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Stellet Licht

Ein Wunder

Kinostart: 2.4.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Carlos Reygadas ("Japón", "Battle in Heaven") dritter Film "Stellet Licht" beginnt wie eine liturgische Andacht. Minutenlang hält die Kamera in die fein austarierte Dunkelheit der Nacht, in die langsam Tageslicht hineinbricht. Überlagert wird diese visuelle Stille nur von den stark präsenten Naturgeräuschen; im Hintergrund ist eine Kuh zu hören. Diese Fähigkeit zur Konzentration ist das Markenzeichen von Reygadas Filmen, von denen ihm drei reichten, sich als einer der interessantesten Regisseure der Gegenwart zu etablieren. Seine Geschichten sind um jede äußere Handlung erleichtert, sie erzählen sich gewissermaßen wie von selbst und aus sich heraus: durch lange, fast unbewegte Einstellungen oder leise, entrückte Ausbrüche aus der geschlossenen Welt, die diese Filme umschließen.

"Stellet Licht" spielt in einer kleinen Mennoniten-Kolonie in Mexiko, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die Kleidung der Menschen ist einfach und etwas volkstümlich, ihre Sprache ist dem norddeutschen Platt verwandt. Die Mennoniten, eine Abspaltung der Reformations-Bewegung, haben sich seit dem 16. Jahrhundert von der Schweiz aus über die ganze Welt ausgebreitet. Im tropischen Mexiko wirken sie mit ihren Bräuchen besonders fremd, aber sie haben sich über Generationen in das lokale Leben eingefügt.

Johan ist Familienvater mit sechs Kindern, und wie viele Männer seiner Glaubensgemeinschaft arbeitet er auf dem Land. Es ist ein einfaches Leben bestimmt von festen moralischen Grundsätzen, und Johan ist dabei, mit diesen zu brechen. Er hat sich in eine andere Frau aus der Gemeinschaft verliebt, ein offenes Geheimnis – und für seine Frau Esther eine schmerzhafte Erfahrung. Johan ist sich seiner moralischen Schuld und seiner Verantwortung gegenüber der Familie bewusst, aber seine Gefühle sind stärker als seine Ratio. Sein Vater, ein Priester, rät ihm, sich für seine Frau zu entscheiden; Johan entgegenet, er spürt, dass die andere Frau, so sehr er Esther auch liebt, für ihn die richtige sei.

"Stellet Licht" handelt von einem moralischen Dilemma in einer Welt, die fest in ihren moralischen Grundsätzen verankert ist. Es ist ein leidenschaftlicher Film, aber die Leidenschaften sind unter einer großen Schuld begraben. Wenn Johan und seine Geliebte Marianne miteinander sprechen, ist jede Emotionaität aus ihren Worten verbannt. Die wenigen Glücksmomente des Films wirken dagegen fast unwirklich: das Baden der Familie im Fluß, der glückstrunkenden Johan, wie er in einem Geländewagen einen Arbeitskollegen umkreist. Die Landschaft, die sich zeitlos erstreckt – buchstäblich, denn Reygadas nimmt sich alle Zeit, diesen filmischen Raum zu entfalten.

"Stellet Licht" ist wie ein Wunder, und er endet konsequenterweise mit einem Wunder. Nur solch ein Wunder kann die Menschen aus ihrem Dilemma befreien, und Reygadas gibt es ihnen mit einer magischen Wendung, die allein aus dem Glauben der Menschen gewachsen ist. In jedem anderen Film würde so ein Ende hoffnungslos kitschig wirken. Bei Reygadas hingegen weist es einen Weg aus der geistigen Enge unserer eigenen Welt.
Andreas Busche

Stellet Licht, Mexiko, Frankreich, Niederlande, Deutschland 2007, Buch & Regie: Carlos Reygadas, mit Cornelio Wall, Maria Pankratz, Miriam Toews, Peter Wall, Jacobo Klassen u.a., OmU, 136 min, Kinostart: 2. April 2009 bei Peripher

Foto: Verleih


www.stelletlicht.com
Website zum Film (englisch, französisch, spanisch)
www.peripherfilm.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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