Gernstls Reisen

Auf der Suche nach dem Glück

Kinostart: 24.3.2009 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Längst vergangen sind die Zeiten als Franz Gernstl und sein Team, der Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz, verschwitzte Nächte in ihrem anfangs, 1983, noch grünen VW-Bus mit Münchner Kennzeichen verbrachten, auf der Lauer liegend nach dem nächsten obskuren und umso wahrhaftigeren Interviewpartner. Oder eben, wie damals in den Achtzigern als der rote VW-Bus irgendwo im Bayerischen Wald kampierte, auf der Recherche nach einer vergessenen Hippie-Clique, den Waldhippies, die wiederum nach der Suche nach einem verlorenen Glück sind. Auch die Waldhippies sagen: "Ich muss los." Und Franz Gernstl wundert sich, warum die Waldhippies ausgerechnet in der Einflugschneise eines Flughafens übernachten. Und dass er und sein Team und die Waldhippies eigentlich ein Ziel haben, der dann doch der Weg ist: Die Suche nach dem Glück. Nur: Franz Gernstl läuft keinem verlorenen Paradies hinterher, er hat keine Vision. Er und sein Team machen sich ein Bild. Und nicht nur eins. Franz Gernstl: "Anfangs war´s zäh. Manche verrieten gar nichts." Aber die, die gar nichts verraten wollen, die lassen natürlich einen alten Spürhund wie Franz Gernstl erst recht neugierig werden.

Auf der Lauer liegt der mittlerweile dezent und dekorativ in die Jahre gekommene Franz Gernstl immer noch und hat das Reisen zu seinem Beruf gemacht. Heute ist er ein fahrender Flaneur, ein Spaziergänger der alten Schule, ausgestattet mit Navigationssystem und der Aussicht auf ein nächtliches komfortables Hotelzimmer - und dem siebten Sinn für eine gute Geschichte. Doch was ist eine gute Geschichte, wie entwickelt sie sich? Sicherlich unterliegt auch der Dokumentarfilm dem stets manipulierenden Schnitt, dennoch bleibt ein Risiko: Gelingt der Ausflug in die Welt eines fremden Menschen, öffnet er oder sie die Türen, oder bleibt alles beim oberflächlichen Blabla, das etwa in seiner Nichtigkeit die Dekadenz der kaviarkaufenden Bourgeousie entlarvend zeigt?
Als Franz Gernstl zusammen mit seinem Team vor über zwanzig Jahren im Auftrag des bayerischen Fernsehens erstmals auf Reisen durch die damals noch bundesdeutsche Republik ging, da fühlten sich die drei wie eine Rockband auf Tour: "Damals dachten wir, wir suchen einfach nur die besten Weiber, das beste Bier und die besten Bratwürste. Erst später ist uns aufgefallen: Wir waren auf der Suche nach Menschen, die wissen, wie man richtig lebt." Doch anstelle die besten Weiber zu treffen, landet das Team in der Trainingsstunde einer dörflichen Frauengymnastikrunde bei Volksmusik. Natürlich wirken sie komisch, die schenkelklatschenden Mittfünfzigerinnen, doch niemals würde man über sie lachen wollen; viel eher mit den Damen, zusammen mit Gernstl und seinem Team .

Gernstls Reisen ist mittlerweile so etwas wie ein Klassiker des öffentlich-rechtlichen Fernsehens - vollkommen zu Recht. Den 2006 gestarteten Kinofilm mit allerlei neuen und alten Episoden zeichnet zudem eine tagebuchartige, ganz persönliche Note: Auch Franz Gernstl hat, wie seine Protagonist/innen ein Privatleben. Und wir dürfen uns freuen, daran teilzunehmen.

Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin und freie Autorin.
Foto: ©Megaherzfilm

Wir danken sehr herzlich der Produktionsfirma megaherz film und fernsehen für die Bereitstellung für die freundliche Unterstützung!


www.gernstls-reisen.de
Die Website nicht nur zum Film

www.megaherz.org
Die Website der Produktionsfirma




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