenen Jahres auf die Beine gestellt hat, verläuft jedoch anders, als es wahrscheinlich viele nach den ersten Berichten noch vermutet hätten. Schließlich ließ sich der Erforscher aller noch so kleiner Neben- und Abwege der Filmgeschichte ursprünglich von Enzo Castellaris "Inglourious Bastards" (1978) inspirieren, in dem es um eine Gruppe jüdisch-amerikanischer Elite-Soldaten geht, die Nazi-Skalps im von Deutschland besetzten Frankreich schälen. Doch Tarantino hält sich mit exzessiver Gewalt zurück und entlädt sie meist nur sehr lakonisch in Sekundenschnelle, während die verwegenen Basterde mit ihrem Boss Aldo Raine (Brad Pitt) zum Teil eines großen Ensembles aus Schurken und Nazi-Jägern werden. Zu dem gehört auch die junge Jüdin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent), die ganz eigene Rachepläne hegt, nachdem sie einst die Hinrichtung ihrer Familie durch den Nazi-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) miterleben musste. Damals konnte sie in letzter Sekunde entkommen und nach Paris fliehen, wo sie eine neue Identität annahm – und das Kino betreibt, in dem das Schicksal der Nazis besiegelt werden soll.

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Für eine Handvoll Skalps

Dabei lässt sich Tarantino durchaus Zeit und spielt die fünf Szenen seines in Kapitel eingeteilten Films mit langen Dialogen sehr breit aus. Mit gewohnt wilder Unbekümmertheit zitiert der filmbesessene Regisseur wild um sich und überschreitet munter diverse Genregrenzen: "Inglourious Basterds" ist Spagetti-Western, Kriegsdrama, Nazi-Farce und Rachemärchen zugleich, das zu Ennio Morricones Musik mit einem "Es war einmal – im von den Nazis besetzten Frankreich …" beginnt. Nicht immer sind die verbalen Schlagabtausche dabei so geschliffen, dass man sie gleich auswendig lernen möchte wie einst das Philosophieren über Burger und Fußmassagen in "Pulp Fiction". Doch er arrangiert seine Weltkriegsfantasie als sorgfältig vielsprachige Komposition vornehmlich deutscher, englischer und französischer Dialoge, wodurch "Inglourious Basterds" nur in der Originalversion seine volle Wirkung entfaltet.

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Dementsprechend ist für den Film, der überwiegend in den Babelsberger Studios in Potsdam entstand, ein internationales Cast verpflichtet worden. Während der bisweilen Ober-Basterd Brad Pitt breitesten Slang spricht und dabei eher arg grimassiert, kommen die schauspielerischen Glanzleistungen größtenteils von den deutschsprachigen Darstellern: von Daniel Brühl etwa als Nazi-Scharfschützenheld, Sylvester Groth einmal mehr als Goebbels oder August Diehl als Nazimajor Hellstrom. Vor allem aber gehört "Inglourious Basterds" dem grandiosen Christoph Waltz als SS-Offizier Landa, der die Vielsprachigkeit des Films fließend und beinah akzentfrei in sich vereint und hochverdient dieses Jahr in Cannes eine Auszeichnung als bester Darsteller bekam. Der Österreicher, der im Kino bislang so gut wie gar nicht in Erscheinung getreten ist und den Nazibösewicht als überhöfliche, sadistische und perfide Persönlichkeit gibt, zieht mit seinem Spiel von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Anders als der Film selbst, der erst zunehmend an Fahrt aufnimmt, als kräftiger Tritt in Nazi-Hintern sein Ziel letztlich aber doch mit ordentlich Schmackes trifft.

Inglourious Basterds, USA, Deutschland 2009, Buch & Regie: Quentin Tarantino, mit Brad Pitt, Diane Kruger, Eli Roth, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Daniel Brühl u. a., ab 16, 148 min, Kinostart: 20. August 2009 bei Universal

Fotos: ©Verleih

Sascha Rettig ist freier Journalist und Filmkritiker in Berlin.


www.inglouriousbasterds-movie.com
Website zum Film (englisch)

www.inglourious-basterds.de
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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