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Als "Wie ein wilder Stier - Raging Bull" im Jahr 1980 in die Kinos kam, erntete die Verfilmung der Autobiografie des legendären Jake LaMotta zunächst zwiespältige Kritiken. Auch kommerziell wurde der Film kein großer Erfolg. Das Problem war: Das Thema schien zu profan, zu oft gesehen. "Das Blöde an dem verdammten Ding ist", sagte Mardick Martin, einer der Drehbuchautoren, "dass es schon hundert Male gemacht worden ist: Ein Boxer, der Probleme hat mit seinem Bruder, seiner Frau und der Mafia".
Die ewige Geschichte vom Aufstieg und Fall
Tatsächlich: "Raging Bull" war ein Boxerfilm. Ein Genre, das in Hollywood eine lange Tradition hatte, aber nicht wirklich ernst genommen wurde. Boxerfilme, das waren meist billig gemachte, reißerische B-Pictures, schnelles Futter fürs Bahnhofskino. Martin Scorsese aber schuf nicht nur die definitive, letztgültige Version dieses nachgerade biblischen Motivs, sondern erhob die Geschichte vom Preisboxer, der von seinen eigenen Dämonen verfolgt wird, zur moralischen Parabel. Aus einer typischen amerikanischen Geschichte, dem Aufstieg und Fall eines modernen Gladiatoren, wurde unter den Händen des italo-amerikanischen Regisseurs und mit Hilfe herausragender Darsteller ein Melodram von nahezu antiken Ausmaßen, eine Geschichte von universeller Strahlkraft und mit einer ewig gültigen Aussage.
Vor allem aber war "Raging Bull" eine Studie der Körper und ihrer Zerstörung. LaMotta erwarb sich seinen Spitznamen "The Bronx Bull" in den Vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, weil er ohne Rücksicht auf sich selbst durch den Ring stürmte. Noch heute gilt er als der Kämpfer mit dem widerstandsfähigsten Kinn der Boxgeschichte: Er war kein guter Techniker, verzichtetet weitgehend auf Taktik und glänzte auch nicht durch außergewöhnliche Schlagkraft, aber keiner konnte so viele Schläge des Gegners einstecken wie LaMotta. Auch außerhalb des Boxrings durchlebte er alle Höhen und Tiefen: LaMotta war sechs Mal verheiratet, ließ sich mit dem organisierten Verbrechen ein und gab zu, zumindest einen Kampf für Bezahlung verschoben zu haben. Nach seiner aktiven Laufbahn schlug er sich als Schauspieler, Komiker und Barbesitzer durch.
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Nun ist, in den klaren, nichts vertuschenden
Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Films schmerzlich genau zu sehen, wie sich
die Kämpfer gegenseitig malträtieren. Blut spritzt, Knochen knacken,
Fleisch verformt sich: Filme wie der vier Jahre zuvor gedrehte "Rocky"
hatten die archaische Auseinandersetzung Mann gegen Mann ins absurd
Lächerliche übersteigert, das Boxen zum Superhelden-Comic degradiert. "Raging Bull" holt in fast dokumentarischer Eindringlichkeit die
ungehemmte Brutalität des Faustkampfes zurück auf die Leinwand. Das
Boxen wird wieder zum Sport, in dem die tierische Natur des Menschen am
unverstelltesten zum Ausdruck kommt. Aber auch zu einer Parabel auf den
Kapitalismus: Die Kämpfer geben ihren Körper, sie opfern das Einzige,
was sie haben, für den gesellschaftlichen Aufstieg.
Minutiöser Einsatz: Schauspieler, Kamera, Schnitt
Und wie, als wollte er das Leben LaMottas mit seinen Mitteln
duplizieren, absolvierte De Niro eine darstellerische Tour de Force.
Der Schauspieler ging auch körperlich in seiner Rolle auf, von den
Box-Stunden bis zur mittlerweile legendären Gewichtszunahme: So wie
LaMotta das Boxen auf die selbstzerstörerische Spitze trieb, ging De
Niro bis an die Grenzen des "Method Acting". Das von Schauspiellehrer
Lee Strasberg entworfene Verfahren, eine Rolle möglichst authentisch
nach zu erleben, wurde von De Niro und seiner Fressorgie im Dienste der
Kunst pervertiert. Doch was soll’s: Am Ende steht ein Meisterwerk wie "Raging Bull". Und Robert De Niro wurde die 27 Kilo ja auch wieder los.
Thomas Winkler
Fotos: Verleih
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