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Filme als Waffe

Lukas Moodysson im Gespräch

24.11.2003 | Nana A.T. Rebhan | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit seinen beiden Filmen "Raus aus Åmål" und "Zusammen!" avancierte Lukas Moodysson zu einem der interessantesten jungen schwedischen Regisseure. Aus einer Zeitungsmeldung, wie man sie nicht nur in Zusammenhang mit Michael Friedman liest: "Ein Menschenhändlerring wurde zerschlagen, der weibliche Minderjährige aus Osteuropa versklavte" hat der schwedische Regisseur Lukas Moodysson mit seinem neuen Film "Lilja 4-ever" ein packendes Plädoyer für eine freie Selbstbestimmung von Kopf und Körper geschaffen. fluter.de-Autorin Nana A. T. Rebhan hat den 1969 geborenen Regisseur befragt, wie er seine Filme macht:

Nana A. T. Rebhan: Wie hast du das Thema für deinen neuen Film gefunden?

Lukas Moodysson: Ich gehe mit offenen Augen durch diese Welt und schreibe über Dinge, über die ich nicht aufhören kann nachzudenken. So war das auch bei meinen beiden vorherigen Filmen. Aber bei "Lilja 4-ever" habe ich mehr an meine Verantwortung gegenüber der Welt gedacht als an mich selbst.

Was bedeutet Filmemachen für dich?


Eigentlich ist es egal, ob ich Filme mache oder nicht. Aber ich habe als Mensch eine Verantwortung dafür, was mit anderen Menschen geschieht. Ob Menschen in Afrika verhungern oder ob sie irgendwo anders vergewaltigt werden. Ich versuche, mit meinen Filmen etwas dagegen zu unternehmen. Ich arbeite mit den Waffen, die ich habe. Hätte ich andere, würde ich die verwenden. Ich habe eben nichts anderes als meine Filme ...

Was könnten das für Waffen sein?

Nun ja, Maschinengewehre ...

Du könntest dir ja eines kaufen?

Nein, den Mut habe ich nicht. Ich habe auch nicht die Begabung, in so einer direkten körperlichen Weise zu kämpfen. Bei mir funktioniert das anders. Ich bin mir aber auch überhaupt nicht sicher, ob Filmemachen die beste Möglichkeit ist, die Welt zu verändern.

Warum nicht?


Weil die Wirkung so begrenzt ist.

Kannst du das näher erklären?

Na ja, wenn ich etwa wollte, dass Präsident Bush seinen Job verliert, dann weiß ich nicht, ob ausgerechnet ein Film die beste Idee wäre, das durchzusetzen. Gewalt oder politische Aktivitäten wären da viel besser geeignet. Aber ich bin gegen Gewalt, das ist mein Problem. Wenn ich etwa zur Nazizeit in Deutschland gelebt hätte und Hitler hätte stoppen wollen, weiß ich nicht, ob da ein Film eine effektive Idee gewesen wäre ...


Eine ganz andere Frage: Wie hast du deine Schauspieler für "Lilja 4-ever" gefunden und wie hast du mit ihnen gearbeitet?

Wir haben in Moskau und St. Petersburg gesucht und haben uns bestimmt so um die 1000 Jugendliche angesehen. Ich habe so lange gesucht, weil ich Darsteller finden wollte, denen ich total vertrauen konnte. Denen ich viel Freiheit bei der Arbeit geben konnte. Das Wichtigste für mich bei der Regie ist es, die richtigen Schauspieler zu finden. Man braucht eigentlich nur ein gutes Drehbuch und die richtigen Schauspieler, der Regisseur ist dann eigentlich überflüssig.

Wie sieht die Freiheit aus, die du deinen Schauspielern anbietest?

Es ist nicht so, dass es egal wäre, was sie tun. Es geht darum, in einem offenen Kontext zu arbeiten, der es erlaubt, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Atmosphäre sollte so angenehm sein, dass sie es erlaubt, sich zu öffnen und keine Angst vor dem Schauspielen zu haben.

Die Figur der Lilja symbolisiert für dich sicher einiges. Hast du dies der Darstellerin gesagt?

Nein, sie ist ja erst 14, und ich wollte sie nicht überfordern. Über den Charakter der Lilja weiß ich selbst aber auch nicht mehr als Oksana Akinshina. Aber ich kenne Statistiken. So werden jährlich zwischen 700.000 und 2 Millionen Frauen und Mädchen zur Prostitution gezwungen. So etwas muss sie nicht wissen.

Gab es auch ein visuelles Konzept für den Film?

Nein, eigentlich nicht. Das am stärksten improvisierte Element des Films ist wahrscheinlich die Kameraarbeit. Wir haben immer von Tag zu Tag entschieden, wie wir die Szenen auflösen wollen.

Wie wichtig ist Musik im Film für dich?


Sehr wichtig. Ich höre auch sonst sehr viel Musik. Im Film transportiert Musik Emotionen. Ich habe versucht, Musik zu finden, die Lilja - würde sie wirklich leben - vielleicht hören würde, und diese im Film zu verwenden. Bei diesem Film habe ich das erste Mal mit einem Komponisten gearbeitet. Ich hatte die Idee, eine musikalische Landschaft für Lilja zu entwerfen. Dann habe ich aber immer mehr bereits existierende Songs gefunden, die ich alle verwenden wollte. Der Komponist hatte am Ende gar nichts mehr zu tun. Es ist zwar eigentlich eine etwas billige Möglichkeit, Gefühle beim Zuschauer hervorzurufen, indem man Songs verwendet, mit denen er selbst etwas verbindet. Aber ich mag es, weil es den Film in der Realität verankert.

Es gibt eine Szene in "Lilja 4-ever", die mich sehr berührt hat. Lilja rennt der Mutter hinterher, die mit ihrem Freund im Auto nach Amerika losfährt. Sie rutscht aus, landet in einer Pfütze und das Auto fährt einfach weiter.

Ja, diese Szene ist auch für mich die wichtigste Szene in diesem Film. Ich glaube sogar, es ist die beste Szene, die ich je gedreht habe. Oder sogar die beste Szene, die ich je in einem Film gesehen habe ... (er lacht zum ersten Mal während des Interviews). Diese Szene gelang uns während der ersten Drehtage. Und ich war sehr beeindruckt von Oksana. Diese Szene zeigt etwas fast Archetypisches ... Trennungsangst.

Kann man so eine Szene in dieser Intensität planen?

Dass genau im richtigen Moment ein streunender Hund zu Lilja läuft, die völlig fertig in der Pfütze liegt, war Zufall oder Schicksal. Der Hund macht die Szene perfekt.

Hast du selbst sehr hohe Erwartungen an dich und deine Filme?


Ja. Manchmal komme ich mir vor wie ein Athlet, der den Weltcup gewinnen muss. Ich glaube nicht, dass es gesund ist, sich selbst ständig so zu fordern, aber ich kann nicht anders.

Nana A. T. Rebhan ist Filmkritikerin und wartet gespannt, wie der Film, der am 4. Dezember 2003 startet, beim Publikum ankommt.

Foto: Arsenal Filmverleih


www.arsenalfilm.de/
Filmverleih

www.unhchr.ch/women/focus-trafficking.html
www.unhchr.ch/women/trafficking.pdf
UNICEF / UNOHCHR / OSCE-ODIHRBericht "Trafficking in Human Beings in Southeastern Europe" (2002)

www.unodc.org/unodc/en/crime_cicp_convention.html
United Nations Convention against Transnational Organized Crime

www.balticseataskforce.dk
Die Baltic Sea Task-Force on Organized Crime besteht aus allen zehn Ostseeanrainerstaaten

www.bka.de
Bundeskriminalamt

www.terre-des-femmes.de
Terre des femmes e.V.




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