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Flughäfen sind Orte des Übergangs. Die Menschen bewegen sich durch sie hindurch, auf dem Weg von einer Stadt zur nächsten. Die Anonymität findet ihre Entsprechung in der Funktionalität der Architektur, hinter der der Mensch verschwindet. Abu Raed geht an diesem Ort gleich doppelt unter. Er gehört zu dem Heer von Servicekräften, die einen reibungslosen Ablauf der Abfertigungsindustrie gewährleisten. Sie wuseln überall herum, bleiben aber weitgehend unsichtbar. Mit dieser gesellschaftlichen Rolle hat er sich arrangiert. Seit dem Tod seiner Frau und seines Sohnes lebt er verbittert in einer Wohnung voller Bücher. Seine wenigen Kontakte zur Außenwelt pflegt er unter seinesgleichen: Ziad, dem Fahrer des Shuttle-Busses, der die Flughafen-Angestellten täglich zur Arbeit und zurück in die Stadt transportiert, oder Sameh, seinem unterbelichteten Azubi.
Der Traum von einem anderen Leben
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Zu Hause verbringt er die Zeit mit Lesen. Bücher sind Abu Raeds Fenster in die Welt und ein bisschen auch ein Symbol der Hoffnung – beziehungsweise was ihm davon noch geblieben ist. Das ändert sich, als er eines Tages im Müll eine Pilotenmütze findet und mit nach Hause nimmt. Der Nachbarsjunge Tareq sieht Abu Raed auf der Straße und hält ihn für einen echten Flugkapitän; eine Vermutung, eine Sehnsucht des Jungen vielmehr, die der Alte barsch zurückweist. Dennoch: Am nächsten Tag steht eine Schar von Kindern aus der Nachbarschaft vor Abu Raeds Tür, um Geschichten von seinen Reisen zu hören.
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Nur widerwillig lässt Abu Raed sich auf die Kinder ein, die staunend seinen Geschichten zuhören – von Reisen nach London und New York. Städte, die der Alte nur aus Büchern kennt. Und er findet Gefallen am Fabulieren. Besonders hat es ihm Murad angetan, ein verstockter, feindselig wirkender Junge aus der Nachbarschaft, der seine Lügen, wie Murad die Geschichten nennt, durchblickt. Der beharrliche Widerstand des Jungen weckt das Interesse Abu Raeds. Er weiß, dass Murads Vater seine Frau und Kinder schlägt; jede Nacht muss er das Geschrei aus der Nachbarwohnung mit anhören. Die Verhältnisse machen allen schwer zu schaffen, aber je mehr Abu Raed lernt, sich zu öffnen und die Grenzen seiner Selbstbeschränkung zu überwinden, desto deutlicher erkennt er, dass es keine Entschuldigung für das Verhalten des Vaters gibt.
Nour, eine Zufallsbekanntschaft Abu Raeds, verkörpert im Film genau diese Offenheit, die Abu Raed erst wieder lernen muss. Jordanien gehört zu den Ländern im Mittleren Osten, die sich dem Westen gesellschaftlich am weitesten angenähert haben, doch eine weibliche Pilotin ist in dem muslimisch geprägten Land immer noch ungewöhnlich. Auch die Männer, die ihr Vater für sie aussucht, entsprechen nicht den Vorstellungen der emanzipierten Frau. Nour weiß genau, was sie will, und trotzdem ist sie von Zweifeln und Ängsten geplagt. Luxusprobleme sicherlich angesichts der Armut der Bevökerung, aber es zeigt auch, dass persönliches Glück – unabhängig von materiellem Reichtum – ein sehr subjektiver Zustand ist.
Weltkino aus Jordanien
"Captain Abu Raed" ist geografisch stark im städtischen Leben von Amman verankert, logistisch jedoch eine international ausgerichtete Produktion. Regisseur Matalqa, ein gebürtiger Jordanier, wuchs in Ohio auf und hat seinen Abschluss am American Film Institute gemacht. Produziert und geschnitten wurde er von Laith Al-Majali, der wie Matalqa lange in den USA gelebt und gute Verbindungen nach Hollywood hat. Kein Wunder, dass der Film eine sehr westliche Handschrift aufweist. Für ihren Film sind sie in ihr Geburtsland zurückgekehrt, insofern stellt "Captain Abu Raed" auch eine Art kulturellen Transfer dar. Das Know-how der amerikanischen Filmindustrie wird in die erzählerischen Formen des so genannten Weltkinos rücküberführt. Das gelingt Matalqa sehr schön, auch wenn die Bilder mitunter etwas glatt wirken. Sein Film ist sensibilisiert für die lokalen Befindlichkeiten; man erkennt es nicht nur daran, wie untouristisch die Straßen Ammans gefilmt sind. Gleichzeitig will Matalqa aber auch über den Tellerrand hinausblicken. Die Rolle Abu Raeds hat er mit dem in England lebenden Nadim Sawalha besetzt, Nour wird von der bekannten jordanischen Moderatorin Rana Sultan gespielt. Beide sind klare Besetzungscoups (vor allem Sawalha ist beeindruckend als vom Leben enttäuschter Eremit), ihre Wahl unterstreicht aber auch, wie hoch die Ansprüche Matalqas gesetzt sind.
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Auf dem Sundance Festival, immer noch der wichtigste Markt für Independent- und Arthouse-Kino, wurde "Captain Abu Raed" letztes Jahr mit dem World Cinema Audience Award ausgezeichnet. Seitdem ist Matalqa einen Siegeszug durch die internationalen Festivals angetreten. Dieser Erfolg kommt nicht überraschend. Sein Film hat eine ganz universelle Note, die beim westlichen Publikum offensichtlich einen Nerv trifft. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Filmen mit dem etwas schwammigen Label "Weltkino", die (klischeefrei, aber nicht ohne erzählerische Konventionen) die Festivals in den westlichen Industrienationen erobern. In Berlin zum Beispiel gewann vor zwei Jahren die mongolische Liebesgeschichte "Tuyas Hochzeit" den Goldenen Bären. Auch "Captain Abu Raed" bedient die Erfolgsformel dieses neuen Nischenkunstkinos. Es ist eine Mischung zwischen Melancholie und Aufbruchsstimmung, mit subtil gesetzten gesellschaftskritischen Tönen, einer emphatischen Handlung und ausdrucksstarken Figuren. Matalqas Film hat darüberhinaus aber etwas, was auch im internationalen Kino immer noch ein Glücksfall ist: überzeugende kindliche Laiendarsteller, die viel tapferer als die Erwachsenen die sozialen Härten des Alltags zu erdulden scheinen. Mit einem Lächeln in diesen ernsten Gesichtern wäre die Geschichte eines jeden Filmlandes um einen Glücksmoment reicher.
Captain Abu Raed, Jordanien 2007, Buch & Regie: Amin Matalqa, mit Nadim Sawalha, Rana Sultan, Hussein Al-Sous, Udey Al-Qiddissi, Ghandi Saber, 110 min, Kinostart: 12. März 2009 bei MFA+
Fotos: Verleih
Andreas Busche ist Filmrestaurator und Filmkritiker.
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