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Das Pokémon-Phänomen ist noch immer ungebrochen. In seinem Heimatland Japan wurden bereits vor der Premiere des 12. Kinofilms der weltweit gefeierten Taschenmonster am 18. Juli 2009 über zwei MillionenTickets verkauft. Übersetzen würde man den etwas lang geratenen englischen Titel "Pokémon Diamond & Pearl the Movie: Arceus To the Conquering of Space-Time", wohl mit "Arceus erobert Raum und Zeit". Der Run auf den Film überrascht nicht, da er doch der letzte Teil einer Trilogie im ewigen Kampf zwischen Dialga und Palkia ist. Deren finaler Kampf wird sehnsüchtig von allen Fans erwartet.
Begonnen hat das Pokémonfieber mit einem scheinbar harmlosen "Otaku" namens Tajiri Satoshi. "Otaku", meint die Anhänger von bestimmten Videospielen und Mangas. Berühmt-berüchtigt sind die vornehmlich männlichen Fans für ihre ungebremste Sammelleidenschaft. Tajiri, der in einem Vorort von Tokyo als Sohn eines Autoverkäufers aufwuchs, sammelte leidenschaftlich gern Insekten und spielte Videospiele. Gemeinsam mit seinem Freund Ken Sugimori entwickelte er 1996 das Pokémon-Videospiel für Nintendo und ließ sich dabei inhaltlich von der komplexen Welt der Insekten inspirieren. Nintendo glaubte nicht gerade an einen großen Erfolg, war doch der Game-Boy zu diesem Zeitpunkt fast schon ein Spielzeug von gestern. Doch rasend schnell traten die 151 verschiedenen, kleinen Taschenmonster ihren Siegeszug durch die ganze Welt an - als Videospiel, als TV-Serie, als Puppen, und natürlich als Sammelkartenspiel.
Verbotene Tauschbörsen
1998 kam der erste Pokémon-Kinofilm auf den Markt, der in Japan und in den USA frenetisch gefeiert wurde. In Deutschland waren die letzten Filme nur mehr im Fernsehen zu sehen, obwohl es auch hierzulande zahlreiche Fans gibt. Lehrer/innen können ein Lied davon singen. Mittlerweile wurde das Pokémon-Spiel samt Sammelkarten an allen Schulen verboten - weltweit. Mit Ausnahme des Heimatlands Japan, da dürfen die Schüler immer noch munter Pikachu, Shiggi, Bisasan oder Mew tauschen.
Kreisch, kreisch! Shoko Nakagawa!
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Ausgestattet mit einer dreißigköpfigen Delegation reiste Regisseur Kunihiko Yuyama in die Schweiz zum Filmfest nach Locarno, um seinen neuesten filmischen Streich vorzustellen. In "Pokémon Diamond & Pearl the Movie: Arceus To the Conquering of Space-Time" soll der Diamant des Lebens an seinen rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden, was mit diversen Komplikationen und farbenfrohen Kämpfen in Zeit und Raum verbunden ist. Auf der Bühne der Piazza Grande des Filmfestivals von Locarno steht plötzlich ein lebensgroßes Pikachu und gibt fiepsende Geräusche von sich, wie man sie von den Pokémons kennt. Neben ihm steht ein echtes, japanisches Girl, das ebenfalls aussieht und redet, als sei es einem Anime entsprungen, und sich schließlich als Shoko Nakagawa outet. Sie ist die Sängerin des Titelsongs des neuesten Pokémon-Kinoabenteuers.
Die Schweizer Besucher/innen sind derlei nicht gewohnt. Festivaldirektor Frédéric Maire führt zwei Trailer zum Film vor. Knallbunt sind sie, mit der typischen amerikanischen Trailer-Synchronisationsstimme, die aus jedem kleinen Gebirgsbach einen reißenden Fluss machen würde. Als Highlight der Präsentation singt Shoko Nakagawa live den Titelsong des neuen Pokémonfilms. Japanische Fans würden ihr nun schmachtend zu Füßen liegen, das Schweizer Publikum sieht belustigt bis verstört aus, denn sie wussten bislang ja noch nicht einmal von der Existenz dieses seltsam künstlich anmutenden Mädchens.
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Zehn unterschiedliche Filme von Osamu Tezuka, die "Tezuka Shorts", bieten einen Einblick in sein Schaffen. Besonders faszinierend: "Story of a Certain Street Corner".Wandplakate erwachen zum Leben - im Kampf gegen ein imaginäres totalitäres Regime.
Weitere Kurzfilmprogramme wie "Art Impact" etwa versammelt Werke bekannter Künstler und Newcomer, die experimentell arbeiten, "Deep Impact" versucht sich den Wurzeln der japanischen Kultur zu nähern, "Dream Impact" vereint kurze Filme von mehreren jungen Animatoren, die ihre Traumwelten zeigen und "Pop Impact" bringt einige der momentan angesagtesten Animatoren zusammen, etwa Makoto Shinkai. Makoto Shinkai arbeitete monatelang im Alleingang zu Hause an seinem Computer an dem fast halbstündigen Film "Voices from a Distant Star". Seine Freundin durfte die weibliche Figur einsprechen. Inspirierend ist auch die Episode mit "Mochi", einem sprechenden Reiskuchen, der zwei Hunde mit Popstarallüren interviewen will. Herzerweichend dann der 11-minütige Film "Tragedy of Soft Ice Cream", in dem Tausende von Softeishörnchen brutal und vorhersehbar niedergemetzelt werden.
Manga Impact: TV Series
Wenige japanische Anime-TV-Serien haben es im deutschsprachigen Raum in zumeist private TV-Sender geschafft, etwa "Dragon Ball", "GTO", "Last Exile" oder "Burst Angel". Einen weiteren Fokus legt das Filmfestival auf die Arbeit eines der wichtigen Studios in Japan, Gainax. Gainax wurde von einer Gruppe von Studenten gegründet, die leidenschaftliche Animéliebhaber waren. Die Gainax-Filme besitzen oft eine Metaebene, in der sie andere Anime-Klassiker ehren oder sich über sie, deren Welt und deren Fans lustig machen. Beispielhaft dafür laufen neun Beiträge aus dem Hause Gainax, u.a. deren bekanntestes Produkt, "Neon Genesis Evangelion", eine sehr emotional erzählte Robotersaga, für die es in Japan ein eigenes Genre namens "Mecha" gibt. In "Otaku No Video", trifft ein Junge auf eine Gruppe von Otakus. Erst steht er ihnen und ihren Ideen sehr skeptisch gegenüber, später wird er gar zu ihrem Anführer.
Isao Takahata und die kleine Heide
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In den 70er Jahren eroberten die ersten Anime-Serien von Isao Takahata die deutschen Fernseher. Wer immer dachte, die Serie "Heidi" kommt aus der Schweiz, der hat sich schwer getäuscht. Der weise lächelnde Japaner Isao Takahata ist der Vater der Alm-Öhi-Story. Isao Takahata ist ein aufmerksamer Beobachter von Menschen und Orten, seine Recherchereisen in die Schweiz und nach Deutschland sind legendär. (Warum?) Von ihm stammt "Die letzten Glühwürmchen", einer der besten und traurigsten Anime-Filme über den Zweiten Weltkrieg. Im unterhaltsamen Waschbärendrama "Pom Poko" lernen die Bären die Kunst der Verwandlung, um sich ihren Lebensraum von den Menschen zurück zu erobern. Regie führte Isao Takahata, die Geschichte stammt von keinem anderen als Hayao Miyazaki selbst, mit dem Takahata das legendäre Studio Ghibli gründete. Aus diesem stammen die beiden mit erfolgreichsten Animes aller Zeiten, "Chihiros Reise ins Zauberland" und "Spirited Away".
"Tomino Kill’em All"
Ein weiterer wichtiger Schöpfer der japanischen Anime-Kultur ist Yoshiyuki Tomino. Er begann ab 1964 bei Osamu Tezuka für die Mushi-Production zu arbeiten, und machte sich mit "Astro Boy" einen Namen. Seine berühmteste Schöpfung ist die Gundam Serie, die seit über dreißig Jahren existiert und die immer noch extrem erfolgreich ist. Tomino ist auf seine ganz eigene Weise sehr um Realismus bemüht, wie er in der Masterclass erklärte, die er für das Publikum in Locarno hielt: "Was ich kreiere, ist Fiktion, aber ich war immer um Realismus bemüht. Das ist auch der Grund, warum einige Teile der Serie unabhängig von mir existieren." Auch in Japan gibt es klare Grenzen, was im Fernsehen gezeigt und wie viel Gewalt etwa Kindern zugemutet werden kann. So gibt es schon mal eine Szene in seinem Werk, in dem einem der Kopf abgeschlagen wird. Aber Tomino ist es wichtig, dass er auch so etwas zeigen kann, denn wenn es Krieg gibt, sterben eben Charaktere. Tomino: "Ich will nicht lügen, sondern die Wahrheit erzählen." Für ihn ist es eine„Lüge, wenn ein Charakter wieder zum Leben erwacht." Deshalb sterben in Gundam und anderen Tamino-Werken die Helden. Das ist ungewöhnlich für die Welt der Animes und hat Tomino bei seinen Fans den Spitznamen "Tomino Kill'em All" eingebracht. Doch Gewalt mag er eigentlich nicht besonders, denn im Herzen ist er ein Pazifist.
Das Geschäft läuft und läuft
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Von Anfang an gab es in Japan einen Markt, der sich auf Merchandising und Marketing von Animes konzentrierte, etwa Puppen der Charaktere verkaufte. Die Puppen von Tominos Filmen verkauften sich nicht allzu gut, nur für den bösen Charakter gab es eine rege Nachfrage. Tomino sollte also im Auftrag des Studios neue böse Charaktere erfinden, um insgesamt bessere Merchandising-Verkaufszahlen zu erzielen. Die Otakos, die er daraufhin entwickelte, hasst er noch heute. Tomino: "Ich hasse sie, weil sie viel besser und smarter sind als wir Menschen."
"Itano Circus"
Ichiro Itano begann seine Karriere als Animator der Gundam-Serie. Sein Talent liegt darin, der Action und ihrer Kinetik einen ganz besonderen Ausdruck zu verleihen. Man meint geradezu, im Zentrum der Explosion zu stehen, hineingezogen fühlt man sich in den Sog der Bewegung. Eigens für das Filmfest in Locarno schnitt er seine beiden TV-Serien "Gantz" und "Blassreiter" zu einer Kinoversion zusammen.Nach der Vorführung hatten die Zuschauer ausgiebig Gelegenheit, dem Meister Fragen zu stellen. Die besten Fragen aus dem Publikum wurden mit Geschenken belohnt, die Itano mitgebracht hatte: Figuren aus seinen Serien, die zum Teil in Japan bereits vergriffen sind, also einen ganz speziellen ideellen Wert besitzen. "Gantz" besitzt zwar Szenen, die schockieren können, aber sein Held ist ein cooler Junge mit "street credibility", der sich mutig für seine Mitmenschen einsetzt. Itano: "Viele junge Menschen sind heute mental ziemlich krank - nicht nur in Japan. Hier wollte ich einen jungen Menschen, einen Helden, der bereit ist, für andere zu kämpfen und zu sterben. Das kann eine Art Vorbildfunktion haben."
"Blassreiter" spielt in einem imaginären Deutschland, das von biochemischen Monstern verwüstet wird. Wieso Deutschland? "Ich war vier Jahre vorher in Deutschland wegen eines Anime-Events und habe dabei viele Fotos gemacht - die wollte ich nun irgendwie verwerten."
Nana A. T. Rebhan ist Manga-Fan und berichtet u.a. für ARTE von vielen Filmfestivals.
Fotos: Cineclub Filmarchiv
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