Ein Fass ohne Boden

"Memento" fordert volle Konzentration

13.12.2001 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Schon die Anfangssequenz wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet: Man sieht einen Mann, der ein Polaroid in der Hand hält. Das Foto zeigt eine blutüberströmte Leiche. Langsam verblasst das Motiv, die Kamera schluckt das Bild, Blitzlicht, der Tote wird wieder lebendig, der Lauf einer Pistole wird aus seinem Mund gezogen. Wer sind die zwei Männer? Warum tötet der eine den anderen und fotografiert das? Warum läuft der Film rückwärts? - Schon ist man drin, in der komplexen Welt des innovativsten und brillantesten Thrillers der letzten Jahre.


Dabei scheint der Plot von "Memento" auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär zu sein. Leonard Shelby hat in seinem Leben nur noch ein Ziel: Er will den Mann finden und töten, der seine Frau brutal vergewaltigt und ermordet hat. Bei Shelby findet das Verfolgen dieses Ziels allerdings unter stark verschärften Bedingungen statt: Seit der Ermordung seiner Frau leidet er an einer seltenen Form von Amnesie. Sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr: Alles, was bis zu dem traumatischen Erlebnis geschehen ist, hat er abgespeichert; wer und was ihm seitdem im Leben begegnet, verschwindet innerhalb weniger Minuten wieder aus seiner Erinnerung.

Tätowierte Handlungsmaxime

So ist Shelby gezwungen, sich und seine Umwelt ständig neu zu identifizieren. Dabei helfen ihm Aufzeichnungen und Polaroid-Fotos, die er mit einer Disziplin und peniblen Ordnung pflegt und zusammenhält, dass es fast an eine Obsession grenzt. Die wichtigsten Informationen und Erkenntnisse, die er bei der Jagd auf den Mörder seiner Frau braucht, tätowiert er sich sogar auf den Körper. Seine Handlungsmaxime "Find him and kill him" steht in großen Buchstaben quer über seiner Brust. Shelby, sich seiner Krankheit durchaus bewusst, ist überzeugt davon, auf diese Art und Weise die Kontrolle über sein Leben und seine Handlungen zu behalten.

Regisseur Christopher Nolan hat, inspiriert von einer Kurzgeschichte seines Bruders Jonathan, auch das hoch komplizierte und dabei exzellente Drehbuch verfasst und wurde dafür wohlverdienterweise beim Sundance-Festival im Frühjahr 2001 ausgezeichnet. Durch einen Kunstgriff lässt er den Zuschauer direkt am Zustand des Protagonisten teilhaben: Er erzählt die Geschichte rückwärts. Die Szene, die wir am Anfang des Films sehen, ist das logische Ende der Geschichte und umgekehrt. Nolan hat Sequenzen von jeweils wenigen Minuten verknüpft, deren Anfang immer das Ende der darauf folgenden ist. Der Zuschauer taucht somit auf faszinierende Art und Weise in die Wahrnehmung Shelbys ein. Genauso wie Shelby immer wieder aufs Neue vor einem Rätsel steht und sich neu orientieren muss, ist der Zuschauer gezwungen, sein Hirn anzustrengen, um Personen und Ereignisse den bereits bekannten Bruchstücken der Geschichte zuzuordnen. Die Frage, die wir uns als Betrachter ständig stellen müssen, ist nicht, wie wir es von herkömmlichen Thrillern gewöhnt sind: "Was wird als nächstes passieren?", sondern "Warum ist das jetzt passiert?".

Und das Ende ist der Anfang

Das Verstehen und Nachvollziehen von Leonard Shelbys Rachefeldzug wird dem Zuschauer keineswegs leicht gemacht. Möglicherweise entgeht einem auch einiges, bei der Menge von verwirrenden Informationen, die man erhält. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass es unserem (Anti-)Helden Shelby nicht anders ergeht. Zudem gibt es auch noch einen zweiten Erzählstrang, im Unterschied zur Hauptgeschichte schwarz-weiß gedreht, der in der chronologisch "richtigen" Reihenfolge, an verschiedenen Stellen des Films eingestreut, essentielle Erinnerungen Shelbys aus der Zeit vor der Ermordung seiner Frau wiedergibt.

Die Schauspieler leisten in dem düster-bedrohlichen Werk - gedreht in der schmuddeligen Atmosphäre einer gesichtslosen amerikanischen Kleinstadt - ganze Arbeit, sie verkörpern ihre ambivalenten Charaktere meisterhaft. Guy Pearce, Darsteller des Leonard Shelby, den wir schon aus "Priscilla, Queen of the Desert" und "L.A. Confidential" kennen, kann endlich mal zeigen, was er drauf hat. Carrie-Ann Moss (die Trinity aus "Matrix") als Natalie und Joe Pontoliano (Schauspielveteran - seit drei Jahrzehnten im Geschäft) als Teddy stehen ihm in nichts nach. Beiden begegnet Shelby immer wieder auf seiner Mission, bis zuletzt wird nicht eindeutig klar, welches Verhältnis sie zu ihm haben und welche Absichten sie verfolgen.

Wer durch den Fortlauf des Films und das dadurch erlangte Wissen mehr Durchblick über die Geschehnisse zu bekommen erhofft, hat Pech: Die Ereignisse und Personen in "Memento" werden immer undurchsichtiger und schwerer einzuordnen, je weiter sich die Handlung auffächert und je mehr man über Shelbys bisheriges Leben erfährt. Das Ende (des Films) und die vermeintliche Auflösung des "Rätsels" Shelby ist eine völlige Überraschung.

USA 2000, Buch und Regie: Christopher Nolan, mit Guy Pearce, Carrie-Ann Moss, Joe Pantoliano, Kinostart: 13.12.01 bei Helkon

Fotos: Verleih

Stefanie Zobl lebt in Berlin und bewegt sich freiberuflich zwischen den Medien Internet, Fernsehen, Film und Theater.


www.otnemem.com
Website zum Film (englisch)
www.otnemem.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
www.movieline.de
Mehr über den Film bei MovieLine




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