Okami auf DVD

Das japanische Pendant zum Spagettiwestern

Kinostart: 1.1.2002 | Jörg Buttgereit | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der stämmige Samurai Itto Ogami schiebt grimmig einen Kinderwagen mit seinem Sohn Daigoro durch Japan. Er, der oberste Scharfrichter des Shogun und sein kleiner Sohn sind die einzigen Überlebenden einer Intrige, eines Massakers, bei dem die gesamte Ogami-Familie ausgerottet wurde. Durch Horden von Angreifern säbelt sich "Okami" (der einsame Wolf) mit seinem Schwert. Fast beiläufig trennt er den angreifenden Ninjas Arme und Beine vom Körper, spaltet so geschwind Schädel, dass der Getroffene erst seinen zerteilten Hut zu Boden fallen sieht, bevor sein Schädel auseinander klappt. Einem gefallenen Krieger bleibt noch die Zeit, über das zischende Geräusch der aus seiner geöffneten Kehle zischenden Luft zu sinnieren, bevor er in den Sand fällt und diesen rot färbt.

Das mag alles sehr brutal klingen. Doch bei der 6-teiligen "Okami"-Filmreihe, die von 1972 bis 1974 unter der Regie von Kenji Misumi in Japan entstand, handelt es sich vielmehr um ruhige, poetische Filme voller Traditionsbewusstsein. Gewalt wird hier nie selbstzweckhaft oder verherrlichend, sondern geschmackvoll stilisiert präsentiert. Oft vergehen Minuten ohne dass ein Wort gesprochen wird. Lautlos pirschen sich sechs wunderschöne Kämpferinnen an den ruhenden Vater mit Kind heran. Und dann das Zischen der Schwertklingen und knallrote Blutfontänen, die in Zeitlupe bis an die Kamera spritzen.

Was aus heutiger Sicht wie eine ästhetisch überzeugende, fast märchenhafte Variante des amerikanischen Splatter- (=Blutspritz-) Films wirkt, bezieht sich in Wirklichkeit auf die Schießorgien eines Sam Peckinpah ("The Wild Bunch"). Und in der Dramaturgie ähneln die "Okami"-Filme den italienischen Spagettiwestern, in denen sich die Duellisten immer erst minutenlang gegenüberstehen, bevor ein tödlicher Schuss fällt. Wahrscheinlich kann man den Samuraifilm aus unserer westlichen Sicht nur als eine Art japanischer Western verstehen. 1980 ließ der amerikanische Filmproduzent Roger Corman aus den beiden ersten Teilen der "Okami"-Saga einen Film zusammenschneiden, den er unter dem Titel "Shogun Assassin" in den USA auswertete.

Beide Teile sind nun bei dem engagierten deutschen Filmlabel Rapid Eye Movies, das sich ausschließlich asiatischer Filmkultur widmet, ungekürzt auf DVD erschienen. Für die um knapp 30 Jahre verspätete Deutschlandpremiere der "Okami"-Serie wurden gestochen scharfe Masterbänder im extrem breiten Cinemascope-Kinoformat verwendet. Die Tatsache, dass "Okami" nur in japanischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln vorliegt, sollte niemanden abschrecken. Nur mit japanischem Gegrunze und Geschreie entfalten die Klassiker der japanischen Produktionfirma Toho (die übrigens auch die Godzilla-Filme produziert hat) ihr einzigartiges Flair. Mit einer billigen deutschen Synchronisation hätte man "Okami - Das Schwert der Rache" und "Okami - Am Totenfluss" nur verhunzt. Eine italienische Oper wird schließlich auch nicht eingedeutscht. Die weiteren Teile der Serie werden folgen. Als VHS-Video sind die Filme ebenfalls erhältlich. Aber wer begnügt sich schon noch mit der alten quietschenden Videokassette.

"Okami - Das Schwert der Rache": Rapid Eye Video / One World, OW-DVD 5051
"Okami - Am Totenfluss": Rapid Eye Video / One World, OW-DVD 5052
Japan 1972-1974, Regie; Kenji Misumi, Buch: Kazuo Koike, mit Tomisaburo Wakayama, Akihiro Tomikawa, Regionalcode 2, jap. OF mit deut. UT, Widescreen, Vermietung und Verkauf nur an Erwachsene

Foto: Rapid Eye Movies

Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.


www.rapideyemovies.de

www.imdb.de
Mehr Infos über die Filme in der Internet Movie Database

Die "Okami"-Filme entstanden nach dem Comic "Lone Wolf and Cub" - ebenso wie "Road to Perdition".




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