John Dillinger ging offenbar gern ins Kino. Zumindest in Michael Manns "Public Enemies" sieht man ihn immer mal wieder in der Anonymität eines dunklen Kinosaals verschwinden. Auch die Stunden, bevor er auf offener Straße vom FBI erschossen wird, verbringt er dort und sieht versteckt als ein Zuschauer unter vielen mit glänzenden Augen Clark Gable in der Gangsterstory "Manhattan Melodrama" (1934) zu. Es steckt eine gewisse Ironie in dieser Szene, wenn man bedenkt, dass Dillingers kurzes Leben aus demselben Stoff gemacht war wie die großen Gangstergeschichten auf der Leinwand. Auch er war ein Gangster und Outlaw, der lange Zeit seines noch recht jungen Lebens im Gefängnis gesessen hatte. Nach seinem Ausbruch 1932 startete er mit seiner Bande eine Reihe legendärer Banküberfälle und wurde dann schnell zum meistgesuchten Mann der USA. Das FBI unter J. Edgar Hoover deklarierte ihn sogar zum "Staatsfeind Nummer 1".

Eine ambivalente Persönlichkeit
Dementsprechend war Dillinger später auch auf der Kinoleinwand kein Unbekannter. Schon mehrfach wurde seine Geschichte verfilmt, wobei vor allem zwei Filme von 1945 und 1973 maßgeblich sind, die beide in Deutschland den Titel "Jagd auf Dillinger" tragen. Nun kommt mit "Public Enemies" vom Action-Regisseur Mann ("Insider", 1999) eine Version hinzu – mit Johnny Depp als Dillinger und Christian Bale als dessen FBI-Gegenpart Melvin Purvis.
Mann feiert darin Dillinger jedoch weder als anarchistischen Helden, noch zeigt er ihn ausschließlich als brutalen Killer, der letztlich von einem moralisch erhabenen Polizisten zur Strecke gebracht wird. Mann überlässt sein Publikum stattdessen den Ambivalenzen in der Persönlichkeit der Staatsfeind-Legende und hat mit Depp einen denkbar passenden Hauptdarsteller gefunden, in dessen Filmographie es ohnehin vor gebrochenen, widersprüchlichen Figuren nur so wimmelt. Depp verkörpert Dillinger recht zurückhaltend und ohne jede mimische Extravaganz: als einen Mann, der sich – egal ob seine Freundin Billie oder Geld – das nimmt, was er will. Dabei setzt er selbstverständlich auch Gewalt ein und ist so kühn, dass er in einer atemberaubenden Szene in aller Seelenruhe durch das Polizeirevier spaziert.
Dualität von Gangster und Polizei"Public Enemies" basiert zwar lose auf Bryan Burroughs Buch "Public Enemies: America's Greatest Crime Wave and the Birth of the FBI, 1933-43", dennoch klammert sich Regisseur Mann, der auch am Drehbuch mitschrieb, nicht zwanghaft an Faktentreue und hangelt sich nicht an einer Chronologie der Ereignisse entlang. Man kann es ihm dabei durchaus als Schwäche auslegen, dass er sich kaum mit der Einordnung historischer Hintergründe aufhält und auch die Motivation Dillingers auf ein paar markante Dialogzeilen reduziert. Aber der Regisseur will nicht psychologisieren oder erklären, sondern bedient sich anderer Antriebe für seinen Film: Neben der Liebesgeschichte mit Billie Frechette (Marion Cotillard), die immer dann ihre starken Momente hat, wenn die meist voneinander Getrennten zueinander kommen wollen, konzentriert er sich vor allem auf die Jagdszenen aus der Zeit der Großen
Depression. In diesen Szenen zeigt er auch, wie moralisch nah der Gesetzlose und der Gesetzesvertreter bei dieser Hatz zueinander stehen. So zieht Ermittler Pelvis auf Anraten seines Vorgesetzten "die weißen Handschuhe" aus. Damit ist jede Methode – auch Folter – gerechtfertigt, solange sie dazu dient im "war against crime", Dillinger dingfest zu machen. Mann bewegt sich mit dieser Dualität in sehr vertrautem Terrain, hat er das Katz-Maus-Prinzip doch bereits in mehreren Filmen variiert; nicht zuletzt beim perfekt zugespitzten Gangsterdarstellerikonen-Gipfel zwischen Robert DeNiro und Al Pacino in seinem Thriller "Heat" (1995).
Neuer Blick auf alte Zeiten
Dabei bietet "Public Enemies" aber auch vieles, was man von einem Gangsterfilm erwartet – von rasanten Fluchten über bleihaltige Schusswechsel bis hin zu Bankräubereien. Vor allem diese nach und nach eingestreuten Überfälle wirken – unterlegt mit der Banjo-beschleunigten Bluegrass-Music – wie kurze Adrenalineinschüsse. Doch anders als viele andere Genrevertreter wie Brian de Palmas Capone-Film "Die Unbestechlichen" (1987) schwelgt Manns Film nicht in der Eleganz teurer Ausstattung und Kostüme. Er setzt nach "
Collateral" und "
Miami Vice" stattdessen seine Experimente mit der hochauflösenden Digitalkamera fort. Dabei wird nicht nur das hohe Budget häufig in Nahaufnahmen versteckt. Weil jede Hautpore und jeder kleine Makel in den scharfen Bildern sichtbar wird, scheinen auch Bale und Depp hier weniger wie große Hollywoodstars, noch erlangen ihre Figuren auf der Leinwand Überlebensgröße. Vor allem für solch einen in den 1930er-Jahren angesiedelten Stoff ergibt sich durch den Einsatz dieser Technik so ein äußerst reizvoller Effekt, der dieser längst vergangenen Ära eine irritierende Gegenwärtigkeit verleiht.
Durch diese Herangehensweise wird Regisseur Mann selber zu so etwas wie einem Regie-Outlaw, der in einer teuren Hollywoodproduktion – und somit dort, wo man es eigentlich kaum erwartet – nach seinen eigenen Regeln verfährt. Dadurch lässt er mit "Public Enemies" einen neuen, anderen Blick auf ein sehr altes Genre zu – und allein das täuscht auf aufregende Weise über manch einen inhaltlichen Makel dieser Gangsterstory hinweg.
Public Enemies, USA 2009, Regie: Michael Mann, Buch: Ronan Bennett, Michael Mann, Ann Biderman nach Bryan Burroughs Sachbuch "Public Enemies. America's Greatest Crime Wave and the Birth of the FBI, 1933-34", mit Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Giovanni Ribisi, Billy Crudup u.a., DF, OmU oder OV, ab 16, 143 min, Kinostart: 6. August 2009 bei Universal
Fotos: ©Verleih
Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.
Website zum Film (englisch)
Website zum Film (deutsch)
Infos zum Film in der Internet Movie Database
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