Thomas (Benno Fürmann) kehrt in seine Heimatstadt Jerichow zurück. Seine Mutter ist gestorben, er hat ihr Haus geerbt und möchte es renovieren. Einiges ist schief gelaufen in Thomas' Leben: Als Soldat in Afghanistan wurde er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Er ist arbeitslos und nun knöpft ihm auch noch ein alter Kumpel wegen seiner Schulden bei ihm das letzte Geld ab. In dieser existenziellen Sackgasse trifft Thomas Ali (Hilmi Sözer), dem in der Umgebung von Jerichow Dutzende von Imbissbuden gehören. Da Thomas dringend einen Job braucht, nimmt er Alis Angebot, als Fahrer für ihn zu arbeiten, gerne an. Es gilt, die Imbissbuden abzufahren, mit Lebensmitteln zu beliefern und die Einnahmen einzusammeln. Ein Job, der ein gewisses Vertrauen erfordert, das der Kontrollfreak Ali eigentlich in niemanden hat. Aber Thomas hilft ihm ein paar Mal in entscheidenden Situationen, so übernimmt er beispielsweise die Verantwortung, als Ali angetrunken einen Autounfall verursacht. Die scheinbar entspannte Lage entwickelt sich für Thomas jedoch schlagartig zur drohenden Katastrophe, als er mit Alis Frau Laura (Nina Hoss) eine leidenschaftliche Affäre beginnt.
Ein Platz im Leben
Das Unheil liegt von Anfang an in der Luft in Christian Petzolds Film; allein der Titel lässt ein Drama biblischen Ausmaßes aus Gier, Begierde und Verrat erwarten: Der Regisseur und Autor verwendet für die Geschichte Motive aus James M. Cains schon einige Male verfilmter Novelle "Wenn der Postmann zwei Mal klingelt" (1934). Zudem durchzieht das Thema "Heimat" Petzolds "Film noir" wie ein roter Faden: Thomas kehrt zu seinem familiären Ursprung zurück und ist zugleich aber zutiefst heimatlos – im Sinne von "ohne Bindung". Menschen ohne solide Bodenhaftung und Beziehungen bevölkern Petzolds Œuvre. Noch deutlicher war das in seinen letzten beiden Arbeiten "Yella" und "Gespenster" zu sehen, in denen die Hauptfiguren Yella und Nina etwas geradezu Unwirkliches und Geisterhaftes an sich haben. Das Trio in "Jerichow" ist zweifelsohne aus Fleisch und Blut, aber alle drei versuchen, wenn auch nicht offensichtlich, händeringend einen Platz im Leben zu finden.
Ein Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung prägt den Film. Und doch macht sich keine Melancholie breit, denn trotz ihrer existentiellen Defizite verfolgen die Protagonisten/innen ganz nüchtern und pragmatisch ihre fragwürdigen Ziele. Benno Fürmann und Nina Hoss geben ihren Charakteren Thomas und Laura trotz kühlem Understatement eine nuancenreiche Tiefe. Hilmi Sözer zieht als Ali alle darstellerischen Register zwischen Überschwänglichkeit, Wut und Verzweiflung. Er zeigt die realistische Geschichte eines assimilierten Migranten ohne jeglichen folkloristischen oder künstlich problematisierenden Touch.
Das Leben von Ali, Laura und Thomas spielt sich in Gewerbegebieten, vor Supermärkten und an Durchgangsstraßen ab, einem für das Kino auffällig unglamourösen Umfeld. Die starke, wenn auch subtile Spannung des Films entsteht oftmals aus dem Nichts: Wenn beispielsweise Laura nachts den Namen ihres Liebhabers in den Wald ruft, wäre es auch möglich, dass ihr sie permanent observierender Gatte aus der Dunkelheit auftaucht.
Einmal mehr ist Christian Petzold ein Meisterwerk an Reduktion und Konzentration gelungen. Petzold ist der wohl bekannteste und erfolgreichste Vertreter der so genannten Berliner Schule, oder auch "Nouvelle Vague allemande", wie die Franzosen diese Art des deutschen Films begeistert nennen. Petzold gibt hochdramatischen Geschichten seine unverwechselbare, klare, sehr stilisierte und etwas spröde künstlerische Handschrift. Doch genau damit transportiert er das Wechselspiel aus Leidenschaft und Berechnung, Freiheit und Abhängigkeit besonders glaubwürdig und intensiv.
Jerichow, Deutschland 2008, Buch & Regie: Christian Petzold, mit Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer, André M. Hennicke, Claudia Geisler, Marie Gruber, Knut Berger, 92 min, Kinostart: 8. Januar 2009 bei Piffl
Fotos: ©Verleih; Hans Fromm; Christian Schulz
Stefanie Zobl ist Journalistin in Berlin.
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