Auf den Kapitalismus zu schimpfen ist schwer in Mode. Kapitalismus bedeutet Ausbeutung, Verelendung, Umverteilung von unten nach oben. Sagen jetzt sogar ehemalige Neoliberale und wedeln dabei mit Karl Marx. Da hält man sich doch lieber an Ken Loach, der in vierzig Jahren engagierten Filmemachens nie etwas anderes behauptet hat. Nach klassischen Proletarier-Dramen widmete er sich zuletzt etwa den schweren Schicksalen illegaler Einwanderer in den USA ("Bread and Roses", 2000), englischer Bahnarbeiter ("The Navigators", 2001) oder pakistanischer Migrantenkinder im Vereinigten Königreich ("Just a Kiss", 2004). Ob man ihm zustimmt oder nicht: Loachs sozialistische Überzeugung, daran gibt es keinen Zweifel, ist hart wie britischer Stahl.

Vom Opfer zur Täterin
In "It's a Free World" zeigt er uns nun die schöne, freie Welt der Londoner Arbeitsvermittlerin Angie (Kierston Wareing). Bei einem Abendessen mit ihren Chefs wird die blondierte Angestellte sexuell belästigt, wehrt sich – und steht am nächsten Tag auf der Straße. So sind kapitalistische Bosse bei Ken Loach, und nicht erst seit gestern.
Aber der mittlerweile 72-jährige Regisseur sorgt auch mit jedem Film für neue Überraschungen. Angie ergibt sich nicht in ihr Schicksal. Sie gründet auch keine Gewerkschaft. Nein, Angie wird selber Chefin! Auf einem freien Markt kann jede/r die Seiten wechseln. Aber jede muss auch, zumal als allein erziehende Mutter mit tausend Problemen, tun, was sie kann. Angie kann Arbeitskräfte vermitteln. Also gründet sie mit ihrer Freundin Rose (Juliet Ellis) eine eigene Firma, die osteuropäische Gastarbeiter/innen in heimischen Unternehmen unterbringt.
Warum ist sie nicht früher darauf gekommen? Angie und Rose tun es. Bald schon hantieren die geschäftstüchtigen Girls mit ganzen Bündeln von Banknoten. Jeden Tag rast Angie auf ihrem Motorrad von einer Baustelle zur nächsten und wieder zurück zum ausgemachten Treffpunkt, wo schon die nächsten Tagelöhner auf sie warten. Sie ist perfekt für den Job, spricht die Sprache der Arbeitgeber genauso wie die ihrer Schützlinge, die allerdings auch keine großen Ansprüche stellen. "Komm morgen wieder!" oder "Verschwinde!" versteht jeder. Genau genommen ist es ein dreckiger Job, immer zwischen Büro- und Wohncontainern hin und her, den Gestank von Bier und Kippen in der Nase. Aber eine muss ihn machen.
Muss sie sich dabei auch an Regeln halten? Angies Probleme beginnen, als sie sich nach langem Zögern auf den Rat eines befreundeten Fabrikleiters einlässt und nun auch illegale Billigarbeiter vermittelt. Das bedeutet Schwarzarbeit ohne Aufenthaltsgenehmigung und Sozialversicherung, am Staat vorbei. Das zynische Kalkül: Die rechtlosen, ihre Entdeckung fürchtenden Osteuropäer aus Polen, Ungarn oder der Ukraine sind noch pflegeleichter. Der Preis lässt sich noch weiter drücken, die Gewinnmarge steigt. Leider begibt sich Angie damit in Bereiche einer
Schattenwirtschaft, die sie nicht beherrscht. Doch mittlerweile hat man nicht einmal mehr das Gefühl, dass sie einem dafür leid tun muss.
Aufklärung à la Loach
Von vielen Linken auch im eigenen Land unterscheidet sich Ken Loach dadurch, dass er auf moderne Entwicklungen reagiert, oft genug als Erster. Britische Working-Class-Romantik wurde ihm stets nur angedichtet. Rund eine Million Osteuropäer sind seit der EU-
Osterweiterung zum Arbeiten nach Großbritannien gekommen und nur zum Teil wieder zurückgekehrt, die meisten davon aus Polen. Fast alle arbeiten weit unterhalb ihrer Qualifikation, etwa im Tourismus-, Bau- oder Transportgewerbe. Ohne diese legalen Arbeitskräfte würden diese Bereiche nicht mehr funktionieren. Im Gegensatz etwa zu Deutschland haben Großbritannien und Irland ihre Märkte geöffnet und profitieren von der billigen Arbeit. Von den ungezählten Illegalen, fast immer Zeitarbeitern/innen, profitieren nur skrupellose Geschäftemacher/innen wie Angie.
Zumindest ist das die Meinung ihres Vaters. Seine Schiebermütze kennzeichnet ihn als alten Arbeiterklasse-Adel. Loach braucht ihn offenbar, um seine Bedenken gegen das heutige System deutlicher vorzutragen, ist aber auch klug genug, unterschiedlichen Standpunkten Raum zu geben. Warum sie für das schnelle Geld die Zukunftschancen ihres Sohnes aufs Spiel setze, will der alte Mann von Angie wissen. Und wer außer ihr etwas davon habe. Ihre prompte Antwort: "Die Leute in den Supermärkten." Billige Arbeit bedeutet billige Waren.
Wieder einmal also leistet Ken Loach wichtige Aufklärungsarbeit, veranschaulicht komplexe ökonomische Zusammenhänge anhand einfacher Beispiele. Dabei bleibt er jedoch stets nah bei seiner Hauptfigur. Im Rahmen eines Wirtschaftsthrillers liefert "It's a Free World" eine aufregende Charakterstudie, in der man entgeistert verfolgt, wie einem eine Sympathieträgerin nach und nach immer unheimlicher wird. Angie, Heldin der Arbeit im herrlich billigen Leopardenmantel, nimmt eine schleichende Entwicklung vom pfiffigen Unternehmertum zum modernen Sklavenhandel. In einem seiner besten Filme der letzten Jahre stellt Loach einmal nicht die Opfer, sondern die Täter in den Vordergrund. Sein mehr beobachtender als urteilender Realismus erlaubt ihm dabei auch, komische und tragische Elemente zu vermischen. Loach schaut seinen Leuten, Ausbeutern/innen und Ausgebeuteten, aufs Maul. Dass sie sich in ihrer zweischneidigen Sehnsucht nach Freiheit und Wohlstand gar nicht mehr so sehr voneinander unterscheiden, wird an Angies Karriere drastisch sichtbar. Denn das ist ja die Krux des modernen Kapitalismus. Natürlich sind die berühmten Umstände schuld. Aber gemacht werden sie von niemand anderem als uns selbst.
It's a Free World, Großbritannien, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, Regie: Ken Loach, Buch: Paul Laverty, mit Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet, Colin Coughlin, Maggie Hussey, Raymond Mearns, Davoud Rastgou, Kinostart: 27. November 2008 bei Neue Visionen
Fotos: ©VerleihPhilipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.
www.free-world-der-film.deWebsite zum Film (deutsch)
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www.imdb.deInfos zum Film in der Internet Movie Database
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