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Lilja 4-Ever

Zerstörte Träume

Kinostart: 4.12.2003 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Mädchen rennt auf eine Autobahnbrücke in einer namenlosen Stadt. Ihr Gesicht ist mit Blutspuren und blauen Flecken übersät. Wird sie sich hinunterstürzen? Eine Rückschau auf ihr junges Dasein lässt eigentlich nur einen Schluss zu.

Wir haben unser Bild vom Leben in der ehemaligen Sowjetunion, doch das Schicksal des Mädchens Lilja übertrifft die schlimmsten Vermutungen. Aufgewachsen ist sie in einer verwahrlosten Plattenbausiedlung. Eines kalten, grauen Tages macht sich ihre Mutter davon. Mit ihrem Lebenspartner will sie in Amerika neu anfangen. Lilja ist fortan allein auf sich gestellt. Eine Tante weist ihr ein dreckiges Loch als Behausung zu, sie hält es dort nicht aus. Also zieht sie mit ihrem kleinen Freund, dem erst 11-jährigen Volodya, um die Häuser. Ihr Alltag besteht aus Klebstoffschnüffeln, Alkohol und kleinen Diebstählen. Als sie das letzte Mal in der Schule ist, gibt ihr die Lehrerin mit deutlicher Ironie den Rest: "Auf dich wartet eine goldene Zukunft."

Ausweglos

Doch das ist das süße Leben im Vergleich mit dem, was noch kommt. Nur eine Spur härter als die zartbittere Langeweile, die Lukas Moodysson in seinem Provinzporträt "Raus aus Åmål" so einfühlsam beschrieben hat. Diesmal kappt der schwedische Regisseur das Fangnetz. Er lässt uns noch einmal hoffen, als Lilja einen netten Jungen kennen lernt: Andrei verspricht der aufgeweckten Einzelkämpferin - die Mutter hat ihr inzwischen per Post die Elternschaft gekündigt - einen guten Job in Schweden. Und dann ist es auch schon zu spät: Lilja wird eine von circa 120.000 Frauen und Kindern, die von Menschenhändlern jedes Jahr in die Staaten der Europäischen Union verschleppt werden. Die EU und die Vereinten Nationen schätzen ihre Zahl in Westeuropa derzeit auf 500.000.

Es ist nun auch zu spät, kluge Fragen zu stellen. Haben wir Andrei wirklich vertraut? Hat Lilja vielleicht mehr geahnt, als sie wahrhaben wollte? Hat sie nicht selbst einen unverzeihlichen Fehler begangen, als sie den kleinen Volodya alleine zurückließ, um das nackte Elend im Postsozialismus für ein Leben im goldenen Westen einzutauschen? Zu sehr identifizieren wir uns bereits mit ihr, fühlen, was sie fühlt - und erinnern uns noch einmal mit ihr: an den Schriftzug "Lilja 4-Ever", den sie in eine Parkbank geritzt hat, an ihre Gebete, an Gespräche bei Kerzenschein über ein besseres Leben nach dem Tod und an die Musik, die sie gehört hat. Sie war stolz darauf, dass sie am selben Tag wie Britney Spears Geburtstag hat. Die Poster des russischen Popduos t.A.T.u. hingen in ihrem Kinderzimmer. Nun wird sie in Schweden als Prostituierte gefangen gehalten und von einem Freier zum nächsten gereicht.

Gnadenlos

Es mag albern klingen, aber nach der Begegnung mit Liljas Schicksal bekommt ein t.A.T.u.-Song wie "Not Gonna Get Us" eine ganz neue düstere und aufrüttelnde Bedeutung. Lukas Moodysson hat einen ungeheuer persönlichen Film gedreht, der unter die Haut geht. "Lilja 4-Ever" ist ein moralisches Bekenntnis gegen die Realität der Zwangsprostitution, das die brutale Ökonomie sexueller Ausbeutung im Kapitalismus beim Namen nennt und dabei auch den Vorwurf der Manipulation von Gefühlen nicht fürchtet. So ist der von ihm gewählte Drehort natürlich höchst suggestiv: ein ehemaliger Flottenstützdpunkt in Estland - nach dem Zerfall der mächtigen Sowjetunion ein bedrückendes Mahnmal der Leere. Aber wenn die Hoffnungslosigkeit die Grenzen des Darstellbaren erreicht, kann man sie eben zurücknehmen und mit einem fragilen Optimismus doch noch irgendwie an der Aussage festhalten - oder man durchbricht die Grenze mit wilder Kompromisslosigkeit, wie es Moodysson tut. Diese Kompromisslosigkeit ist es letztlich, die seinen Film so unbedingt sehenswert macht. Sie macht auch begreiflich, warum ein Mädchen wie Lilja in Selbstmordabsicht auf eine Autobahnbrücke rennt und nicht zur Polizei. Zuvor hatte sie sich die Haare abgeschnitten, um hässlich zu sein. Als sie in einem Bekleidungsgeschäft in Malmö vor einer Verkäuferin stand, hatte sie kein Wort herausgebracht.

Doch bei aller Tragik ist "Lilja 4-Ever" auch ein trotziger Protest, den die 16-jährige Laiendarstellerin Oksana Akinshina in jeder Geste verkörpert. Ihre Lilja bleibt einem noch lange im Gedächtnis als ein Mädchen, das eine feindliche Welt nicht verbiegen, aber zerbrechen kann. Es ehrt Moodysson, dass er dieses Menschenwesen am Ende nur nur durch eine geradezu hilflose und inkonsequente religiöse Metaphorik zu retten vermag. Das ist keine Parallele zu seinem dänischen Kollegen Lars von Trier, der sich in seinen Filmen immer wieder mit dem Thema "Glauben" auseinandersetzt, sondern das genaue Gegenteil. Ohne seinen christlichen Glauben, sagt Lukas Moodysson, hätte er diesen Film nicht machen können. Auch wenn Gott, wie er einräumt, niemals auf Liljas Gebete antwortet.

Lilja 4-Ever, Schweden 2002, Buch und Regie: Lukas Moodysson, mit Oksana Akinshina, Artiom Bogucharskij, Elina Benenson, Lilia Sinkarjova, Pavel Ponomarjov, Tomas Neumann, Ljubov Agapova, Anastasia Bedredinova, OmU, Kinostart: 4. Dezember 2003 bei Arsenal

Foto: Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



www.arsenalfilm.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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