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Eine Kleinstadt im Nachkriegsdeutschland: Der 15-jährige Michael
(David Kross) verliebt sich in Hanna (Kate Winslet), die spröde und verschlossen ist und mehr als
doppelt so alt wie er. Einen Sommer lang lebt das ungleiche Paar sein
Verhältnis intensiv aus. Hanna verlangt dabei das Einhalten eines
bestimmtes Rituals: Michael soll ihr vor dem Liebesakt Literatur
vorlesen. Dann ist sie plötzlich verschwunden.
Einige Jahre
später verfolgt Michael als Jura-Student Gerichtsverhandlungen gegen
NS-Verbrecherinnen. Auch Hanna ist angeklagt, sie wird beschuldigt, als
ehemalige KZ-Aufseherin in Auschwitz für den Tod von vielen hundert Menschen
verantwortlich zu sein. Michael gibt sich ihr nicht zu erkennen. Auch
nicht in dem Moment, in dem er sie durch das Lüften ihres Geheimnisses vor der Verurteilung zu lebenslanger Gefängnisstrafe
bewahren könnte.
Der Autor der literarischen Vorlage, Bernhard Schlink, widmet sich in
seinem kontrovers diskutierten und international sehr erfolgreichen
Roman einem schwierigen deutschen Thema: dem moralischen sowie
juristischen Umgang der nachfolgenden Generation, aus der die 1968er
hervorgingen, mit dem schwerwiegenden geschichtlichen Erbe der
Nazi-Verbrechen. Die unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen Michael
und Hanna ist dabei ein kluger Schachzug, mit dem es Schlink gelingt,
die beiden Generationen unter Ausklammerung des gängigen
Generationskonflikts zwischen Verwandten in Liebe aneinander zu binden.
Damit konkretisiert er auf sehr anschauliche Art und Weise die
Schwierigkeiten – die Scham, die Abscheu, das Unverständnis – im
Umgang mit den Vergehen der Nazis, aber auch die Verantwortung ihnen gegenüber.
Es
ist also ein gewagtes und überaus ambitioniertes Unterfangen, auf das
sich Regisseur Stephen Daldry eingelassen hat, Schlinks Bestseller zu
verfilmen. Damit kann man eigentlich nur scheitern, trotz der geballten
Kompetenz und Professionalität aller Beteiligten, die in diesem Projekt
steckt. Denn gerade die Glaubwürdigkeit der Konstellation Hanna/Michael hängt doch sehr von der individuellen Vorstellungskraft des
Lesenden ab. Den Oscar für ihre Darstellung der Hanna hat Kate Winslet
dennoch völlig zu recht bekommen.
Überflüssig bis ärgerlich
sind einige Drehbuch-Ergänzungen, die über Schlinks Roman hinausgehen:
Michael leidet als erwachsener Mann unter schweren emotionalen
Beeinträchtigungen wie Bindungsunfähigkeit und Depression (Ralph
Fiennes spielt den älteren Michael unerträglich devot und sentimental).
Zudem beichtet er seiner Tochter seine außergewöhnliche Jugendliebe und
gibt damit symbolisch die Konsequenzen der Geschichte an die nächste
Generation weiter. Diese Eingriffe mit erhobenem Zeigefinger in
Schlinks inhaltlich absolut vollständige, differenzierte und komplexe
Vorlage hätte es wirklich nicht gebraucht.
Stefanie Zobl
(The Reader) USA 2008, Regie: Stephen Daldry, Buch: David Hare nach dem Roman von Bernhard Schlink, mit Kate Winslet, Ralph Fiennes, David Kross, Bruno Ganz, Lena Olin, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Matthias Habich, Burghart Klaußner, Alexandra Maria Lara, 123 min, Kinostart: 26. Februar 2009 bei Senator
Foto: Verleih
www.thereader-movie.comWebsite zum Film (englisch)
http://dervorleser-film.deWebsite zum Film (deutsch)
www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
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www.visionkino.deFilmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz
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