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Gran Torino

Das letzte Knurren

Kinostart: 5.3.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Clint Eastwood genießt als Schauspieler und Regisseur mittlerweile ikonischen Status. Fast im Jahres-Rhythmus kommen seine Filme in die Kinos, aber Eastwood ist an einem Punkt angekommen, an dem das Gesamtwerk die einzelnen Filme überstrahlt. Darin ähnelt seine Karriere der Woody Allens. Ihre Arbeitsweise steht für eine Beständigkeit, die in Hollywood, wo die Idee eines Autorenkinos in den 1970er-Jahren längst begraben wurde, inzwischen als Anachronismus gilt.

Das Gewissen der USA

Eastwood und Allen besitzen einen unverkennbaren, fast klassischen Stil, und sie haben sich in ihren Filmen selbst verewigt: als Typen, die eine ganz bestimmte kulturelle Befindlichkeit repräsentieren. Eastwood hat sich dabei langsam zum konservativen, schlechten Gewissen Amerikas entwickelt. Seine Filme sind von wechselhafter Qualität; was sie verbindet, ist das düstere Gesellschaftsbild ihres Regisseurs. Eastwood ist fasziniert von Gewalt in all ihren gesellschaftlichen Erscheinungsformen: etwa in "Mystic River" als psychosexuelle Angst, die ein Stadtviertel bis tief ins soziale Gewebe durchdringt, oder zuletzt in "Der fremde Sohn" als strukturelle Gewalt der korrupten Polizei im Los Angeles der 1920er-Jahre, die noch bis in die Privatleben hineinwirkt.

Mit "Gran Torino" kommt jetzt der zweite Clint-Eastwood-Film innerhalb weniger Wochen in die Kinos, und auch wenn er formal mit dem aufwändigeren Vorgänger nicht ganz mithalten kann, ist es doch der persönlichere Film – nicht zuletzt, weil Eastwood selbst wieder die Hauptrolle spielt (ein Privileg, das er seit einigen Jahren keinem anderen Regisseur mehr zugesteht). Eastwood unterzieht auch sein "Dirty Harry"-Image einer Revision; ein Prozess, der mit seinem Anti-Western "Erbarmungslos" (1992) begann. Kein anderer Schauspieler verkörpert die amerikanische Macho- und Heldenfolklore wie Eastwood, und gleichzeitig hat niemand sie über die Jahre konsequenter demontiert. Sein Walt Kowalski stellt in "Gran Torino" so etwas wie die Quintessenz seiner späten Rollen dar: Walt ist ein Kriegsveteran, misanthroper Rassist und unverbesserlicher Sturschädel.

Aus der Zeit gefallen

Nach dem Tod seiner Frau ist ihm nichts geblieben als sein 1972er Ford Gran Torino und der Hund Daisy. Einer seiner Söhne verkauft japanische Autos, was für Walt, der sein Leben lang bei General Motors am Fließband gestanden hat, einem Verrat gleichkommt. Tagsüber sitzt er Bier trinkend auf seiner Veranda und sieht der Nachbarschaft beim Verfall zu. Der Strukturwandel der amerikanischen Innenstädte liefert in "Gran Torino" den Hintergrund für Eastwoods Kulturpessimismus. Kaum eine Stadt in den USA hat es in den vergangenen zwei Jahrzehnten wirtschaftlich so hart getroffen wie Detroit. Wer nach dem Niedergang der Automobilindustrie zurückblieb, verfügte entweder nicht über die nötigen finanziellen Mittel oder war wie Walt unbemerkt aus der Zeit gefallen. Walt verkörpert in "Gran Torino" die "last frontier", das letzte Bollwerk gegen den gesellschaftlichen Wandel. Er ist der einzige Weiße in einem sich drastisch verändernden Viertel. Die anderen Anwohner/innen nennt er abfällig "Spics" (Hispanos), "Spooks" (Afro-Amerikaner) oder "Gooks" (Asiaten).

Es ist typisch für Eastwood, dass ihm eine derart extreme Figur als Prisma für sein Gesellschaftsbild dient. Walt hat nicht die Anlagen zur Identifikationsfigur, aber Eastwood spielt ihn mit einem Hang zur Selbstironie, die permanent zwischen Altersstarrsinn und unverbesserlichem Pessimismus changiert. Zu seinen wunderlichen Macken gehört das gutturale Knurren, mit dem er die Nachbarn, seine Söhne und den übereifrigen jungen Priester, der ihn zur Beichte bewegen will, kommentiert.

Walt passt einfach nicht in diese Zeit, und sein Unmut wird in gewisser Weise sogar nachvollziehbar, wenn die Enkel auf der Beerdigung seiner Frau Textnachrichten verschicken. Als das Nachbarhaus von einer vietnamesischen Großfamilie bezogen wird, kann Walt die Veränderungen, die ihn umgeben, jedoch nicht mehr ignorieren. Der introvertierte Nachbarssohn Thao wird von einer vietnamesischen Straßengang terrorisiert, und die erste Mutprobe besteht darin, Walts Gran Torino aus seiner Garage zu stehlen. Widerwillig schlüpft Walt in die Rolle des Beschützers, allerdings hat er nie einen anderen Weg als den der Gewalt gelernt.

Auf die harte Tour

Eastwoods Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus ist wie nicht anders zu erwarten höchst eigenwillig. Walt muss seine Lektion gewissermaßen auf die harte Tour lernen. Bei Eastwood sind die Menschen immer ein Opfer äußerer Umstände, und so bedarf es auch in "Gran Torino" erst einer Konstellation höherer Kräfte (und der Zen-artigen Nachdrücklichkeit seiner Nachbarn), um den alten Knochen zur Toleranz zu bekehren. Walt, Thao und dessen vorlaute Schwester Sue werden zu Partnern wider Willen, und ihre stille Übereinkunft erinnert zunächst an das gemeinsinnstiftende Wohlfühlkino der Nachkriegsjahre: Walt zeigt Thao, was es bedeutet, ein Mann zu sein; der Junge und das Mädchen bringen ihm dafür Milde und Respekt bei.

"Gran Torino" wäre jedoch kein Clint-Eastwood-Film, wenn nicht auch dieses späte Idyll bedroht wäre. Eastwoods Gesellschaftsbild bleibt unversöhnlich. Thaos Familie ist wie Walt zwischen Tradition (der Kultur der Hmong) und Moderne gefangen. Ihre Geschichten sind gleichermaßen von Gewalt gezeichnet: Walt hat in Korea "Schlitzaugen" getötet, die Hmong haben im Vietnam-Krieg auf Seiten der Amerikaner gekämpft – und sind dafür vertrieben worden. Aber auch in den USA werden sie als Fremde betrachtet. Die Idee des Melting Pots, in dem Menschen aller Kulturen friedlich zusammenleben, ist gescheitert. Die Straßengangs sind in "Gran Torino" ein Ausdruck dieses Scheiterns. Walts Versuch, die gesellschaftlichen Verhältnisse noch einmal zurechtzurücken, forcieren nur den Kreislauf der Gewalt. Die "Dirty Harry"-Methode hat endgültig ausgedient.   

Mit "Gran Torino" hat Eastwood sich einen versöhnlichen Abgang verschafft, der letzte Schliff an seinem Image als wortkarger Einzelgänger des amerikanischen Kinos. Eastwood ist inzwischen fast achtzig und sein Mythos als Kino-Ikone hat längst eine eigene Form von Geschichte angenommen. Im Vorfeld hatte er bereits angekündigt, dass "Gran Torino" sein letzter Film vor der Kamera sein würde. Wenn dem so ist, hat er alles richtig gemacht. Amerika wird er nicht mehr verändern, aber wenigstens lässt er sich nicht vorschreiben, wie er abtritt. Eastwood macht es wie ein Cowboy, wenn auch mit einer Pointe voll bitterer Selbstironie. Und einem Lied auf den Lippen.

Gran Torino, USA 2009, Regie: Clint Eastwood, Buch: NicK Schenk, mit Clint Eastwood, Bee Vang, Ahney Her, Christopher Carley, Brian Haley, Geraldine Hughes, ab 12, 116 min, Kinostart: 5. März 2009 bei Warner Bros.

Fotos: ©Verleih

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



www.thegrantorino.com
Website zum Film (englisch)

www.GranTorino-derFilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de

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