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Der seltsame Fall des Benjamin Button

Eine Rolle rückwärts

Kinostart: 29.1.2009 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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So ein Sturm kann über reinigende Kräfte verfügen. Als Metapher mag das reichlich abgeschmackt klingen, doch David Fincher war sie wohl gut genug, einen Wirbelsturm zum Handlungsrahmen seines neuen Films "Der seltsame Fall des Benjamin Button" zu machen. Nicht irgendeinen Wirbelsturm natürlich, sondern Katrina, jener Hurrikan, der im August 2005 als eine der größten Naturkatastrophen in die Geschichte der USA einging.

Zeitgeschichte ohne Spuren

Diese historische Größenordnung ist für Finchers Film wichtig, denn der Fall Benjamin Button will mehr sein als bloß eine medizinische Kuriosität oder eine tragische Liebesgeschichte. Ganz am Rande – und auf sehr abwegigen Pfaden – ist "Der seltsame Fall des Benjamin Button" auch ein Streifzug durch das 20. Jahrhundert, gesehen durch die Augen eines Mannes, dessen eigenes Leben gegen die Chronologie der Geschichte verläuft: Benjamin, in (fast) allen Lebensabschnitten gespielt von Brad Pitt, wird als alter Mann geboren und stirbt als Baby. Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Katrina-Katastrophe bilden den Rahmen seiner Lebensgeschichte. Weil Benjamin jedoch Zeit seines Lebens ein Außenseiter bleibt, ziehen auch die großen historischen Ereignisse spurlos an ihm vorüber.

Jede Generation ist von einem historischen Ereignis geprägt. Heute wird viel geredet über die 33er, die 68er oder die 89er. Benjamin Button aber kann sein Leben lang zu keiner eigenen Identität finden, weil sein Geist nur für einen kurzen Moment mit seinem physischen Selbst identisch sein wird.

Das Aneinander-vorbei-Leben als Schicksal


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"Der seltsame Fall des Benjamin Button" beginnt in einem Krankenhaus in New Orleans, an dem Tag, als Katrina auf das amerikanische Festland trifft. Eine alte Frau (Cate Blanchett unter Unmengen von Gesichtsprothesen und Make up) liegt im Sterben, während im Fernsehen erste Sturmwarnungen ausgerufen werden. Die Tochter wacht die verbleibenden Stunden an der Seite ihrer Mutter Daisy. Es bliebe noch viel zu klären, aber die Zeit läuft ihnen davon, denn die Kräfte der alten Frau schwinden mit jeder Minute. Weil sie zu schwach ist, vertraut die Mutter ihrer Tochter ein altes Tagebuch zum Lesen an. Es gehörte Benjamin Button, ihrer großen Liebe, mit dem zu leben ihr nur für eine kurze Zeit vergönnt war. Als sie sich das erste Mal begegnen, ist Daisy gerade sechs Jahre alt, Benjamin weit über achtzig (und dabei nicht größer als ein Pimpf). Im Laufe des Films werden sich ihre Wege immer wieder kreuzen, jedoch nur einmal als Gleichaltrige. Den Rest leben sie aneinander vorbei, so wie auch die Geschichte in Benjamins Leben nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Episoden zu sein scheint.

Regisseur David Fincher ist nicht unbedingt eine nahe liegende Wahl für ein sentimentales Epos wie "Der seltsame Fall des Benjamin Button". Seine Stärke sind kühle, kontrollierte Thriller mit einem Hang zu technischen Spielereien. Finchers letzter Film "Zodiac" wich nur geringfügig von diesem Profil ab.

Eric Roth, Drehbuchautor des "Benjamin Button"-Films, zeichnete schon für die Vorlage von Robert Zemeckis "Forrest Gump" (1994) verantwortlich. Benjamin Button klingt also nicht ganz zufällig wie eine Reprise auf den Oscar-überhäuften Naivling, der mit mehr Glück als Verstand zum amerikanischen Helden wurde. Fincher ist da zu Recht skeptischer, was das Bild des Helden im 21. Jahrhundert angeht. Ausgerechnet ihm, dessen Kino über viele Jahre für technisierte, in ihrer Perfektion immer auch latent autoritäre Bilder stand, verdankt "Der seltsame Fall des Benjamin Button" seine diskrete Zurückhaltung – auch wenn sich der historische Rahmen der Geschichte streckenweise bedeutungsschwanger aufbläht. Benjamin Button ist eine Art Anti-"Forrest Gump". Niemals eins mit sich, sein Leben lang allein, ein passiver Beobachter des Weltgeschehens.

Das 20. Jahrhundert als Märchenwelt

Diese Passivität wird dem Film schnell zur Crux, weil er sich in eine märchenhafte Fantasiewelt à la Jean-Pierre Jeunet ("Die fabelhafte Welt der Amélie") zurückzieht, die sich auch gegen die sehr reale Tragödie der Katrina-Rahmenhandlung als resistent erweist. Fincher und Roth blenden in "Der seltsame Fall des Benjamin Button" konsequent alles aus, was auch nur in die Nähe einer sozialen Realität vorstoßen könnte.

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Benjamin wächst nach dem Tod seiner Mutter in einem afro-amerikanischen Viertel von New Orleans auf. Das schwarze Hausmädchen Queenie adoptiert den Jungen, doch der Film ignoriert sowohl die gesellschaftliche Brisanz dieser Pflegemutterschaft als auch eine mögliche Verbindung zur Katrina-Katastrophe (und damit in die Gegenwart des Films), die wie kaum ein anderes Ereignis der letzten Jahre die tiefe soziale Kluft zwischen Arm und Reich, Weiß und Schwarz in der amerikanischen Gesellschaft offen legte. Der Hurrikan bleibt in "Der seltsame Fall des Benjamin Button" lediglich eine historische Marke ohne tiefere Bedeutung, wie so vieles im Leben des Benjamin Button.

Roths Drehbuch konzentriert sich vielmehr auf die unglückliche Liebesgeschichte von Benjamin und Daisy: von den nächtlichen Versteckspielen des kleinen Mädchens und des alten Mannes bei Kerzenschein bis hin zu ihrem kurzen Glücksmoment in den Sechzigern, die die beiden Freigeister größtenteils in ihrem Apartment verbringen. (Einen größeren Eindruck scheinen die wilden 1960er auf Benjamin jedenfalls nicht gemacht zu haben.) Die einzelnen Etappen werden nur kurz angerissen und bleiben weitgehend ohne Zusammenhang, was bei einer Länge von über zwei Stunden eine erstaunliche Leistung ist. Daisy wird eine weltberühmte Tänzerin, bis ein Unfall ihrer Karriere ein frühzeitiges Ende bereitet. Benjamin heuert auf einem Fangschiff an, landet während des Zweiten Weltkriegs im russischen Murmansk und überlebt als Einziger einen U-Boot-Angriff.

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" rast durch die Geschichte und hält sich dann wiederum an kleinen Episoden unnötig lange auf: eine Unstimmigkeit, die den Film gerade in der zweiten Hälfte etwas langatmig macht.

Gefühl durch Design

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Hier kommen Finchers (ungeahnte) Stärken ins Spiel, der allein mit seinen Set-Designs eine Emotionalität evoziert, die Pitt als zentrale Figur niemals zum Ausdruck bringen kann. Finchers, was visuelle Details angeht, nuancierte Bildsprache wird so zum Herzstück des Films, üblicherweise ein Problem von Blockbustern, deren Überwältigungsästhetik einer erzählerischen Dramaturgie oft genug den Boden entzieht.

Fincher hingegen gelingt es, die vielen Leerstellen der Geschichte mit emotionalen Momenten zu füllen. Dass viele dieser hübsch anzusehenden Details (wie auch Brad Pitts stark gealtertes Gesicht) aus dem Computer stammen, unterstreicht dabei noch einmal Finchers Technik-Affinität. Dass er aus dieser letztlich sehr klinischen Arbeitsweise Emotionen – und sei es bloß in Form von Sentimentalität und Melancholie – zu generieren versteht, macht "Der seltsame Fall des Benjamin Button" trotz seiner Länge und seiner Handlungswirren zu einem mustergültigen Hollywood-Melodram.

Baz Luhrmann hat gerade mit "Australia" gezeigt, dass altmodische Hollywood-Epen wie "Vom Winde verweht" (1939) ungebrochen kaum noch in die Gegenwart zu übertragen sind. Die dreizehn Oscar-Nominierungen für "Der seltsame Fall des Benjamin Button" allerdings sind Beweis genug, dass Hollywood weiter nach solchen Stoffen lechzt. David Finchers Film schlägt hier eine Brücke.

(The Curious Case of Benjamin Button) USA 2008, Regie: David Fincher, Buch:  Eric Roth nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald, mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Taraji P. Henson, Julia Ormond, Jason Flemyng, Tilda Swinton, 166 min, Kinostart: 29. Januar 2009 bei Warner Bros

Fotos: Verleih

Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt über und für die Kulturindustrie.



www.benjaminbutton.com
Website zum Film (englisch)

www.BenjaminButton-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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