Redacted

Die Wahrheit - und nichts als die Wahrheit?

Kinostart: 29.6.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jeder Krieg bringt seine eigenen Bilder hervor. Der Vietnam-Krieg: Fotos von panisch flüchtenden Zivilisten/innen und Napalmteppichen. Im Zweiten Golfkrieg: die grünlich schimmernden Nachtaufnahmen von Bagdad und unscharfe Kamerabilder von Lenkraketen. Und heute: Schnappschüsse aus Abu-Ghraib, Zeugnisse einer außer Kontrolle geratenen Befreiungsmission.

Diese Bilder sind längst in die Mediengeschichte eingegangen – während Hollywood immer noch nach der passenden Umsetzung sucht, um im Kino vom Krieg zu erzählen. Immer wird die Sichtweise gefärbt sein. In Vietnam zog die Presse mit den GIs in den Dschungel, im Golfkrieg ging jedes Pressebild erst durch die Militärzensur. Heute erfährt die Welt über Blogs, YouTube und Twitter in Echtzeit von Protesten im Iran oder Ausschreitungen im Gaza-Streifen. Protestierende werden selbst zu Reportern/innen; Handybilder wandern in Sekundenschnelle um die Welt, oft auch vorbei an strengen Sicherheitsvorkehrungen. Ein- oder bestenfalls zweispurige Informationskanäle gehören der Vergangenheit an, die Informationsstruktur gleicht inzwischen einem Netzwerk.

Ein Spielfilm direkt vom Schauplatz des Krieges


Hollywood vertraut dagegen immer noch auf die klassische dramaturgische Erzählung. Brian de Palma hat mit seinem letzten Film "Redacted" einen eher unkonventionellen Weg gewählt. Während Paul Haggis mit "Im Tal von Elah" oder Robert Redford mit "Von Löwen und Lämmern" die Heimatfront als Schauplatz wählten, erzählt de Palma seinen Kriegsbericht sozusagen aus erster Hand: "Redacted" besteht größtenteils aus verwackelten Handkameraaufnahmen des jungen Rekruten Angel Salazar, der in einer der gefährlichsten Gegenden im Irak für die Herstellung der öffentlichen Ordnung sorgen soll. Angel will der neue Spike Lee werden, also filmt er Einsätze und interviewt seine Kameraden für sein Cinema-Verité-Meisterwerk. Die Soldaten selbst zeigen sich dabei nicht im besten Licht: Sie sind dumm, rassistisch und sexistisch. Ein Faktum, das viele, nicht nur amerikanische, Kritiker/innen monierten, weil es dem Film allzu cartoonhafte Züge verleiht und er damit auch de Palmas Absicht unterläuft: zu zeigen, dass erst der Krieg die Menschen zu Monstern macht. Bei de Palma sind sie es schon vorher. Mit seiner Figur des Angel liefert de Palma in "Redacted" die einzige einigermaßen sympathische Figur. Die allgemeine Stimmung kippt ins Barbarische, als der Vorgesetzte vor laufender Kamera bei einem Anschlag getötet wird. Aus Rache dringt eine Gruppe Soldaten nachts in ein Wohnhaus ein, vergewaltigt die Tochter und tötet deren Familie.
"Redacted" basiert auf wahren Begebenheiten, aber de Palma geht es weniger um journalistische Genauigkeit. Da die Faktenlage im Ausnahmezustand des Krieges kaum zu überprüfen ist, bedient er sich einer Vielzahl von Sprecherpositionen: neben dem Videotagebuch Angels auch der Kriegsblogs wütender Iraker, körniger Überwachungsaufnahmen, Berichten eines arabischen Nachrichtensenders und einer als echt inszenierten französischen Irak-Dokumentation, die einzige auf 35mm-Material gefilmte Sequenz im Film. De Palma zollt der Bildmächtigkeit des Krieges im 21. Jahrhundert Tribut, indem er die multilateralen Erzählströme der modernen Kriegsberichterstattung gleichwertig nebeneinander stellt.

Der Glaube an die Echtheit der Bilder ist längst erschüttert

All diese Intentionen erinnern stark an die Theorielastigkeit eines Godard, und tatsächlich verkündet Angel einmal dessen nicht ganz ernst gemeintes Mantra, dass seine Videokamera die Wahrheit und nichts als die Wahrheit einfangen wird – 24 Mal in der Sekunde. Unter den Bedingungen des Krieges bleibt das natürlich eine schöne Illusion. De Palma zitiert den Schriftsteller Rudyard Kipling, wenn er einen der Soldaten in die Kamera sagen lässt, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges, "first casualty of war" sei – und er verweist damit indirekt auf seinen inzwischen fast zwanzig Jahre alten Vietnam-Film "Die Verdammten des Krieges", "Casualties of War".

In Deutschland hat "Redacted" es nicht in die Kinos geschafft, was sicher nicht nur daran liegt, dass sich de Palma mit seinem Experiment, das Kino mit modernen Kommunikationsmedien auch ästhetisch zusammenzubringen, den Sehgewohnheiten des Publikums kompromisslos entgegenstellt. Aber die sperrige Form des Films passt zu seinem unverhohlen wütenden Tonfall. De Palma war noch nie ein Mann der moderaten Töne; seine Filme neigen von jeher zu pompösen Gesten und dreistem Voyeurismus. Mit "Redacted", seinem interessantesten Film seit einer gefühlten Ewigkeit, hat er aber noch einmal allen gezeigt, dass weiter mit ihm zu rechnen ist.
Andreas Busche

Fotos: Verleih


www.imdb.com
Mehr über den Film auf den Seiten der Internet Movie Database

www.de.wikipedia.org/wiki/Brian_De_Palma

Mehr über den Regisseur auf den Wikipedia-Seiten




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