
Eastwood, exakt 78 Jahre nun, ist eher unbemerkt zu einem der
erfolgreichsten und höchst dekoriertesten Regisseure aller Zeiten
aufgestiegen. Und das neben einer sogar noch renommierteren Karriere
als Schauspieler. Die Macher des Filmfestivals in Cannes verliehen ihm
eine Goldene Palme für sein Lebenswerk. Ihm gelinge wie keinem anderen
die "Synthese des klassischen und des modernen amerikanischen Kinos".
Eastwood ist längst eine Hollywood-Ikone.
Dabei begann seine Karriere in Europa. Der italienische Regisseur
Sergio Leone besetzte Eastwood in seiner legendären "Dollar-Trilogie"
in den Jahren 1964 bis 1966, die prägend für den Italo-Western wurde.
Eastwood gab, ungerührt und weitgehend mimikfrei, den "Fremden ohne
Namen". Diese Zuschreibung sollte er sein Leben lang nicht mehr
loswerden. Auch die Hauptrolle in "Dirty Harry" (1971), dem von ihm
produzierten Cop-Reißer, mit dem er schließlich auch in seiner Heimat
den Durchbruch schaffte, war eine Neuauflage des einsamen Wolfes, den
Eastwood seitdem immer wieder in allen Schattierungen geben durfte. Oft
wechselte Eastwood nur die Verkleidung, tauschte das Pferd mit dem Auto
und die Prärie mit dem Großstadtdschungel. Regisseur Leone sagte einmal
über ihn: "Ich liebe Clint Eastwood, weil er nur zwei verschiedene
Gesichtsausdrücke hat: einen mit und einen ohne Hut."
Ein verlässlicher Held
Den Hut in Hollywood setzte er sich früh auf. Aus dem Schauspieler
Eastwood wurde zusätzlich ein Produzent und Regisseur, weil er schlau
genug war, die Machtlosigkeit des reinen Darstellertums zu durchschauen.
Noch schlauer ist seine Maxime beim Filmemachen: Eastwood arbeitet vor
allem effektiv und preiswert. Das überzeugt die Studio-Bosse, die das
Geld zur Verfügung stellen. Er ist berühmt dafür, noch nie in seiner
Laufbahn als Regisseur ein Budget überschritten zu haben. Oft beendet
Eastwood seine Drehs weit vor dem Zeitplan, in manchem Jahr stellt er
gleich mehrere Filme fertig.
Deshalb ist Eastwood nicht nur ein knorriger Schauspieler, sondern auch
als Regisseur ein Rückgriff auf das klassische Hollywood, als
unprätentiöse Handwerker ohne allzu großen künstlerischen Anspruch
solides Unterhaltungskino produzierten. In dieser Tradition verschließt
sich Eastwood weitgehend allen filmischen Modetrends: Seine Kamera
führt meist unaufdringlich, fast konservativ durch die Handlung, die
Schnittfolge ist gemächlich, Spezialeffekte werden nur sparsam
eingesetzt, die Actionszenen wirken wie mit der Handbremse gedreht.
Film-Handwerker
Manche von Eastwoods Filmen mögen im Vergleich mit den
hektisch
geschnittenen Bilderfluten der jüngeren
Konkurrenz wie schaumgebremst
wirken, aber dafür ist er in allen Genres zu Hause: Ob Western-Epen wie
"Pale Rider" (1985) oder "Erbarmungslos" (1992), eine Musiker-Biografie
wie "Bird" (1988), ein Action-Thriller wie "The Rookie" (1990), ein
Boxer-Film wie "Million Dollar Baby" (2004), eine Astronauten-Komödie
wie "Space Cowboys" (2000) oder ein Melodram wie "Mystic River" (2003),
alles gelingt ihm gleichermaßen souverän. Dabei schafft es Eastwood
außerdem, seine auf den ersten Blick als Unterhaltung
funktionierenden Filme immer wieder mit gesellschaftlich relevanten
Themen auszustatten: Es ging um Sterbehilfe in "Million Dollar Baby",
um Drogen in "Bird" oder Kindesmissbrauch in "Mystic River". Dabei
riskiert der bekennende Republikaner immer wieder Kritik von
konservativer Seite.
Die Welt verbessern und dabei glänzend unterhalten werden
Diese Fertigkeit, zu Hause zu sein in allen Genres, demonstriert
Eastwood bis heute: Mit "
Gran Torino" und "Der fremde Sohn" sind
momentan gleich zwei von ihm verantwortete Filme im Kino zu sehen.
Beide, so unterschiedlich das Rassismus-Drama und die in den zwanziger
Jahren spielende Emanzipationsgeschichte auch sind, vereint eine
Eigenschaft: Sie sind überdurchschnittliches Erzählkino für das große
Publikum. Ein Talent, das Eastwood auch im fortgeschrittenen Alter
offensichtlich nicht verloren hat: "Gran Torino" hat an den
amerikanischen Kinokassen inflationsbereinigt mehr umgesetzt als jede
andere Regiearbeit in der langen Karriere von Eastwood zuvor, und die
kann immerhin solche kommerziellen Erfolge wie "Erbarmungslos" oder "Million Dollar Baby" aufweisen.
Die Kollegen in Hollywood haben ihn sowieso schon heilig gesprochen.
Hollywood weiß, was es an seinem Altstar hat. Unzählige Schauspieler/innen
und Techniker, darunter Tim Robbins, Hilary Swank, Morgan Freeman, Gene
Hackman oder Sean Penn, haben dank seiner Regie oder Produktion
Auszeichnungen gewonnen. Und die neue Goldene Palme aus Cannes kommt
aufs Kaminsims neben die fünf Oscars, die Eastwood persönlich bekommen
hat, jeweils zwei für "Bester Film" und "Beste Regie" und außerdem
einen für sein Lebenswerk.
Thomas Winkler, 43, liebte schon als Kind Nudeln, Spaghetti-Western und natürlich auch Clint Eastwood.
Fotos: "Gran Torino", "Million Dollar Baby" / ©Warner Brothers
www.imdb.comMehr über den Regisseur und seine Filme auf den Seiten der Internet Movie Database
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