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Frost/Nixon

Im Schatten von Watergate

Kinostart: 5.2.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Kein anderer Politiker hat die USA so nachhaltig beschäftigt wie ihr 37. Präsident Richard Nixon – der Einzige, der aus freien Stücken von seinem Amt zurückgetreten ist und damit einem drohenden Amtsenthebungsverfahren zuvorkam. Die Watergate-Affäre von 1972, die das Ende von Nixons politischer Karriere bedeutete, gilt bis heute als einer der größten Schandflecken in der US-amerikanischen Geschichte; ein Schock, von dem sich das Land nur langsam erholen sollte (Der Soulmusiker Gil Scott-Heron sang Mitte der 1970er in "H2O Gate Blues" sogar davon, dass Nixon den Amerikanern/innen ihr Land gestohlen habe). Keine Person des öffentlichen Lebens hat zudem die Fantasie ihrer Zeitgenossen/innen ähnlich beflügelt. Literatur zu Nixon kann heute eine ganze Bibliothek füllen. Dazu gibt es unzählige Spielfilme, Dokumentationen und Popsongs. Richard Nixon ist wie ein Evergreen, der auch fünfzehn Jahre nach seinem Tod noch in den Hinterköpfen seiner Landsleute summt. Nicht einmal die desaströse Präsidentschaft George W. Bushs hat dieses Vermächtnis ganz auslöschen können. Gemeinsam teilen sie sich heute den Ruf der schlechtesten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten.

Eine späte Genugtuung

Es dürfte also offensichtlich sein, was Nixon gerade jetzt für Hollywood so interessant macht. Amerika mag sich mit der Wahl Obamas noch einmal aus dem Schlamassel gezogen haben, doch der Schock über die Bush-Jahre sitzt nach Katrina, Irak-Krieg und Finanzkrise tief. Nixon ist auch deswegen bis heute bei vielen Amerikanern/innen so verhasst, weil er nie öffentlich Reue gezeigt hat. Reue weniger für den kriminellen Versuch, den Einbruch seiner Mitarbeiter im demokratischen Hautquartier im Watergate Hotel zu vertuschen, als vielmehr für seinen Betrug am amerikanischen Wahlvolk. Die erste Amtshandlung seines Nachfolgers Gerald Ford bestand dann auch darin, den stets etwas überheblichen Nixon von jeglicher Schuld im Zusammenhang mit der Watergate-Affäre freizusprechen. Nach acht Jahren Bush Junior kann man sich vorstellen, wie stark der Wunsch vieler Amerikaner/innen ist, wenigstens einmal so etwas wie ein Schuldeingeständnis vom ersten Mann im Staat zu hören. Aber auch darin sind sich Nixon und Bush sehr ähnlich: Ihr Stolz und ihre Selbstgerechtigkeit verbietet es ihnen, Fehler einzugestehen.

Man könnte daher Ron Howards Film "Frost/Nixon" über das historische Fernsehinterview des englischen Moderators David Frost mit Nixon drei Jahre nach dessen Rücktritt durchaus als eine späte Genugtuung betrachten. Es ist vielleicht auch ein kleines Trostpflaster für all jene, die (wohl vergeblich) auf eine Entschuldigung Bushs warten.

Underdog trifft Politprofi

"Frost/Nixon" ist das dramatisch überspitzte Duell zweier eitler Gockel. Howards Film basiert auf einem erfolgreichen Theaterstück von Peter Morgan, der auch die Drehbücher für "The Queen" und für den  Idi-Amin-Film "Der letzte König von Schottland" geschrieben hat. Das Kammerspielartige hat Howard seinem Film ausgetrieben, dafür hat er dessen Spannungsmomente einem Genre entliehen, das für dieses Thema durchaus adäquat erscheint: der Sportfilm.

David Frost übernimmt die Rolle des Underdogs, ein politisch unerfahrener Gesellschaftsreporter, der den abgebrühten und überlegenen Politprofi in aller Öffentlichkeit herausfordert. Nixon hatte 1977 gute Gründe, diese Herausforderung anzunehmen. Das Fernsehen war ein Medium der Massen (das hatte er spätestens verstanden, als er 1960 gegen den blendend aussehenden John F. Kennedy im Fernsehduell verlor, weil sein unvorteilhafter Bartschatten allzu auffällig zu erkennen gewesen war). Und die Massen waren es, die Nixon mobilisieren musste, um seinen Ruf zu rehabilitieren. Außerdem galt Frost trotz seiner Verstärkung durch die Journalisten James Reston und Bon Zelnick als Leichtgewicht, das Nixon vermeintlich wenig entgegenzusetzen hatte. 

Howard baut den Spannungsbogen seines Films auf dieser Prämisse auf. "Frost/Nixon" konzentriert sich in der ersten Hälfte auf die Vorbereitungen für das Interview, die Sponsoren-Akquise und die Reaktionen der amerikanischen Öffentlichkeit auf den Plan, den Ex-Präsidenten im nationalen Fernsehen von einem britischen Star-Reporter interviewen zu lassen. Frost war in den 1970er-Jahren eine schillernde Persönlichkeit (inzwischen wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen). Er galt als Playboy und Jet-Setter, und Michael Sheen, der in England für seine Darstellung von Ex-Premier Tony Blair berühmt geworden ist – so auch in Stephen Frears "The Queen" – bringt eine sympathische Schmierigkeit in den Film ein.

Frost kommt in "Frost/Nixon" zwar als Außenseiter daher, aber das macht ihn nicht unbedingt zur sympathischen Figur. 600.000 Dollar (plus 10% Gewinnbeteiligung) hat Nixon damals für das Exklusiv-Interview erhalten. Das, und die Tatsache, dass Frost als Politjournalist keine Reputation besaß, düpierte die großen amerikanischen Networks so sehr, dass Frost schließlich in einem waghalsigen Alleingang selbst teure Sendezeit bei lokalen Sendern kaufen musste und sich damit beinahe ruinierte. Das Ergebnis ist bekannt: Wie es sich für eine richtige und damit auch eine Hollywood-taugliche Underdog-Geschichte gehört, schrieb das Interview Fernsehgeschichte und reparierte unvermeidlicherweise auch Nixons lädierten Ruf.

Im Mittelpunkt: Nixon

Fixpunkt in "Frost/Nixon" ist natürlich Nixon selbst, der schon von vielen großen alten Männern dargestellt wurde: Philip Baker Hall, Anthony Hopkins, Stacey Keach – und einem urkomischen Dan Hedaya in der Watergate/Teenie-Komödie "Ich liebe Dick" (1999). Frank Langella aber thront über Howards Film, und es wäre eine große Überraschung, bei all der Faszination, die Nixon bis heute auf Amerika und speziell Hollywood ausübt, wenn er nicht den Oscar für die beste Hauptrolle erhalten würde. Langella verkörpert alles, wofür Nixon immer gehasst und respektiert, aber auch gefürchtet wurde: die Arroganz, die Fähigkeit zu endlosen Monologen, mit denen er seine Gegner mürbe machte, und ein fieser, hinterhältiger Humor. Einmal im Film versucht Langella den verdutzten Sheen kurz vor Interviewbeginn mit der Frage, ob er die Nacht zuvor gevögelt hätte (eine Anekdote, die von Frost selbst stammt), aus der Reserve zu locken.

Langellas Nixon ist der Archetyp eines politischen Schweinehunds, aber Howard versucht auch, einen späten Sieg einzufahren, wenn er Langella gegen Ende des Interviews doch noch einknicken lasst. Hier weicht "Frost/Nixon" von den historischen Fakten ab. Politisch wurde das Nixon-Interview seinerzeit eher als Fehlschlag bewertet; Frost konnte Nixon kaum mehr entlocken, als die Öffentlichkeit nicht schon vorher wusste. Bei Howard dagegen trägt Frost – buchstäblich mit dem Schlussgong, um bei der Sportmetapher zu bleiben – einen kleinen Triumph davon. 

Trotzdem lässt Regisseur Howard Nixon gegenüber Milde walten. Nach dem letzten Interview tritt Langella gebrochen auf eine alte Frau mit einem Dackel im Arm zu und streichelt den Hund fahrig. Es ist eine Geste zwischen Farce und Mitleid; Mitleid, das Nixon sicher nicht verdient hat. Doch muss man "Frost/Nixon" zugute halten, dass es nicht die oberste Aufgabe Hollywoods ist (und ganz sicher nicht zu Morgans und Howards Intention zählte), über Nixon zu richten. "Frost/Nixon" ist bloß eine weitere Fußnote im Fall Nixon. Der Mythos aber lebt in Howards Film ungebrochen weiter.

Frost/Nixon, USA 2008, Regie: Ron Howard, Buch: Peter Morgan nach seinem gleichnamigen Theaterstück, mit Frank Langella, Michael Sheen, Kevin Bacon, Rebecca Hall, Toby Jones, Matthew Macfadyen, Oliver Platt, Sam Rockwell, Janneke Arent, Scott Bryson, 122 min, Kinostart: 5. Februar 2009 bei Universal

Fotos: ©2008 Universal Studios

Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt über und für die Kulturindustrie.



www.frostnixon.net
Website zum Film (englisch)

www.frost-nixon-film.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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