Fahrenheit 451

Drogen, Videowände, öde Ehen und Bücherverbot

Kinostart: 3.11.2008 | Oliver Koehler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die erste Fassung des Romans unter dem Titel "The Fire Man" schrieb Bradbury 1950 im Keller der Bibliothek der University of California in Los Angeles auf einer Münzschreibmaschine. Er steckte 10-Centstücke in die Schreibmaschine und schrieb gegen die ablaufende Zeit an. Insgesamt kostete ihn die erste Fassung 9,80 US-Dollar, schreibt Bradbury im Nachwort einer späteren Auflage. In seinem 1953 erschienen und 1966 von François Truffaut verfilmten Science-Fiction-Roman "Fahrenheit 451" zeigte Bradbury eine kontrollierte Gesellschaft, in der Bücher verboten sind. Der preisgekrönte Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" von Michael Moore biedert sich im Titel an den Science Fiction an. Bradbury äußerte dazu im Interview: "Michael Moore ist ein dämlicher Drecksack."

Zu der Truffautschen Filmversion von "Fahrenheit 451" könnte man sagen: Achtung! Diese Wörter sind verboten! Derjenige, der sie geschrieben hat, könnte dafür verhaftet, vermutlich auch hingerichtet werden. Wer sie liest, wird von der Regierung beobachtet und verfolgt. Es bringt nichts, den Artikel zu lesen. Er wird auch zerstört. Verbrannt. Willkommen in einer Welt ohne Wörter. Ohne Bücher. Ohne Gedächtnis. Ohne Geschichte. Ohne Emotionen. Und ohne Probleme. So die Regierung will.

Bücherverbrennung Redux

Als Truffaut 1966 die Science-Fiction Buchvorlage des Autors Ray Bradbury verfilmte, war das Thema Bücherverbrennung – historisch gesehen – wesentlich präsenter als heutzutage (was nicht heißen soll, dass das Thema heute nicht immer noch gegenwärtig ist). 1953, knappe fünfzehn Jahre nach den Bücherverbrennungen, sah Bradbury in der zunehmenden Visualisierung des Kulturgutes eine reale Gefahr für den Fortbestand des geistigen, schriftlichen Eigentums. 13 Jahre später nahm Truffaut den Faden wieder auf und verfilmte die anti-utopische Vision Bradburys mit Oskar Werner als Guy Montag und Julie Christie in der Doppelrolle Clarisse und Linda Montag sowie Cyril Cusack als Kapitän in den Hauptrollen. Die Gefahr der Verdummung und Verrohung der Gesellschaft hatte sich keineswegs verbessert. Wer das geschriebene Wort kontrolliert, kann auch Geschichte manipulieren, und damit auch die Gesellschaft.

Schrift macht unglücklich

Die vier Protagonisten stellen die zwei Pole einer Gesellschaft dar in der Bücher als Quelle allen gesellschaftlichen Übels betrachtet und deshalb verbrannt werden. So genannte Feuermänner werden mit der Zerstörung aller Bücher beauftragt. In der verdrehten Welt von Fahrenheit 451 – umgerechnet ca. 232° Celsius, also die Temperatur, bei der Bücher am schnellsten verbrennen – zünden Feuermänner wie Montag und der Kapitän Brände, anstatt sie zu löschen. Clarisse und ihre Gefährten, die sich dem totalitären System widersetzen und trotzdem weiterhin Bücher lesen, nehmen billigend in Kauf, dass sie von den Feuermännern aufgespürt und verfolgt werden. Und, dass ihre Bücher verbrannt werden. Kein besonders wünschenswertes Schicksal, verbergen sich – wie Montag und der Kapitän in einer Schlüsselszene diskutieren – hinter den Buchrücken Menschen. Individuen. Ideen. Sogar Familienangehörige der abtrünnigen Bücherwürmer.
Was für den Rest der Gesellschaft – am Beispiel der emotions- und hirnlosen Frau von Montag verdeutlicht – übrig bleibt, ist, den ganzen Tag vor der Glotze zuzubringen. Was nicht provoziert, macht auch nicht unglücklich. Damit unterscheidet sich Truffauts Vision einer paranoiden Zukunft von der wie sie in "1984" George Orwell beschreibt. Von abgemagerten, unterdrückten Gehirngewaschenen keine Spur. Statt dessen eine hübsche Masse von Konsumenten/innen, die ahnungslos alles, was ihnen im Vorreitermedium zu YouTube und in Comic-artigen Zeitungen (ohne Sprechblasen, versteht sich) vorgesetzt wird, ohne zu hinterfragen akzeptieren. Somit zitiert Truffaut eine Zukunft, die wir heute ansatzweise kennen: Entertainment ist die Waffe, mit der die Bürger/innen mundtot gemacht werden können.

Die Ambivalenz der Wörter

Montag, anfangs gehorsamer Vollzugsbeamter des Staates, geht im Verlauf des Films langsam auf, was für ein System er unterstützt. Er beginnt, sich zu widersetzen. Besonders prägnant zeigt das Truffaut während einer Razzia der Feuermänner auf einem Kinderspielplatz: Montag lässt einen so genannten Buchmenschen laufen. Mit fatalen Konsequenzen. Durch die weitere Beziehung zu seiner bücherfreundlichen Nachbarin Clarisse beginnt er sich mit den Büchern auseinanderzusetzen. Allmählich wird er zum Überläufer, der die Bücher zu retten versucht, anstatt sie zu vernichten, wie vom Staat beauftragt. Mit der verdrehten Sympathie, die Truffaut beim Publikum für Montag hervorruft, wendet sich der Regisseur etwas von der Buchvorlage Bradburys ab. In einer Szene lässt er sogar den ultragehorsamen Kapitän die destruktive Macht der Bücher – und der Rechtfertigung für ihre Zerstörung – an Hand des Beispiels "Mein Kampf" verdeutlichen.

Die Kunst der Rezitation

Das Problem mit Truffauts Interpretation bleibt weiterhin, dass er die Bücher-Leser/innen nicht als Revolutionäre oder Widerständler gegenüber dem unsichtbaren, totalitären Regime darstellt, sondern als Pendant zum Rest der TV-verschlingenden Gesellschaft. Anstatt gegen die gesellschaftliche Konformität aktiv anzukämpfen, bewegen sie sich im Untergrund. Auf einer entlegenen Insel lernen die "Buchmenschen" einzelne Bücher auswendig, nehmen ihre Identitäten an und werden dadurch zu einer Art Zombies, die nur noch durch ihre Buchtexte miteinander zu kommunizieren wissen. Zwar geht das bücherfeindliche System wortwörtlich über Leichen, um seine Ziele einer gleichgeschalteten Gesellschaft zu erreichen. Doch die hoch individualistische "Utopie", die die Buchmenschen ausleben, das ist bei Truffaut auch nicht gerade das Bild eines Idealzustands. Gespannt darf man also sein, inwiefern die für 2010 geplante Neuverfilmung vom Regisseur Frank Darabont, bisher verantwortlich für "The Green Mile" und "Shawshank Redemption" das Thema neu auferlegt und interpretiert in einer Welt in der wir teilweise schon dort sind, wo uns Truffaut bereits vor 40 Jahren sah.

Oliver Koehler ist freier Journalist.

Foto: Verleih






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