Wall Street

Geld stinkt doch ...

Kinostart: 16.4.2007 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die virtuelle Finanzwelt ist ein gefährlicher Dschungel, in dem permanent Krieg herrscht. In einer korrupten Welt von profitgierigen Finanzspekulanten und feindlichen Übernahmen frisst der Stärkere den Schwachen. Mittendrin in diesem Haifischbecken arbeitet der junge Broker Bud Fox (Charlie Sheen) für eine Investmentfirma an der Wall Street. Mit dessen Portrait hat Hollywood-Kultregisseur Oliver Stone, zwei Jahre vor dem Börsencrash in New York, in "Wall Street" von 1987 die Euphorie der jungen Generation über die Verheißung des schnellen Geldes eingefangen. "Wall Street" zeigt, wie ein von bloßer Gier getriebenes Spekulantentum epidemische Kreise zieht, das alte unternehmerische Denken ersetzt und die Welt ins Chaos stürzt. In dem reptilienhaften Gordon Gekko, ein skrupelloser Spekulant, grandios gespielt von Michael Douglas, schuf Stone den Repräsentanten eines neuen Typus: Die Verkörperung eines exzessiven Neoliberalismus, der den Finanzmarkt der USA mit Telefon und Computer erobert. Ein Mann ohne Prinzipien, dessen einzige Motive Konsum, Geld und Gier sind: "Gier ist gut...Gier ist richtig ... Gier in allen Formen, auf das Leben, Geld, Liebe und Wissen hat die Menschheit vorangebracht. Gier wird auch das angekränkelte Unternehmen ... die USA retten."

Richtig fies werden

Wie schon frühere, kontrovers viel diskutierte Filme Stones wie "Salvador" und "Platoon" über die schmutzigen Kriege der USA in Vietnam und in Lateinamerika bietet Wall Street reichlich Konfliktstoff. Der Börsianer Bud Fox ist wie viele junge Broker der achtziger Jahre davon beflügelt, durch kurzfristige Aktienkäufe und -verkäufe reich zu werden. Da er sein Know-how am Arbeitsplatz nicht in Profit für sich selbst ummünzen kann, geht er dem Bösen alias Mr. Gekko leicht ins Netz und riskiert dabei fast seine Seele. Illegale Insidertipps gibt er an finanzkräftige Spekulanten weiter, verstößt gegen Vorschriften seines Arbeitgebers und spioniert gar auf kriminellen Wegen Konkurrenten aus, um ihm und sich selbst hohe Gewinne zu sichern. Der teuflische Pakt bringt ihn schnell ans Ziel. Plötzlich hat er alles, was er wollte, Geld im Überfluss, ein schickes Penthouse Appartement und eine teuere Geliebte obendrein. Doch "Wall Street" wäre kein Oliver Stone-Film, käme da nicht die Moral ins Spiel.
"Wall Street" hat Oliver Stone seinem 1985 verstorbenen Vater Louis Stone gewidmet. Der Geschäftsmann und passionierte Kapitalist, über 50 lange Jahre Börsianer, verkörperte für ihn ein "kreatives Unternehmertum", das immer auch die Wohlfahrt der Allgemeinheit im Auge behielt und förderte. Im Gegensatz dazu steht der aggressive Spekulant Gekko, der in einer Zeile zu Bud Fox sagt: "Ich schaffe nichts, Ich besitze." Stone über seinen Vater: "Mein Vater glaubte, dass Amerikas Handelsgeschäfte den Frieden bringen und neue Industrien durch Wissenschaft und Forschung aufbaut ... Aber diese Idee scheint heute pervertiert."

Ohne Verantwortung

Nicht eine grundsätzliche Kapitalismuskritik oder die Analyse der immer weniger transparenten Finanzmärkte war Stone ein Anliegen. Aber er kritisiert mit der überzeichneten Figur Gekkos die Ideologie des im Fachjargon der Ökonomen so genannten Laissez Faire-Kapitalismus, dessen Befürworter einen grenzenlos freien Markt ohne staatliche Einschränkungen propagieren, ganz dem unternehmerischen Ego überlassen. Gekko erscheint es also ganz natürlich, dass "Einem Prozent der Amerikaner 50 Prozent des Reichtums der USA gehört". Seine einzige Philosophie ist "survival of the fittest." Mehr noch als die ökonomischen und sozialen Schieflagen, die durch neue Dimensionen des Handelns an internationalen Aktienmärkten entstehen, geht es dem Regisseur um die Verführung und daraus folgende moralische Verstrickung von Bud Fox, der um Integrität und Identität mit Gut und Böse ringt. Fox steht zwischen zwei Vätern, seinem richtigen, dem ehrlichen Maschinisten und Gewerkschaftler Carl Fox, der bei der Fluglinie Blue Star Airlines arbeitet, und dem asozialen Kapitalisten Gekko. Beide begegnen sich in einer konfrontativen Szene, bei der es um einen gewinnträchtigen Deal geht. Sohn Bud Fox will Blue Star Airlines mit Hilfe Gekkos profitabler machen. Wie das gehen kann, erklärt Gekko: Durch Mehrarbeit aller Angestellten und 20prozentige Lohnkürzungen. Carl Fox verweigert; er ist ein Vertreter des alten Schlages, ein Mensch, der sich alles hart erarbeitet hat. In der neu anbrechenden Zeit des kurzfristigen Gewinnstrebens wirkten seine Wertevorstellungen anachronistisch.

Doch noch Moral

Das Drama endet wie immer in Hollywood gut und als Lehrstück. Die illegalen Handlungen des Bud Fox fliegen zwar auf und er wird verhaftet; findet aber zu seinem Vater zurück – zurück auf die richtige Seite. Leider fehlt "Wall Street" emotionale Tiefe, zu distanziert bleiben Bud und Carl Fox, obwohl Michael Douglas den Oscar für die beste Schauspielleistung in den USA, den Best Actor Award, erhielt. Aufsehen erregend allerdings ist nach wie vor die Dynamik der Kameraführung in "Wall Street", die zum Markenzeichen von Oliver Stone wurde. Sie bewegt sich ebenso so hungrig und unruhig wie die Protagonisten in ihrer Gier nach Geld.

Testosteronwahn

Stone bewies in "Wall Street" einmal mehr die große Stärke als Porträtist einer kriegerischen Macho-Welt, die sich auch im Gebrauch einer extrem militärischen Sprache äußert. Er führt soziale Männlichkeitsrituale vor: als Bud Fox zum ersten Mal erfolgreich einen Deal zustande gebracht hat, schickt Gekko ihm eine Limousine mit einer Prostituierten, Kokain und Champagner vorbei. Frauen aus Fleisch und Blut haben hier nichts verloren. Die Protagonistinnen erfüllen ihre Funktion als Errungenschaften und Schmuckstücke der Männer im Zuge ihrer ökonomischen Eroberungszüge. Die Innenarchitektin Darien Taylor (Daryl Hannah), Buds Freundin und Gekkos Ex steht für den sinnentleerten materialistischen Lebenstil. Die Luxusfrau verleiht ihm mit Status aufgeladenen Einrichtungsgegenständen den neu-reichen Touch der Aufsteigerklasse.

"Wall Street" ist nicht der beste Film von Oliver Stone, trotzdem gibt er auch 2007 über alte und neue Unternehmernaturen zu denken auf.

Susanne Gupta dreht Filme ... und schreibt über die der anderen.

Fotos: ©Verleih


www.german.imdb.com/title/tt0094291/
Mehr zum Film auf der Internet Movie Database
www.oscars.org/
Michael Douglas erhielt eine Oscar-Auszeichnung für die beste männliche Hauptrolle.
www.boerse-online.de/
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www.bpb.de
Mehr über Geld und andere Güter auf den Seiten der BpB.




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