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Der Vorleser

Die schreckliche Geliebte

Kinostart: 26.2.2009 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Eine Kleinstadt im Nachkriegsdeutschland: Der 15-jährige Michael (David Kross) verliebt sich in Hanna (Kate Winslet), die spröde und verschlossen ist und mehr als doppelt so alt wie er. Einen Sommer lang lebt das ungleiche Paar sein Verhältnis intensiv aus. Hanna verlangt dabei das Einhalten eines bestimmtes Rituals: Michael soll ihr vor dem Liebesakt Literatur vorlesen. Dann ist sie plötzlich verschwunden.

Einige Jahre später verfolgt Michael als Jura-Student Gerichtsverhandlungen gegen NS-Verbrecherinnen. Auch Hanna ist angeklagt, sie wird beschuldigt, als ehemalige KZ-Aufseherin in Auschwitz für den Tod von vielen hundert Menschen verantwortlich zu sein. Michael gibt sich ihr nicht zu erkennen. Auch nicht in dem Moment, in dem er sie durch das Lüften ihres Geheimnisses vor der Verurteilung zu lebenslanger Gefängnisstrafe bewahren könnte.

Der Autor der literarischen Vorlage, Bernhard Schlink, widmet sich in seinem kontrovers diskutierten und international sehr erfolgreichen Roman einem schwierigen deutschen Thema: dem moralischen sowie juristischen Umgang der nachfolgenden Generation, aus der die 1968er hervorgingen, mit dem schwerwiegenden geschichtlichen Erbe der Nazi-Verbrechen. Die unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen Michael und Hanna ist dabei ein kluger Schachzug, mit dem es Schlink gelingt, die beiden Generationen unter Ausklammerung des gängigen Generationskonflikts zwischen Verwandten in Liebe aneinander zu binden. Damit konkretisiert er auf sehr anschauliche Art und Weise die Schwierigkeiten – die Scham, die Abscheu, das Unverständnis – im Umgang mit den Vergehen der Nazis, aber auch die Verantwortung ihnen gegenüber.

Es ist also ein gewagtes und überaus ambitioniertes Unterfangen, auf das sich Regisseur Stephen Daldry eingelassen hat, Schlinks Bestseller zu verfilmen. Damit kann man eigentlich nur scheitern, trotz der geballten Kompetenz und Professionalität aller Beteiligten, die in diesem Projekt steckt. Denn gerade die Glaubwürdigkeit der Konstellation Hanna/Michael hängt doch sehr von der individuellen Vorstellungskraft des Lesenden ab. Den Oscar für ihre Darstellung der Hanna hat Kate Winslet dennoch völlig zu recht bekommen.

Überflüssig bis ärgerlich sind einige Drehbuch-Ergänzungen, die über Schlinks Roman hinausgehen: Michael leidet als erwachsener Mann unter schweren emotionalen Beeinträchtigungen wie Bindungsunfähigkeit und Depression (Ralph Fiennes spielt den älteren Michael unerträglich devot und sentimental). Zudem beichtet er seiner Tochter seine außergewöhnliche Jugendliebe und gibt damit symbolisch die Konsequenzen der Geschichte an die nächste Generation weiter. Diese Eingriffe mit erhobenem Zeigefinger in Schlinks inhaltlich absolut vollständige, differenzierte und komplexe Vorlage hätte es wirklich nicht gebraucht.
Stefanie Zobl

(The Reader) USA 2008, Regie: Stephen Daldry, Buch: David Hare nach dem Roman von Bernhard Schlink, mit Kate Winslet, Ralph Fiennes, David Kross, Bruno Ganz, Lena Olin, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Matthias Habich, Burghart Klaußner, Alexandra Maria Lara, 123 min, Kinostart: 26. Februar 2009 bei Senator

Foto: Verleih


www.thereader-movie.com
Website zum Film (englisch)
http://dervorleser-film.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de

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