So finster die Nacht

Die Liebe seines Lebens

Kinostart: 23.12.2008 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Bizarrer könnte der Kontrast nicht sein: Während das Fernsehprogramm alle Jahre wieder rührselige Familienschnulzen präsentiert, startet zu Weihnachten im Kino ein schwedischer Vampirfilm. Warum nicht! Denn "So finster die Nacht" ist keiner der üblich schwülstig überladenen Gothic-Schocker, vielmehr eine gruselig spannende Geschichte über Freundschaft und die romantische Wahlverwandtschaft zwischen zwei Außenseitern. Wie passend zum Fest.

Außenseiter unter sich


Es ist Winter, klirrend kalt und auch sozial ziemlich ungemütlich in Blackeberg, einer Vorortsiedlung Stockholms. Hier wohnt der zwölfjährige Oskar mit seiner geschiedenen Mutter. Am Fenster starrt er in die Schwärze der Nacht und sieht ein Mädchen, Eli, mit ihrem Vater aus einem Taxi steigen – die neuen Mieter von nebenan. Eli müsste in seinem Alter sein, doch Mädchen sind so ziemlich das Letzte, was Oskar derzeit beschäftigt. Der blonde stille Junge ist eher von ängstlichem Naturell und daher in der Schule das Lieblingsopfer einer Dreiergang. Heute muss Oskar besonders gelitten haben, warum sonst stapft er bei Eiseskälte hinaus, um wie ein Wilder mit seinem Messer auf einen Baum einzustechen? "Schrei wie ein Schwein!", jault er dazu und bekommt gar nicht mit, wie Eli plötzlich hinter ihm auf einem Klettergerüst kauert. Etwas seltsam ist es schon, dass sie da so dünn bekleidet mit nackten Füßen hockt. Auch riecht sie seltsam, doch eigenartigerweise zeigt Oskar vor ihr keine Scheu. Sie reden, tasten sich ab und rasch wird klar, dass sich hier zwei gefunden haben. Nur was ist von Elis Abschiedsworten zu halten? "Wir können keine Freunde sein", sagt sie. Die Zuschauer/innen wissen längst, warum. Aber Oskar?
"So finster die Nacht" heißt im Original "Låt den rätte komma in" – Lass den Richtigen hinein. Ein passender Titel, denn Oskar lernt, wer es wirklich verdient, in sein Leben zu treten. Seine Mutter ist da nur zufällig. Sie ist verhärmt, enttäuscht, ohne Verständnis für ihren Jungen. Oskar hängt mehr an seinem Vater, der irgendwo draußen in der Natur wohnt. Er besucht ihn einmal, erlebt einen sonnigen Nachmittag voll ausgelassener Vater-Sohn-Tollerei. Dann kommt ein Kumpel des Vaters hinzu, stellt Schnapsgläser auf den Tisch und Oskar erkennt, dass sein Vater Opfer des Alkohols geworden ist. Eine beeindruckend subtile, doch unglaublich beredte Szene.

Überhaupt zeigt Regisseur Thomas Alfredson viel Gespür für die Nuancen in sozialen Randgebieten, nüchternen Blicks hält er selbst unausgesprochene Realitäten fest. Dass in dem frostigen Alltag Blackebergs nun auch noch der Vampir Eli seinen Platz findet, hat der 2004 erschienene Bestseller von John Ajvide Lindqvis geklärt. Als wäre ein Vampir nicht schon Außenseiter genug, muss Eli ausgerechnet in Blackeberg stranden und bringt dadurch eine irreale, jedoch nicht minder brutale Gegenwelt zu den freudlosen Lebensbedingungen der Menschen ins Spiel.

Blut ist wärmer als Schnee

Selbstverständlich mangelt es in "So finster die Nacht" nicht an blutigen Szenen, etwa wenn Elis älterer Begleiter seine Opfer narkotisiert, aufhängt und schächtet, damit er Eli ihren Lebenssaft im Plastikkanister servieren kann. Sie sind gruselig, doch längst nicht so plakativ, als wenn sich Fangzähne überdeutlich in Halsschlagadern bohren. Keine Panik für Horror-Fans: Auch hier kamen ziemlich gute Maskenbildner zum Einsatz. Doch diese Art des Grauens soll eher die äußere Filmhandlung antreiben, wesentlich vielschichtiger und spannender ist, was zwischen Oskar und Eli passiert. Klar, dass sie sich weiterhin treffen, so gegensätzlich sie auch sein mögen. Sie sei kein Mädchen, sagt Eli einmal, um Oskars erwachende Gefühle im Keim zu ersticken. Und tatsächlich hat Thomas Alfredson die Rollen vertauscht. Oskar ist leichtgläubig, schwach und ängstlich, Eli hingegen stark, wild und unbarmherzig. Und: Sie hat die richtigen Tipps, wie er die Attacken der Gang beenden kann: "Du musst kämpfen. Und zwar gegen den Anführer zuerst." Also beginnt Oskar tapfer mit Krafttraining und setzt sich im Alltag zur Wehr. Derweil häufen sich in der Siedlung schreckliche Todesfälle und Menschen verschwinden. Elis Versorger hat wieder einmal zugeschlagen, doch dann vermasselt er es und flieht in den Tod. Und Eli, sie mag zwar schon ziemlich lang zwölf sein, ist nun auf sich allein gestellt und merkt rasch, dass auch sie die Hilfe eines Freundes braucht.

Eingebettet in den bizarren Kontrast zwischen nüchtern präsentiertem Vorortalltag und dem nicht minder genau erforschten Vampir-Leben entwickelt sich "So finster die Nacht" immer mehr zu einer atemraubenden Coming-Of-Age-Geschichte. Der Moment, in dem Oskar und Eli erkennen, auf wen sie sich letztlich verlassen können, ist schrecklich und wunderbar zugleich. Ja, selbst eine Blutsbrüderschaft zwischen Vampir und Mensch ist möglich. Wenn das kein passender Stoff für das Fest der Liebe ist!

(Låt den rätte komma in) Schweden 2008, Regie: Thomas Alfredson, Buch: John Ajvide Lindqvist nach seinem gleichnamigen Roman, mit Kåre Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar, Henrik Dahl, Karin Bergquist, Peter Carlberg, Ika Nord, Mikael Rahm, ab 16, Kinostart: 23. Dezember 2008 bei MFA+

Fotos: ©Verleih

Cristina Moles Kaupp ist Filmjournalistin in Berlin.



www.latdenrattekommain.se
Website zum Film (schwedisch)

www.mfa-film.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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