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"Coraline" ist allerdings kein Film für die Kleinen. Wie schon in dem von Burton produzierten "Nightmare before Christmas" (1993) vermischt Selick Märchen-Elemente mit alptraumhaften Motiven, die Anleihen bei kindlichen Urängsten nehmen. Selicks Debüt war in seiner Totenkopf-Ästhetik noch stark am Horrorfilm orientiert. "Coraline", basierend auf dem gleichnamigen Jugendbuch-Bestseller von Neil Gaiman, ist dagegen subtiler und auch putziger; Gaimans Geschichte greift unter anderem Motive aus Lewis Carrols "Alice im Wunderland" auf. Selick entwirft darauf aufbauend zunächst eine typische Teenagerwelt – verspielt, verträumt und leicht zickig, die jedoch schleichend bedrohliche Züge annimmt.
Krieg wegen der Knöpfe
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Das Mädchen Coraline ist mit ihren Eltern gerade von der amerikanischen Ostküste ins tiefste Oregon gezogen. Hier beziehen sie ein altes viktorianisches Haus, das bereits von obskuren Gestalten bewohnt wird. Unter dem schiefwinkligen Dach lebt der russische Akrobat Mr. Bobinski, im Keller haben sich die übergewichtigen Schwestern Miss Spink und Miss Forcible eingenistet. Der Nachbarsjunge Wybie mit seiner sprechenden Katze ist die einzige Figur des Films, die nicht in Gaimans Roman vorkommt. In ihm findet das einsame, gelangweilte Mädchen einen Sidekick, der sie anfangs noch gewaltig nervt.
Weil sich die Eltern gleich nach dem Einzug in ihre Arbeit stürzen, beginnt Coraline das geheimnisumwitterte Haus auf eigene Faust zu erforschen. Schnell stößt sie hinter einer unscheinbaren Tür auf einen schlauchartigen Tunnel, an dessen Ende sie ein exaktes Duplikat ihrer eigenen Welt erwartet. Inklusive Eltern, die dem Mädchen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Mutter kocht und backt, während der Vater mit einem selbst gebastelten Arbeitsgefährt seiner Tochter einen Märchengarten anlegt. Das Leben auf der anderen Seite ist verführerisch und wird nie langweilig; alle umgarnen und verwöhnen sie. Ihre verrückten Nachbarn/innen veranstalten Coraline zu Ehren sogar einen Zirkus. Selbst Wybie ist hier plötzlich erträglich: Er kann nicht sprechen. Etwas allerdings macht sie stutzig: Die Bewohner/innen dieser wundersamen Welt tragen Knöpfe statt Augen. Zu spät realisiert Coraline, wie sehr die Parallelwelt hinter der Tür bereits ihr eigenes Leben durchdrungen hat. Der Ort versucht, sich ihrer zu bemächtigen.
Unheimliches in 3D
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Selick hat mit "Coraline" nicht weniger als ein kleines Wunder geschaffen. Sein Film steckt voller fantastischer, skurriler Details. Mit 100 Minuten Länge ist er der längste Stop-Motion-Animationsfilm aller Zeiten. Über zwei Jahre dauerten allein die Vorbereitungen, 130 Miniatursets mussten gebaut werden. Selick hat großen Wert darauf gelegt, den beiden Welten eine eigene Atmosphäre zu verleihen. Unterscheiden sich Coralines Elternhaus und dessen Pendant anfangs kaum, wird die Parallelwelt langsam immer bedrohlicher und verstörender. Hier half modernste Technik nach, denn "Coraline" wurde (als erster Animationsfilm überhaupt) komplett in 3D gedreht. Selick nutzt die 3D-Technik geschickt, um ein Gefühl räumlicher Tiefe zu erzielen, mit der das Mädchen aus ihrer flachen, tristen Welt gelockt werden soll. Während man mit dem 3D-Film gemeinhin immer noch hervorpoppende Objekte verbindet, erzielt "Coraline" den gegenteiligen Effekt: Der filmische Raum erweitert sich in die Tiefe, das "Sehgefühl" verändert auch die Wahrnehmung des Betrachtenden. Der Aufwand hat sich gelohnt. Wer das Glück hat, die 3D-Version im Kino zu sehen, kann erstmals wirklich nachvollziehen, was es bedeutet, in einen Film "einzutauchen".
Mit der Verbindung von moderner Technik und traditioneller Stop-Motion-Animation zeigt Selick, dass noch längst nicht alle Möglichkeiten des 3D-Kinos ausgereizt sind. Aber es ist vor allem die unperfekte Hölzernheit und die griffige Materialität der Puppen-Animation, die den speziellen Charme von "Coraline" ausmachen. Der Film ist bevölkert mit bizarren Gestalten: missproportionierte Körper auf Spinnenbeinen, ein Sammelsurium grotesk verdrehter Extremitäten, Wasserköpfe auf Schildkrötenhälsen. Wie Selick und sein Team Anmut in diese Mitleid erregenden Körper bringen, ist nichts Weniger als die hohe Kunst der Animation. Gleichzeitig verstehen sie es immer wieder, das Niedliche dieser Fantasiewelt mit kleinen Spitzen zu perforieren. Mit der Augsburger Puppenkiste hat das nicht mehr viel zu tun. Mit "Ice Age 3" zum Glück noch viel weniger.
Coraline, Animationsfilm, USA 2008, Buch & Regie: Henry Selick nach dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman, 101 min, Kinostart: 13. August 2009 bei Universal
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