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Let's make Money

Das Geld, die Gier und wir alle

Kinostart: 30.10.2008 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Man muss kein/e Mathematiker/in sein, um dieser Tage mit verdammt großen Zahlen beschäftigt zu sein. Man muss nur mal Nachrichten gucken. Mit 700 Milliarden Dollar wird die US-amerikanische Regierung das Finanzsystem stützen. 200 Milliarden Pfund will die britische Regierung verwenden, um ihre Banken zu retten. Das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle Einlagen deutscher Sparer/innen abzusichern, könnte mehr als Tausend Milliarden Euro teuer werden. Und der Internationale Währungsfond (IWF) schätzt, die aktuelle Finanzkrise habe 1,3 Billionen Dollar vernichtet.

Diesen gewaltigen Summen fügt "Let's make Money" eine noch gewaltigere hinzu: 11,3 Trillionen Dollar, behauptet Erwin Wagenhofer in seinem Film über die Machenschaften und Untiefen des internationalen Finanzkapitals, seien in Steuerparadiesen geparkt und damit dem Gemeinwohl entzogen. 11,3 Trillionen Dollar, das ist eine Zahl mit 19 Ziffern.

Erwin Wagenhofer

Die Wege des Geldes

So unvorstellbar diese Zahl ist, so unvorstellbar verworren sind auch die Wege des Geldes. Wagenhofer hat sich auf die Fährte der gewaltigen internationalen Finanzströme begeben. Er reiste auf eine Insel im Ärmelkanal, wo hinter den Fassaden der Banken Milliardensummen ganz legal vor dem Zugriff der Finanzämter verborgen liegen. Nach Indien, wo eine Weberin von ihrer Hände Arbeit kaum überleben kann. In ein Fitness-Studio, wo die Banker sich trimmen, während durch den Fernseher über dem Laufband die Börsenkurse flimmern. Nach Afrika, wo der IWF dafür verantwortlich ist, dass ehemals fruchtbare Felder zu Wüsten mutieren. In Steinbrüche, in denen Kinder schuften, oder an den Genfer See, wo einer jener Think-Tanks sitzt, der das aktuell gerade kollabierende System einstmals entworfen hat.

Wagenhofers Haltung, der zuvor mit "We Feed the World - Essen global" einen ebenso globalisierungskritischen Film gemacht hat, ist eindeutig. Der vom Finanzsektor getriebene Turbo-Kapitalismus ist für den Filmemacher die Wurzel allen Übels in der Welt. Um das zu veranschaulichen, kontrastiert er die glitzernden Glastürme der Finanzmetropolen mit düsteren Bildern aus den Slums der dritten Welt. Dann lässt er den Blick genüsslich ruhen auf den goldenen Manschetten-Knöpfen eines Finanzjongleurs in Singapur, wenn der zugibt: "Wir zahlen hier sehr wenig Steuern." Oder lässt die Kamera die Rolle des Anklägers einnehmen, wenn sie über die Risse fährt, die die Erosion durch die vertrocknete braune Erde von Burkina Faso gezogen hat.

Doch Wagenhofer lässt sie auch alle zu Wort kommen: den legendären Investment-Banker Mark Mobius ebenso wie den Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer, US-amerikanische Obdachlose und verzweifelte Bäuerinnen, renommierte Wirtschafts-Journalisten und den umstrittenen Autoren John Perkins, der Bücher geschrieben hat über seine Zeit als "Economic Hitman". Perkins behauptet, er habe im Auftrag ganze Staaten destabilisiert, um sie für die Ausbeutung durch die Finanz-Heuschrecken bereit zu machen.

Wenn die Masken fallen

Solche verwegenen Theorien hätte Wagenhofer noch nicht einmal nötig, denn die Bösewichter selbst machen es ihm einfach: Wenn der österreichische Unternehmer durch die Fenster seiner Nobelkarosse blickt und die dort grassierende indische Armut mit den Worten "Hier schreit niemand nach dem Staat" kommentiert, braucht es kein weiteres Wort mehr. Wagenhofer muss Bilder und Fakten, Zahlen und Aussagen noch nicht einmal allzu geschickt montieren: Die selbst ernannten "Masters of the Universe", wie Tom Wolfe sie in "Fegefeuer der Eitelkeiten", seinem berühmten Roman über die Wall Street, charakterisierte, demaskieren sich geradezu bereitwillig selbst.


Wagenhofer zählt einfach auf, erzählt noch eine Geschichte und noch eine, eine absurder und unglaublicher als die eben gesehene. Geschichten, die uns alle angehen: Denn vielleicht ist es ja unser Geld, das wir friedlich schlummernd auf dem Sparkonto unserer Volks- oder Raiffeisenbank wähnen, mit dem Ferienwohnungen gebaut werden, die niemand braucht. Tausende davon wurden an der spanischen Küste errichtet, wie jeder bestätigen kann, der dort einmal einen Urlaub verbracht hat. Nur: Die allermeisten davon, geschätzte drei Millionen, sind unbewohnt, weil sie für Einheimische zu teuer sind und es längst nicht so viele fidele deutsche und britische Rentner/innen gibt, um sie alle zu bewohnen. Sie sollen auch gar nicht bewohnt werden, diese potemkinschen Dörfer, denn sie wurden allein mit den Einlagen von Immobilien-Fonds errichtet, um virtuelle Werte zu schaffen, mit denen weiter spekuliert werden kann. Eine zauberhafte Geldvermehrung, die an das Prinzip eines Kettenbriefs erinnert. Mit der Pointe, dass die meisten dieser Wohnungen um einen Golfplatz herum gebaut werden, weil damit der virtuelle Wert der Wohnungen steigt. Dass niemand auf diesen mittlerweile über 800 Plätzen Golf spielt, ist den Investoren ebenso egal wie die Tatsache, dass deren wasserintensive Bewirtschaftung längst gewaltige ökologische Probleme verursacht.

Es geht alle was an

Manchmal sind die Zusammenhänge so verworren, die Finanzströme so verwickelt, die Konsequenzen so unüberschaubar, dass sie auch der Film kaum aufdröseln kann. Parallel zum Film ist das Buch "Let's make Money - Was macht die Bank mit unserem Geld?" von Caspar Dohmen erschienen. Der Wirtschaftsjournalist hat den Filmemacher Wagenhofer bei dessen Nachforschungen in der globalisierten Welt begleitet. In seinem Buch erläutert Dohmen die Hintergründe und zeigt die Zusammenhänge auf, die zwischen Staatsverschuldung, Steuerparadiesen, Sweatshops und Subprimekrisen bestehen. Was der Film oft nur anreißen kann, wird hier weiter vertieft.

Aber ob Buch oder Film: Die Botschaft von "Let's make Money" ist klar. Diese Art des Wirtschaftens, das nicht mehr ausgerichtet ist auf die tatsächliche Produktion von Waren, sondern nur mehr auf die Abschöpfung von Gewinnen, führt den Planeten in den Ruin. Und bedroht in letzter Konsequenz auch unseren Lebensstandard, nicht nur durch eine Finanzkrise wie jene, die wir gerade beobachten dürfen. Sondern vor allem durch das Ungleichgewicht, das sie schafft zwischen den reichen Ländern, die immer reicher werden, und den armen, die immer armer werden. Auch wenn die entwickelte Welt zehn Meter hohe Mauern an ihren Grenzen errichtet, sagt milde lächelnd eines der afrikanischen Opfer des wunderlichen Geldkreislaufs, werden doch auch diese Mauern auf lange Sicht nicht die Menschen aufhalten können, die am Reichtum partizipieren wollen. Die aktuelle Finanzkrise, sie wird der Kapitalismus vielleicht noch überstehen. Irgendwann aber werden seine Millionen, ja Milliarden Opfer ihn einfach überrennen.

Let's make Money, Dokumentarfilm, Österreich 2008, Buch & Regie: Erwin Wagenhofer, OmU, Kinostart: 30. Oktober 2008 bei Delphi

Fotos: ©Verleih

Thomas Winkler ist freier Autor und lebt am Rande Berlins.



http://letsmakemoney.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de

www.orange-press.com

Informationen zum Buch "Let's make Money" von Caspar Dohmen





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