"Die fabelhafte Welt der Amélie" aus dem Jahr 2001 kennen viele, doch vermutlich weniger einen der viel wunderbareren und spannenderen Vorgängerfilme, den der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet zusammen mit Marc Caro bereits zehn Jahre zuvor gedreht hat: "Delicatessen" – ein Debütfilm, der jetzt endlich zur verdienten Wiederaufführung in die Kinos gelangt. Im Gegensatz zu "Amélie", in dem es eher um eine nostalgisch-verhübschte Zeichnung des Pariser Künstlerstadtteils Montmartre inmitten einer schicksalhaften Liebesgeschichte geht, widmet sich "Delicatessen" der weitaus komplexeren Frage: Wie lebt man eigentlich miteinander, wenn das Überleben gefährdet ist, wenn das Essen knapp wird und jeder angesichts des Mangels notgedrungen beginnt, nur noch an sich selbst zu denken?
Zauber des Produktdesigns
Gemeinsam mit dem Künstler Marc Caro hat Jeunet mit "Delicatessen" – Caro erhielt den europäischen Filmpreis für die beste Ausstattung, also für Szenenbild und Kostüm – ein skurilles düsteres Märchen des abseitigen Humors inszeniert, das eine mehr als verrückte und unheimliche Mieterschaft unter einem Hausdach vereint. Es herrschen schwierige Zeiten – nicht zuletzt die Wohnungen und der Vorplatz der kleinen Fleischerei, die die zentralen Orte des Films ausmachen, erinnern an Besatzungs- oder Nachkriegszeiten. Im Untergrund, in der Kanalisation lebt eine Gruppe von chaotisch organisierten Widerstandskämpfern/innen, die sich gegen die bestehenden Verhältnisse oben wendet. Der letzte reguläre Mieter vegetiert in einem hauseigenen Tümpel inmitten von abertausenden Kröten und Schnecken, umgeben von leeren Schneckenhäusern. Es ließe sich also auch eine größere Umweltkatastrophe vermuten, die zu einem solchen Szenario geführt haben könnte: Rund um das weit und breit einzige bewohnte Mietshaus bleibt nichts als eine verlassene Einöde aus Ruinen im stillen gelblichen Nebel.
Zeit und Raum sind aufgehoben, nur manchmal meint man entfernt französische Akkordeonmusik zu hören, die an ein vergangenes Paris zu erinnern scheint. Die filmische Ausstattung ist eher den 1940er- und 50er-Jahren verschrieben und bleibt dabei so verspielt, wie man es auch noch Jahre später in "Amélie" wieder erkennen wird. Zumindest der Jeunetsche Stil ist in seinem Erstlingswerk bereits vollauf vorhanden und birgt Szenen von wunderbarem Witz.
Doch mit diesem kehrt in das obskure Haus und seine stillschweigende Ordnung unerwartete Unruhe ein: Monsieur Louison (Dominique Pinon), ein ehemals berühmter Clown, bekommt den Posten, auch wenn er etwas zu mager ist, wie selbst der Fleischer frustriert eingestehen muss. Als Louison ankommt, beherrschen wie immer kühlfeuchte Nebelatmosphäre und gelbes Licht den kleinen Platz: Ähnlich einer expressionistischen Düsternis, so erinnert das Treppenhaus an Filme wie "Dr. Mabuse" und "Das Kabinett des Dr. Caligari" aus den Frühzeiten des Kinos in den 1920ern. Hier, im Treppenhaus, passiert es nachts und deshalb verharren alle Mieter/innen am Abend wohlwissend in den Wohnungen. Doch der Clown rüttelt an diesem eingespielten Alltag: Louison ist Künstler, Handwerker und Sportler zugleich. Er kann genauso für die Kinder eine Seifenblasenaufführung veranstalten, wie Messer durch die Lüfte fliegen lassen und mit Julie, der Tochter des Fleischers, gemeinsam musizieren. Nebenbei repariert er auch noch hier und da etwas.
So vergehen die Tage und alle darben hungrig
Das große Thema des Films ist neben den unglaublichen Kulissen und kruden urkomischen Gestalten die Frage nach der Nächstenliebe in so schwierigen Zeiten, in denen jede/r Einzelne nur ans eigene Überleben denken kann. Die absurde Spielhandlung im Zeichen des Kannibalismus rückt die Frage nach dem Überleben und dem Lebenlassen grotesk ins Zentrum. 1991 sorgte auch ein anderer und sehr viel düsterer Kannibalismus-Film für Aufsehen – "Das Schweigen der Lämmer" mit Jodie Foster und Anthony Hopkins. Kannibalismus bleibt ein gesellschaftliches Tabuthema. Der europäische Blick auf Kannibalismus bei Naturvölkern ist nach wie vor umstritten, wenn auch die Archäologie genügend Beweise dafür geliefert hat. Auch im europäischen Raum war Kannibalismus in Extremsituationen immer ein großes Thema. Théodore Géricaults Gemälde "Das Floß der Medusa" von 1819 zeigt einen tatsächlich überlieferten Fall unter Schiffbrüchigen. Und in den griechischen Mythen gibt es viele kannibalistische Szenarien. Nicht zuletzt der Göttervater Kronos verspeist seine Kinder, weil er selbst um seine Herrschaft fürchtet.
Der Satz "Die Revolution verspeist ihre Kinder" ist hier nicht weit. Doch Louison und Julie schlagen zurück und befreien sich von der vorgegebenen "Fress"-Ordnung des Mietshauses – und dergestalt auch vom eigenen Vater, einer filmischen Ausprägung des Göttervaters Kronos. Sie wollen nun mal nicht den anderen verspeisen, sie wollen viel lieber miteinander auf dem Dach sitzen und ab und an musizieren. Eine vielleicht naive, doch vor allem hoffnungs- und auch humorvolle Sicht der Dinge, die Jeunet und Caro hier präsentieren. Das große Fressen zumindest muss ohne Julie und Louison stattfinden – sie haben anderes vor. Die Liebe.
Tina Hedwig Kaiser lebt als Bildwissenschaftlerin, Autorin und Regieassistentin in Berlin und kocht sehr gerne.
Fotos: ©Verleih
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