Zeiten des Aufruhrs

Paris so fern

Kinostart: 15.1.2009 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die Fassaden sind gepflegt und die Lattenzäune schön weiß und dennoch ist die amerikanische Vorstadt – zumindest im Kino – selten ein Ort uneingeschränkten Glückes und seliger Zufriedenheit. In Filmen wie in Todd Fields "Little Children" oder David Lynchs Klassiker "Blue Velvet" finden sich dort stattdessen vor allem tiefe Abgründe: Man stößt auf Ignoranz, Doppelmoral und Spießigkeit, während Frustration und Unzufriedenheit bis zum Ausbruch vor sich hin köcheln. Auch der britische Regisseur Sam Mendes hat sich bereits vor acht Jahren mit "American Beauty" in Suburbia umgesehen und mit bissigem Humor die Leere und Verlogenheit armseliger Vorstadtexistenzen eingefangen. Nun kehrt er für "Zeiten des Aufruhrs" abermals dorthin zurück und erzählt – basierend auf Richard Yates' berühmtem Roman "Revolutionary Road", so der Originaltitel – vom Scheitern einer Ehe durch das laute Zerplatzen großer Träume.
Das Paar, das Mendes dafür vor der Kamera wiedervereint hat, gehört für viele zu den großen Traumpaaren der Filmgeschichte: Kate Winslet und Leonardo DiCaprio. Sie durften sich bereits 1998 in James Camerons überlebensgroßem Blockbuster "Titanic" leidenschaftlich lieben, bevor eine Katastrophe die beiden voneinander trennte. War es damals der Untergang des mächtigen Ozeandampfers, ist es in "Zeiten des Aufruhrs", mehrere Jahrzehnte und zwei Weltkriege später, der enge und unausgefüllte Alltag des Vorstadtlebens.

Während Frank Wheeler (DiCaprio) tagtäglich im Strom Tausender anderer Pendler untergeht, die mit Anzug und Hut auf dem Weg ins Büro sind, kümmert sich seine Frau April (Winslet) ums schöne Eigenheim: Sie sorgt für die Kinder, Sauberkeit und die Aufrechterhaltung des Rufes, dass die Wheelers doch ein bisschen anders sind als die Nachbarn. Es ist ein Leben, in das sie auf einmal reinrutschten, nachdem sich die junge Schauspielerin und der Uni-Absolvent, der mit der Army in Europa war, kennen gelernt hatten. Damals hatte das lebenshungrige Paar große Pläne: Sie wollten nach Europa gehen – bis plötzlich der Nachwuchs kam, Franks langweiliger Bürojob und das Haus in der eigentlich verhassten Vorortsiedlung.

Doch April will sich damit nicht abfinden und macht Frank einen Vorschlag: Warum nicht alles hinter sich lassen, doch nach Paris gehen und sich nicht weiter von den eigenen Träumen entfernen? Dass sie den Ausbruch probieren wollen, bringt zunächst noch Aufregung und Überschwang in die Beziehung der beiden und bewirkt neidische Irritationen bei den Nachbarn. Doch mit wachsendem Zweifel an den Plänen, an Mutlosigkeit und aufkeimendem Egoismus läuft die Situation in "Zeiten des Aufruhrs" bald aus dem Ruder.

Diese Eskalation bietet in diesem so psychologisch komplexen wie emotional aufwühlenden Drama die Bühne für ein Oscar-würdiges Schauspielpaar: Mendes' Ehefrau Winslet – ohnehin eine der großen Schauspielerinnen ihrer Generation – lässt sich mit gewohnter Leidenschaft auf diese ehelichen Auseinandersetzungen ein und porträtiert stimmig bis in kleinste Regungen und Anspannungen diese Frau, die sich nicht langfristig in vorgefertigte Gesellschafts-Förmchen pressen lassen will. Aber auch DiCaprio verblasst daneben keineswegs: Obwohl er mittlerweile in Filmen wie "Departed – Unter Feinden" schauspielerisch gereift ist, hat er immer noch mit seiner Bubi-Ausstrahlung zu kämpfen. Nun allerdings spielt er von Anfang an diesen Zweifel weg – mit anfänglicher Euphorie ebenso wie mit Zorn, Traurigkeit und der Hilflosigkeit eines kleinen Jungen.   

Wenngleich die Geschichte in den 1950er-Jahren spielt, ist die Thematik höchst aktuell. "Zeit des Aufruhrs" reflektiert schließlich Fragen, die bis heute Beziehungen und Lebensentwürfe bestimmen. Was ist, wenn man es nicht beim "Was wäre, wenn?" belässt? Hat man tatsächlich den Mut, der Erfüllung seiner Träume nachzugehen? Und ist man dafür bereit, die finanzielle Sicherheit, die Karriere und den satten Wohlstand zu riskieren? Die Gefahr, über diesen Fragen zu dem zu werden, was man als junger Mensch verachtete und niemals werden wollte, ist heute mindestens genauso groß wie damals.
Sascha Rettig

(Revolutionary Road) USA, Großbritannien 2008, Regie: Sam Mendes, Buch: Justin Haythe nach dem gleichnamigen Roman von Richard Yates, mit Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Michael Shannon, Kathryn Hahn, David Harbour, Kathy Bates, 119 min, Kinostart: 15. Januar 2009 bei Universal

Foto: Verleih


www.revolutionaryroadmovie.com
Website zum Film (englisch)
www.revolutionaryroadmovie.com/intl/de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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