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Einmal stehen sich der Großgrundbesitzer und die Indianer, die eines seiner Felder besetzt haben, gegenüber und der Großgrundbesitzer unterstreicht seinen Anspruch auf das Land, indem er sagt, seine Familie bewirtschafte es bereits seit drei Generationen. Als Antwort nimmt Nadio, der Häuptling des Stammes, eine Handvoll Erde vom Boden auf, schiebt sie sich in den Mund und isst sie. Für ihn ist das Land kein Mittel zum Zweck. Das Land und sein Leben sind eins.
Bilder voller Geheimnisse
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Ein Abgrund trennt die Welt der Weißen von der der Roten und diese Szene in Marco Bechis "Birdwatchers - Das Land der roten Menschen" lässt dessen Tiefe immerhin ermessen. Ohnehin gelingen Bechis – 1955 in Chile geboren, in Argentinien aufgewachsen, als Zwanzigjähriger nach Italien emigriert und Regisseur des Dramas "Junta" – in seinem hervorragenden und klugen Film immer wieder Bilder, die mit großer Einfachheit verwirrend komplizierte Beziehungen zum Ausdruck bringen: zwischen Eroberer/innen und Ureinwohnern/innen, zwischen Jungen und Alten, zwischen Männern und Frauen, zwischen Lebenden und Toten. Und oft liegt das Geheimnis dieser Bilder in den Blicken, die darin ausgetauscht werden, und in der Geduld, mit der diesen Blicken gefolgt wird.
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Manchmal sieht es in "Birdwatchers" so aus, als wäre nicht nur eine Annäherung möglich, sondern sogar Verständigung, doch Bechis bedient mit seinem Film nicht das schlechte Gewissen der Weißen, indem er Träume von Versöhnung anbietet oder von Rückkehr zur Natur. Und jenen Szenen, die die sexuelle Attraktion zwischen Vertretern/innen der aufeinander prallenden Kulturen zeigen, ist in diesem Kontext schon gleich gar nicht zu trauen. Die Triebenergie, die sich in ihnen artikuliert, hat wenig mit Zuneigung zu tun, viel dafür mit der Faszination, die das Fremde ausübt, mit Lust an der Eroberung und mit Sex als Waffe und Mittel der Manipulation.
Dazu kommt, dass sexuelle Anziehung und kulturelle Ignoranz hier miteinander verknüpft sind. Bechis erzählt vom Verhältnis zwischen Weiß und Rot von einem bestimmten historischen Standpunkt aus: Er schildert die Bedrohung der Kultur der Guarani-Kaiowá aus deren Perspektive, auf ihrer Seite stehend und im Kontext jenes Völkermordes, der die Eroberung des amerikanischen Kontinents war. Dementsprechend aufrichtig unbequem fällt das Ergebnis aus: bei aller Gelassenheit hochdramatisch und bei allem Humor tieftraurig. Vor allem ist immer wieder mit geradezu erschütternder Deutlichkeit zu sehen, wie fremd sich Eroberer und Eroberte in ihrer nunmehr 500-jährigen, erzwungenen gemeinsamen Geschichte geblieben sind.
Das Fremde der anderen
Denn nichts bringt den Großgrundbesitzer und seine Mitarbeiter so schnell aus der Fassung wie eine Konfrontation mit der stumm beobachtenden Gruppe von Indianern/innen um Nadio. Worauf warten die? Warum sagen die nichts? Wieso schauen die nur? Und als würden sie von einer Sekunde zur anderen in die abergläubische Mittelalter-Mentalität ihrer Conquistadoren-Vorväter zurückfallen, gibt es plötzlich auch kein anderes Mittel mehr gegen die tief sitzende Angst vor den irrationalen Mächten, mit denen "die Wilden" offenbar im Bunde stehen, als die Gewalt.
Marco Bechis
In solchen Szenen blitzt in diesem Film auch etwas auf von der tiefen Unheimlichkeit des Landes, des Urwaldes und seiner Bewohner/innen, wie sie sich den Entdeckern seinerzeit dargeboten haben mag. Einer Unheimlichkeit, deren überwältigende, die Sinne verwirrende Macht zum Beispiel Werner Herzog in "Aguirre - Der Zorn Gottes" (1972) einzufangen versucht hat.
Im Mittelpunkt: die Guarani-Kaiowa
Im Gegensatz aber zu Herzogs "Aguirre" und "Fitzcarraldo" (1982) und Roland Joffés "The Mission" (1986), in denen Vertreter/innen indigener Völker zwar zentrale Motive der Handlung liefern, ansonsten aber als Statisten den malerischen Hintergrund für Stars wie Klaus Kinski und Robert De Niro bilden, stehen die Guarani-Kaiowá in "Birdwatchers" nicht bloß im Zentrum der Geschichte, sie sind auch die Hauptakteure/innen. Zudem stellte Bechis sicher, dass sie die ungewöhnliche Situation der Filmdreharbeiten jederzeit im Griff behielten. Er führte nach einem geduldigen Auswahlverfahren Schauspiel-Workshops durch, erklärte den Ausgewählten filmische Mittel und dramaturgische Strategien. Außerdem wurde, damit alle der Entwicklung der Geschichte folgen konnten, chronologisch gedreht. Jeden Morgen wurde der Drehplan besprochen, die Erfahrungen der Darsteller/innen ebenso wie die Erfahrungen des Regisseurs flossen in die Arbeit unmittelbar ein. Auf der Leinwand ist das Ergebnis dieser großen, geduldigen Arbeit nun in Form dieses großen, ruhigen Films zu sehen. Die Guarani-Kaiowá erzählen uns ihre Geschichte. Es empfiehlt sich, ihnen zuzuhören.
(Birdwatchers - La terra degli uomini rossi) Italien, Brasilien 2009, Regie: Marco Bechis, Buch: Marco Bechis, Luiz Bolognesi in Zusammenarbeit mit Lara Fremder, mit Abrísio da Silva Pedro, Alicélia Batista Cabreira, Ademilson Concianza Verga u.a., 108 min, Kinostart: 16. Juli 2009 bei Pandora
Alexandra Seitz ist Filmournalistin und lebt in Berlin.
Fotos: Verleih
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