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Milk

Porträt eines charmanten Kämpfers

Kinostart: 19.2.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Sieht man sich an, was das US-amerikanische Fernsehen in den vergangenen Jahren an homosexuellen Gesellschaftsbildern hervorgebracht hat – angefangen bei der Teenager/Vampir-Geschichte "Buffy", Sitcoms wie "Will und Grace" bis hin zu "Six Feet Under" –, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass Homosexualität längst nicht mehr zu den großen gesellschaftlichen Tabus zählt. Schwule und Lesben sind heute im Mainstream angekommen, und das nicht bloß als marginales Phänomen.

Der Kampf geht weiter


Umso größer war das Entsetzen nach der letzten amerikanischen Wahl, als in gleich drei Bundesstaaten (Arizona, Florida, Kalifornien) ein Gesetzesantrag zur Legalisierung von so genannten "Homo-Ehen" mit großer Mehrheit scheiterte. Vor allem in Kalifornien, dem Zentrum der traditionell liberalen Unterhaltungsindustrie, war die Bestürzung groß. Eine Ironie des Schicksals: Ausgerechnet der Tag, der von vielen US-Amerikanern/innen als historischer Fortschritt gefeiert wurde, bedeutete für amerikanische Schwule und Lesben die härteste Niederlage seit den späten 1970er-Jahren, als Gesetzesvorlagen, die die gesellschaftliche Gleichstellung von Homosexuellen vorsahen, reihenweise gekippt wurden.

Gus Van Sants Biografie "Milk" über den schwulen Politiker Harvey Milk kommt somit äußerst zeitig in die Kinos, weil er vorführt, wie aktuell das Thema weiterhin ist. Die Argumente der Konservativen sind diesselben wie vor dreißig Jahren, als Milks damalige Widersacher John Briggs und Anita Bryant Schwulen Pädophilie vorwarfen und ihren Lebensstil als unchristlich bezeichneten.

Ein Biopic mit hoher Dringlichkeit


Es mag zunächst überraschen, dass Van Sant, der sich in den letzten Jahren mit formalen Experimenten wie "Elephant" oder "Last Days" als Filmemacher neu erfunden hat, mit "Milk" zur konventionellen Form des Biopics zurückkehrt. Künstlerisch ist "Milk" zweifellos Van Sants kommerziellster Film seit "Finding Forrester" (2000), trotzdem verspürt man eine Dringlichkeit, die seinen letzten Auftragsarbeiten gründlich abging. Harvey Milk zählt heute zu den wichtigsten amerikanischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Er ging nicht nur als kompromissloser Schwulen-Aktivist in die Geschichte ein, sondern auch als Politiker, der das Individuum stets den Belangen der Politik übergeordnet hat. Als er am 28. November 1978 von Dan White, einem ehemaligen Kollegen im Stadtrat von San Francisco, getötet wurde, betrauerte das ganze Land den Verlust eines außergewöhnlichen Menschen.

Sean Penns Darstellung von Harvey Milk trägt maßgeblich zum Gelingen von Van Sants Film bei. Milks Energie, sein grenzenloser Optimismus beflügelt den ganzen Film, der fast die Züge eines feel good movies trägt – obwohl der Ausgang der Geschichte von Beginn an bekannt ist. Penn hat für seine Rolle alle Manierismen abgelegt, die er sich in den letzten Jahren angeeignet hat. Er bringt eine Bescheidenheit in sein Spiel, die für die Darstellung historischer Persönlichkeiten eher selten ist. Doch Harvey Milk war anders; ein Mann des Volkes, wie schon Rob Epsteins Dokumentation "The Times of Harvey Milk" von 1985 nachdrücklich zeigte. Milk stand an der Spitze einer sozialen Bewegung, die die US-amerikanische Gesellschaft von Grund auf verändern sollte.

Hundescheiße und Gleichberechtigung

Milks früher Werdegang war nicht weniger ungewöhnlich als seine spätere politische Karriere. Der Junge aus jüdischem Elternhaus wurde konservativ erzogen. Erst mit vierzig begann er an alternativen Lebensweisen wie denen der Hippies Gefallen zu finden. Als er mit seinem damaligen Lover Scott Smith (im Film von einem hinreißenden James Franco gespielt) in den frühen 70er-Jahren nach San Francisco kam, befand sich der Castro-Distrikt bereits im Wandel von einer ehemals Arbeiterklasse-dominierten Nachbarschaft zum schwulen Vergnügungsbezirk. Aber erst mit Milks Ankunft erlebte der Bezirk auch einen wirtschaftlichen Boom; viele der kleinen Ladenlokale wurde von Schwulen betrieben. Milks Fotogeschäft Castro Camera entwickelte sich schnell zum Mittelpunkt der Nachbarschaft und diente in den ersten Jahren auch als Treffpunkt seines Wahlkampfteams. Milk erhielt den inoffiziellen Titel "Bürgermeister von Castro".

Van Sants emphatischer Humanismus, der bis in die Bilder von Kameramann Harris Savides spürbar wird (nie sah San Francisco im Kino schöner aus; ein warmes Glimmen, das von der Aufbruchstimmung jener Zeit zeugt), machen "Milk" zum bewegenden Porträt eines Mannes, der für eine gerechtere Welt zu sterben bereit war. Milk hatte seine Ermordung lange vorhergesehen und in den letzten Monaten vor seinem Tod seine Memoiren auf Tonband aufgezeichnet. Diese Aufnahmen dienen Van Sant als erzählerischer Rahmen. "Milk" aber ist genauso ein Film über Graswurzel-Politik. Van Sant verwendet viel Zeit darauf zu zeigen, wie Lokalpolitik damals funktionierte und wie Milk und sein Team von Freiwilligen die verschiedenen Kampagnen ausarbeiteten, die ihn schließlich ins Rathaus brachten. In "The Times of Harvey Milk" erklärt ein alter Wegbegleiter, dass Milk es wie kaum ein anderer verstand, die Medien und die Öffentlichkeit um den Finger zu wickeln und diese für sich arbeiten zu lassen. Sein erster Mediencoup war das so genannte Pooper-Scooper-Gesetz, das der städtischen Verschmutzung durch Hundescheiße Einhalt gebieten sollte. Milk brachte das Gesetz mit einer breiten Allianz aus Bürgerlichen und Konservativen durch – um im Gegenzug mit denselben Stimmen einen historischen Gesetzesvorschlag zu ratifizieren, der homosexuelle Arbeitnehmer/innen erstmals vor Diskriminierung im Berufsalltag schützte.

Das Private ist politisch

Dieser Fokus auf die politische Arbeit Milks ist für Van Sants Film wichtig, weil sie auch die Umstände seines Todes verdeutlichen. Van Sant versucht nicht, Milk zum schwulen Märtyrer zu stilisieren. Sein Tod war eine große Tragödie, jedoch keine primär homophobe Tat. Letztlich musste Milk für seinen Lobbyismus, das Strippenziehen im Hintergrund, mit dem Leben bezahlen. Der Konflikt mit Dan White, einem ehemaligen Polizisten und Feuerwehrmann, nimmt in "Milk" viel Platz ein. White (von Josh Brolin als sauberer All-American-Boy voller Selbstzweifel gespielt) war Milk im Grunde sehr ähnlich: Auch er wurde als volksnaher Vertreter in den Stadtrat gewählt. Doch seine politischen Ansichten waren mit dem liberalen Klima jener Jahre kaum vereinbar, so dass er sich von Milk und dem damals amtierenden Bürgermeister George Moscone ausbooten ließ. In der Figur Dan White zeigt sich der kulturelle Wandel, von dem "Milk" erzählt, ganz anschaulich. Brolins White ist kein verblendeter Schwulenhasser, sondern ein Konservativer, der sich mit der neuen Liberalität nur schwer arrangieren kann. Bei Van Sant wird er somit ebenfalls zur tragischen Figur.

Die kalifornische Abstimmung zur "Homo-Ehe" zeigt, dass der Kampf Harvey Milks noch lange nicht vorbei ist. "Milk" ist gerade deswegen ein so eminent wichtiger Film, weil er ganz ungeniert für ein schwules Selbstverständnis mit dem Mitteln des Mainstreamkinos (und eben nicht des Kunstkinos) eintritt. Außer verzagten Versuchen wie "Brokeback Mountain" hat Hollywood in den vergangenen Jahren wenig zum Thema beigetragen. "Milk" hätte auch leicht ein Film über einen sozial engagierten Politiker werden können, der sich für die Rechte aller Minderheiten einsetzte. Dank Gus Vant Sant wird Harvey Milk nun als Mensch in Erinnerung bleiben, der ein schwules Selbstbewusstsein als politische Notwendigkeit betrachtete, um persönliche Freiheit erlangen zu können.

Milk, USA 2008, Regie: Gus Van Sant, Buch: Dustin Lance Black, mit Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, James Franco, Diego Luna, Josh Brolin, Alison Pill, Victor Garber, Denis O’Hare, Jeff Koons, Brandon Boyce, 128 min, Kinostart: 19. Februar 2009 bei Constantin

Fotos: ©Verleih



www.filminfocus.com
Website zum Film (englisch)

www.milk.film.de
Website zum Film (deutsch) 

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
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