O'Horten

Die kleinen, kostbaren Dinge

Kinostart: 18.12.2008 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Zugführer Odd Horten ist ein Mann, dessen Leben stets in überaus geordneten Bahnen und nach Fahrplan verlief. Nie war er unpünktlich, nie hat er einen Zug verpasst. Über Jahrzehnte hinweg war der hagere Mann immer die Zuverlässigkeit in Person. Erst bei seiner allerletzten Fahrt soll sich das ändern. Die verpasst Horten nämlich, als er sich in der Nacht zuvor durch Zufall im Zimmer eines fremden Jungen wiederfindet und so lange bleiben soll, bis der wieder eingeschlafen ist. In "O'Horten" ist es der Beginn einer Odyssee des frisch gebackenen Pensionärs, die seinem Leben eine ganz neue Richtung geben wird.

Vom Leben gezeichnet

Alte Menschen im Kino haben fast schon Seltenheitswert. Wann werden schließlich faltig-runzlige Frauen für Hauptrollen gecastet? Oder die amourösen Turbulenzen knurriger Senioren-Singles vorgeführt? Doch es gibt auch Ausnahmen, die der Jungendominanz in Filmen trotzen: Während es einstige Action-Helden wie Harrisson "Indiana Jones" Ford oder Sylvester "Rambo" Stallone noch einmal wissen wollten, kratzte Andreas Dresen kürzlich mit "Wolke 9" am Sex-im-Alter-Tabu. Ein anderer Regisseur, der von Geschichten um alte Männer offenbar angetan ist, ist Bent Hamer. Mit "O'Horten" stellt der Norweger nun bereits zum dritten Mal kauzige Eigenbrödler und ewige Junggesellen jenseits der Pensionsgrenze ins Zentrum des herzigen Geschehens.

In Hamers Debütfilm "Eggs" (1995) ging es etwa um zwei knorrige Brüder, deren Alltag durch die überraschende Ankunft eines Sohnes durcheinander gerät. Und "Kitchen Stories" zeigte die freundschaftliche Annäherung zwischen einem schwedischen Küchenforscher und seinem Beobachtungsobjekt, einem widerborstigen, norwegischen Singlemann vorangeschrittenen Alters. Dass es bei "O’Horten" wieder um einen alten Mann geht, war laut Bent Hamer so nicht geplant gewesen. Dennoch passt auch der Zugführer Horten, der zu Beginn seinen Zug durch die schneebedeckte Berglandschaft steuert, bestens zu den schrägen Figuren aus den bisherigen Filmen des Regisseurs.
Absurdes aus dem wahren Leben

Das Drehbuch entwickelte Hamer auf eine für ihn ungewöhnliche Weise: Statt mit einer Initialidee begann die Arbeit an "O'Horten" mit vielen Puzzleteilen. Auf die in der majestätischen Ouvertüre verewigte Zugstrecke zwischen Bergen und Oslo stieß er beispielsweise, als er auf Promotion-Tour für seinen Bukowski-Film "Factotum" vor drei Jahren in England den Hotelfernseher einschaltete und beim Nachtprogramm mit den schönsten Zugstrecken der Welt hängen blieb. Und vom Autofahren mit verbundenen Augen, das Odd Horten mit einem skurrilen Diplomaten erlebt, erfuhr Hamer von einem Freund: Der berichtete ihm von einem Illusionisten, der dieses Experiment in den 1960ern in einer Kleinstadt tatsächlich vorführte – und dabei hinter dem Steuer eines natürlichen Todes starb.

Diese und noch weitere Inspirationen hat der Regisseur nun in "O'Horten" auf seine typische Weise minimalistisch und mit einer auf das nötigste reduzierten Handlung verarbeitet. Ganz gradlinig folgt der Film dem Zugführer und lässt sich wie seine Hauptfigur in stark gedrosseltem Tempo von einer absonderlichen Situation zur nächsten treiben. So stöckelt Horten einmal auf hohen Absätzen durch die Straßen von Oslo oder schnallt sich in einer anderen Szene Skier unter und rauscht eine Sprungschanze hinab.

Jenseits der Routine

Im Kern handelt "O'Horten" jedoch von sehr traurigen Dingen: von Einsamkeit und innerer Leere. Allerdings versteht es Hamer auch dieses Mal in seiner eigenwilligen Art, die stets in der kalten Nordluft hängende Melancholie und Tristesse nicht nur mit menschlicher Wärme und viel Herz für seine Protagonisten anzuheimeln. Seine Filme haben auch diesen typisch lakonischen Humor, der hier häufig abermals aus absurden Details entsteht und oft in den sorgfältig komponierten Bildern liegt. Assoziationen mit den trockenen Werken seines finnischen Regiekollegen Aki Kaurismäki ("Lichter der Vorstadt") liegen da nah oder auch mit der wundersam ausgeklügelten Komik Jacques Tatis.

Wohin Horten diese in gelassener Ruhe stattfindenden Umwälzungen führen und was sie im Leben des wortkargen Pensionärs ändern werden, deutet Hamer nur an. Auch der Regisseur hat – wie er im Interview gestand – selbst noch nicht das Zentrum seiner Geschichte gefunden. Irgendwie geht es um die kleinen kostbaren Dinge. Darum, für sich selbst das Glück zu finden und nach den Möglichkeiten zu greifen, die einem das Leben außerhalb der Fahrplanroutine bietet – selbst wenn der Weg dahin sehr seltsam und unberechenbar sein kann. Und das dürfte nicht nur für alte Männer interessant sein.

O'Horten, Norwegen, Deutschland 2007, Buch & Regie: Bent Hamer, mit Bård Owe, Bjarte Hjelmeland, Henny Moan, Gard Eidsvold, Bjørn Floberg, Ghita Nørby, Espen Skjønberg, Trond Viggo Torgersen, Kinostart: 18. Dezember 2008 bei Pandora

Fotos: Verleih

Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



http://kampanje.filmweb.no/ohorten
Website zum Film (norwegisch)

http://ohorten.pandorafilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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