Ich war neunzehn

Viel zu jung zum Sterben

Kinostart: 6.12.2008 | Anja Maier | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Gregor Hecker heißt der Junge, der Berlin erobert. Mager ist er, fast noch ein Kind. Trotzdem trägt er schon die Uniform der Roten Armee und den Dienstgrad eines Leutnants. Wer ist dieser Gregor Hecker, der 1945 durch die letzten Kriegstage taumelt und das kaputte Deutschland wie durch ein Brennglas beschaut?

"Ich war neunzehn" heißt der Film des Regisseurs Konrad Wolf, der hier die ungewöhnliche Geschichte des Gregor Hecker erzählt. Es ist seine eigene. Die Geschichte eines Jungen, der als Kind Nazi-Deutschland verlassen musste und als Soldat der Roten Armee zurückkehrt. Als Befreier, ja. Aber auch als Deutscher?

Die eigene Geschichte verfilmt

Konrad Wolf, 1925 in Württemberg geboren, war Sohn des prominenten Schriftstellers, Arztes und Kommunisten Friedrich Wolf. Die Familie emigrierte 1933 über Österreich, die Schweiz und Frankreich nach Moskau, 1941 – da war der Sohn 16 – wurden die Wolfs auch sowjetische Staatsbürger. Ein Jahr darauf wurde Konrad Soldat der Roten Armee und zog gegen seine früheren Landsleute in den Krieg. So kam es, dass dieser Junge Berlin eroberte.

"Ich war neunzehn" versucht zu zeigen, was Konrad Wolf Ende April, Anfang Mai 1945 erlebt, begriffen und gefühlt hat. Das filmische Tagebuch seines Gregor Hecker beginnt am 16. April an der Oder. Es ist der Tag, an dem die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges beginnt. Drei Tage wird sie währen, 12.000 deutsche und 70.000 sowjetische Soldaten werden nahe dem brandenburgischen Ort Seelow sterben, am Ende wird der Weg nach Berlin freigekämpft, drei Wochen später, am 8. Mai 1945, der Krieg endlich aus sein.
Tote, Verwundete, geschundene Landschaften, das alles könnte der Film zeigen. Aber wir schauen mit Gregor Hecker nicht in Bombenkrater, sondern über die still im Frühnebel fließende Oder. Ein kleines Floß treibt darauf, der Mastbaum ist ein Galgen, daran ein erhängter deutscher Deserteur. "Ich bin ein Russenknecht" steht auf dem Schild um seinen Hals. In diese tödliche Idylle hinein fordert der Sowjetsoldat Hecker den Feind am gegenüber liegenden Ufer zum Aufgeben auf, über einen Lautsprecher ruft er: "Der Krieg ist endgültig vorbei. Eure Lage ist hoffnungslos." Nichts geschieht. "Hört mich an, habt Vertrauen, ich bin Deutscher", setzt er nach.

Die Schwere des Erbes

"Ich bin Deutscher" – mit diesem Satz wird der Film nach knapp zwei Stunden auch wieder enden. Er ist das Leitmotiv, das Gregor Hecker nach seiner Identität fragen und suchen lässt. Der Junge hat mit seinen erst 19 Jahren schon soviel Grauenhaftes erlebt, dass er meint, seine deutsche Herkunft überwunden zu haben. Doch so einfach ist das nicht. Auf seiner Reise durch das kaputte Land seiner Eltern trifft er auf Menschen, denen er sich nahe fühlen kann. Aber auch auf solche, deretwegen er sich seiner neuen Wahlheimat verbunden fühlt. Es gibt da das Flüchtlingsmädchen, die aus Angst vor Vergewaltigung bei ihm Schutz sucht - "Lieber mit einem als mit jedem" ist ein mutiger Satz in einem DDR-Film, wo Kritik an "den russischen Freunden" mehr als unerwünscht war.

Und es gibt die hässliche Fratze des Faschismus, als ein deutscher Major sich bei seiner Verhaftung telefonisch in die Gefangenschaft abmeldet. Es gibt komische Momente wie den, als der Kommandant der Festung Spandau eine Strickleiter heruntergekrabbelt kommt; berührende Begegnungen mit überlebenden Zuchthäuslern; erschütternde Sequenzen, wenn Regisseur Wolf sich entschließt, eine Dokumentarfilmsequenz zu verwenden, in der ein Henker aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen sein tödliches Handwerk erläutert. Es ist eine Tour de Force durch jene historischen Tage, in denen das Schicksal Europas entschieden wurde.

Die Form folgt dem Inhalt

1968 lief "Ich war neunzehn" in den Kinos der DDR an. Mehr als zwanzig Jahre hatte Regisseur Konrad Wolf gezögert, sein Tagebuch aus den letzten Kriegstagen gemeinsam mit dem Autor Wolfgang Koolhase zu einem Drehbuch zu verarbeiten. Der Film mit dem damals gerade mal 22 Jahre alten Jaecki Schwarz in der Hauptrolle wurde ein riesiger Erfolg. Nicht nur, weil er die Erlebnisse der Kriegskindergeneration thematisierte, sondern auch, weil Wolf eine bis dahin nicht gekannte Bildsprache fand. Er drehte in Schwarzweiß, verzichtete auf Hintergrundmusik, die Kamera von Werner Bergmann irrt unruhig mit dem Helden über Land. Zudem unterteilt Wolf seine Erzählung streng in Tagebuch-Episoden. Unter heutigen Sehgewohnheiten wirken viele Einstellungen überfrachtet, statisch wird Bedeutung herbeigeschwiegen. Es ist natürlich ungewohnt, Gregor Hecker zehn Sekunden beim Nachdenken zuzuschauen – doch damals war das ein filmästhetisches Wagnis. Der begabte Regisseur und Drehbuchautor Konrad Wolf, der Antifaschist und Nationalpreisträger durfte derlei. Dafür haben ihn seine Zuschauer verehrt.

Der hoch Gelobte aber blieb ein rettungsloser Grübler, ein Melancholiker, der über "Ich war neunzehn" sagte, eines könne man aus diesem Film wohl lernen: "Die klare politische Haltung, die klaren politischen Erkenntnisse sind noch kein Garantieschein dafür, dass man jede Lebenssituation, vor die man gestellt wird, von vornherein meistert." Sein Gregor Hecker ist alles andere als ein strahlender Held, wenn er am Ende des Films fliehenden Wehrmachtsoldaten wütend hinterher schreit: "Ich werde hinter euch her sein! Ich vergess euch nicht!" Und dann nachsetzt: "Ich bin Deutscher. Ich war 19 Jahre alt."

Anja Maier ist für Reportagen bei der taz, der tageszeitung, zuständig.


www.imdb.com/title/tt0061802/
Mehr über den Film auf den Seiten der Internet Movie Database




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