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Coraline

Kleine Zicke im Wunderland

Kinostart: 13.8.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Erinnert sich noch jemand an die Augsburger Puppenkiste? In den 1970er-Jahren waren Jim Knopf, Lukas, der Lokomotivführer oder Urmel aus deutschen Kinderzimmern einfach nicht wegzudenken. Dabei waren sie alles andere als "cool". Sie hatten eiförmige Holzköpfe, ihre Bewegungen sahen ungelenk aus und ihre Mitstreiter/innen hörten auf Namen wie Herr Schu, Pi Pa Po und Wutz. Heute würde ein Film mit Marionetten kein Kind mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Bezeichnenderweise wurde das Urmel vor einigen Jahren einer gründlichen Generalüberholung unterzogen: als computeranimierter Kinofilm mit prominenten Sprecher/innen wie Oliver Pocher und Anke Engelke.

Im digitalen Zeitalter hat die Idee eines Puppenfilms etwas liebevoll Anachronistisches. Heute strebt der Animationsfilm nach größtmöglichem Naturalismus, bis in die Haarspitzen (beziehungsweise Schaltkreise) seiner neuen Stars Shrek, dem Mammut Manfred und Wall-E. Alles muss noch perfekter, lebensechter, tiefenschärfer aussehen. Dank computergenerierter Bilder (CGI) ist keine filmische Illusion mehr unmöglich. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder. Allein die Produktion von "Ice Age 3" verschlang stolze 90 Millionen Dollar; die Umsätze der "Ice Age"-Trilogie erinnern inzwischen eher an die jährliche Produktionsleistung mittelgroßer Schwellenländer denn an familienfreundliche Unterhaltungsfilme.

Kein Film für Kleine

Neben hochgerüsteten Blockbuster-Franchises wie "Ice Age 3" und dem neuen Pixar-Wunder "Oben" (Kinostart am 17. September 2009) nimmt sich Henry Selicks Film "Coraline" wie ein Fremdkörper aus. Denn Selick ist wie sein Mentor Tim Burton ("Sweeney Todd") und die Brüder Quay ein Fan von Stop-Motion-Animation im Stile alter Ray-Harryhausen-Monsterfilme – und damit stellt "Coraline", zu einem Zeitpunkt, als die perfekten Digitalwelten Pixars längst als Maß aller Dinge gelten, vielleicht ein letztes Zeichen aus der analogen Ära der Kulissenbauer/innen dar. Die Augsburger Puppenkiste lässt grüßen.

"Coraline" ist allerdings kein Film für die Kleinen. Wie schon in dem von Burton produzierten "Nightmare before Christmas" (1993) vermischt Selick Märchen-Elemente mit alptraumhaften Motiven, die Anleihen bei kindlichen Urängsten nehmen. Selicks Debüt war in seiner Totenkopf-Ästhetik noch stark am Horrorfilm orientiert. "Coraline", basierend auf dem gleichnamigen Jugendbuch-Bestseller von Neil Gaiman, ist dagegen subtiler und auch putziger; Gaimans Geschichte greift unter anderem Motive aus Lewis Carrols "Alice im Wunderland" auf. Selick entwirft darauf aufbauend zunächst eine typische Teenagerwelt – verspielt, verträumt und leicht zickig, die jedoch schleichend bedrohliche Züge annimmt.

Krieg wegen der Knöpfe

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Das Mädchen Coraline ist mit ihren Eltern gerade von der amerikanischen Ostküste ins tiefste Oregon gezogen. Hier beziehen sie ein altes viktorianisches Haus, das bereits von obskuren Gestalten bewohnt wird. Unter dem schiefwinkligen Dach lebt der russische Akrobat Mr. Bobinski, im Keller haben sich die übergewichtigen Schwestern Miss Spink und Miss Forcible eingenistet. Der Nachbarsjunge Wybie mit seiner sprechenden Katze ist die einzige Figur des Films, die nicht in Gaimans Roman vorkommt. In ihm findet das einsame, gelangweilte Mädchen einen Sidekick, der sie anfangs noch gewaltig nervt.

Weil sich die Eltern gleich nach dem Einzug in ihre Arbeit stürzen, beginnt Coraline das geheimnisumwitterte Haus auf eigene Faust zu erforschen. Schnell stößt sie hinter einer unscheinbaren Tür auf einen schlauchartigen Tunnel, an dessen Ende sie ein exaktes Duplikat ihrer eigenen Welt erwartet. Inklusive Eltern, die dem Mädchen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Mutter kocht und backt, während der Vater mit einem selbst gebastelten Arbeitsgefährt seiner Tochter einen Märchengarten anlegt. Das Leben auf der anderen Seite ist verführerisch und wird nie langweilig; alle umgarnen und verwöhnen sie. Ihre verrückten Nachbarn/innen veranstalten Coraline zu Ehren sogar einen Zirkus. Selbst Wybie ist hier plötzlich erträglich: Er kann nicht sprechen. Etwas allerdings macht sie stutzig: Die Bewohner/innen dieser wundersamen Welt tragen Knöpfe statt Augen. Zu spät realisiert Coraline, wie sehr die Parallelwelt hinter der Tür bereits ihr eigenes Leben durchdrungen hat. Der Ort versucht, sich ihrer zu bemächtigen.

Unheimliches in 3D

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Selick hat mit "Coraline" nicht weniger als ein kleines Wunder geschaffen. Sein Film steckt voller fantastischer, skurriler Details. Mit 100 Minuten Länge ist er der längste Stop-Motion-Animationsfilm aller Zeiten. Über zwei Jahre dauerten allein die Vorbereitungen, 130 Miniatursets mussten gebaut werden. Selick hat großen Wert darauf gelegt, den beiden Welten eine eigene Atmosphäre zu verleihen. Unterscheiden sich Coralines Elternhaus und dessen Pendant anfangs kaum, wird die Parallelwelt langsam immer bedrohlicher und verstörender. Hier half modernste Technik nach, denn "Coraline" wurde (als erster Animationsfilm überhaupt) komplett in 3D gedreht. Selick nutzt die 3D-Technik geschickt, um ein Gefühl räumlicher Tiefe zu erzielen, mit der das Mädchen aus ihrer flachen, tristen Welt gelockt werden soll. Während man mit dem 3D-Film gemeinhin immer noch hervorpoppende Objekte verbindet, erzielt "Coraline" den gegenteiligen Effekt: Der filmische Raum erweitert sich in die Tiefe, das "Sehgefühl" verändert auch die Wahrnehmung des Betrachtenden. Der Aufwand hat sich gelohnt. Wer das Glück hat, die 3D-Version im Kino zu sehen, kann erstmals wirklich nachvollziehen, was es bedeutet, in einen Film "einzutauchen".

Mit der Verbindung von moderner Technik und traditioneller Stop-Motion-Animation zeigt Selick, dass noch längst nicht alle Möglichkeiten des 3D-Kinos ausgereizt sind. Aber es ist vor allem die unperfekte Hölzernheit und die griffige Materialität der Puppen-Animation, die den speziellen Charme von "Coraline" ausmachen. Der Film ist bevölkert mit bizarren Gestalten: missproportionierte Körper auf Spinnenbeinen, ein Sammelsurium grotesk verdrehter Extremitäten, Wasserköpfe auf Schildkrötenhälsen. Wie Selick und sein Team Anmut in diese Mitleid erregenden Körper bringen, ist nichts Weniger als die hohe Kunst der Animation. Gleichzeitig verstehen sie es immer wieder, das Niedliche dieser Fantasiewelt mit kleinen Spitzen zu perforieren. Mit der Augsburger Puppenkiste hat das nicht mehr viel zu tun. Mit "Ice Age 3" zum Glück noch viel weniger.

Coraline, Animationsfilm, USA 2008, Buch & Regie: Henry Selick nach dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman, 101 min, Kinostart: 13. August 2009 bei Universal

Fotos: Verleih

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.


www.coraline.com
Website zum Film (englisch)

http://movies.universal-pictures-international-germany.de/coraline

Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de

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