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Woody Allen ohne New York? Bis vor wenigen Jahren war das noch undenkbar. Schließlich hat der Regisseur mit der schwarzen Kastenbrille seine Stadt und ihre neurotischen Intellektuellen in fast allen seinen Filmen – darunter in solch tragikomischen Meisterwerken wie "Der Stadtneurotiker" (1977) oder "Manhattan"(1979) – verewigt. 2005 wagte er jedoch einen transatlantischen Neuanfang. Allen verließ den Big Apple, um in Europa zu drehen, und revitalisierte damit sein seit einiger Zeit recht durchwachsenes Spätwerk. Nach dem gefeierten "Match Point" und den zwei weiteren, für seine Verhältnisse eher durchschnittlichen London-Produktionen "Scoop" und "Cassandras Traum" hat der 73-jährige Regisseur nun abermals einen Ortswechsel nach Barcelona vorgenommen – und dort mit "Vicky Cristina Barcelona" nicht nur seinen komischsten Film seit "Schmalspurganoven" (2000) gedreht. Bei der romantischen Komödie handelt es sich auch mit Sicherheit um die sexiesten 90 Minuten, die in der langen Filmografie des New Yorkers zu finden sind.
Die Liebe liebt das Wandern
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In seinem ersten spanischen Projekt widmet er sich dabei mit viel mediterranem Flair den amourösen Irrungen und Wirrungen der amerikanischen Touristinnen Cristina (bereits ihre dritte Allen-Exkursion: Scarlett Johansson) und Vicky (Rebecca Hall). Die sind zwar beste Freundinnen, haben aber völlig gegensätzliche Vorstellungen, wenn es um die Liebe geht. Während die verlobte Vicky mit einem netten, aber solide langweiligen Amerikaner die Nummer sicher in Sachen Familiengründung bevorzugt, findet Cristina, dass es echte Liebe nur mit den ganz großen Gefühlen, mit Leidenschaft und Schmerz geben kann. Diese Vorstellungen der Mädchen werden schon kurz nach ihrer Ankunft in Barcelona auf die Probe gestellt, wenn sie in einem Restaurant José Antonio begegnen. Javier Bardem spielt diesen heißblutspanischen Maler mit durchdringendem Blick, der den Mädchen Sekunden nach ihrer Bekanntschaft völlig direkt einen Dreier vorschlägt, bevor er zunächst Cristina um den Finger wickelt und ihm etwas später auch Vicky verfällt – große Gewissensbisse natürlich inklusive.
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In eine Altherren-Fantasie gleitet diese Beinah-jeder-mit-jedem-Geschichte allerdings nicht ab. Allen belässt es stets bei den teilweise sehr sinnlichen Küssen, bevor abgeblendet, die Vorstellungskraft der Zuschauer/innen angeknipst wird und das Abfeuern der gewohnt pointierten Dialoge weitergeht. Statt in schwülen Erotikszenarien vor stimmungsvoller Mittelmeerkulisse badet Allen seinen Film viel lieber in durchweg Postkarten-tauglichen Impressionen Barcelonas, die er genüsslich ins sonnendurchflutete Klischee übertreibt: vorbei an den architektonischen Hinterlassenschaften Gaudis und durch das Gotische Viertel streifen, die Abende unter einer Pergola mit einem Rotwein und ein paar Tapas ausklingen lassen und locker gezupfte spanische Gitarrenmusik hören. Der New Yorker macht in jeder Einstellung dieser hemmungslosen Katalonien-Schwelgerei klar, warum Barcelona für ihn eine der schönsten Städte überhaupt ist.
Anders als in Hollywood-herkömmlichen Romantic Comedies üblich, läuft dabei in "Vicky Cristina Barcelona" aber nicht alles auf ein ungetrübtes Happy End zu, bei dem sich die Paare küssend in den Armen liegen. Zum Schluss, wenn alle Liebesschlachten geschlagen und Konstellationen ausprobiert wurden, erfolgt Vickys und Cristinas Abreise in die USA vielmehr vor allem mit allerlei neuen Erfahrungen im Gepäck. Im Kern reflektiert Allen wie in fast allen seinen Filmen einmal mehr Fragen der Liebe – und das längst nicht so oberflächlich, wie man es zunächst vermuten mag: Was bedeutet denn überhaupt Glück in einer Beziehung? Wie und mit wem kann man es finden? Und warum ist es, wenn man glaubt, es gefunden zu haben, so oft nicht von Dauer? Mit "Vicky Cristina Barcelona" macht sich Woody Allen in Form einer leichtfüßig amüsanten Fantasie auf die Suche nach den Antworten, die in seinen Filmen nie so sommerlich perlend und voller Energie stattfand wie bei diesem Barcelona-Trip.
Vicky Cristina Barcelona, USA, Spanien 2008, Buch & Regie: Woody Allen, mit Javier Bardem, Patricia Clarkson, Penélope Cruz, Kevin Dunn, Rebecca Hall, Scarlett Johansson, Chris Messina, Lloll Bertran, Kinostart: 4. Dezember 2008 bei Concorde
Fotos: Verleih
Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.
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