Man muss kein/e Mathematiker/in sein, um dieser Tage mit verdammt großen Zahlen beschäftigt zu sein. Man muss nur mal Nachrichten gucken. Mit 700 Milliarden Dollar wird die US-amerikanische Regierung das Finanzsystem stützen. 200 Milliarden Pfund will die britische Regierung verwenden, um ihre Banken zu retten. Das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle Einlagen deutscher Sparer/innen abzusichern, könnte mehr als Tausend Milliarden Euro teuer werden. Und der Internationale Währungsfond (IWF) schätzt, die aktuelle Finanzkrise habe 1,3 Billionen Dollar vernichtet.
Diesen gewaltigen Summen fügt "Let's make Money" eine noch gewaltigere hinzu: 11,3 Trillionen Dollar, behauptet Erwin Wagenhofer in seinem Film über die Machenschaften und Untiefen des internationalen Finanzkapitals, seien in Steuerparadiesen geparkt und damit dem Gemeinwohl entzogen. 11,3 Trillionen Dollar, das ist eine Zahl mit 19 Ziffern.
Erwin Wagenhofer
Die Wege des Geldes
So unvorstellbar diese Zahl ist, so unvorstellbar verworren sind auch die Wege des Geldes. Wagenhofer hat sich auf die Fährte der gewaltigen internationalen Finanzströme begeben. Er reiste auf eine Insel im Ärmelkanal, wo hinter den Fassaden der Banken Milliardensummen ganz legal vor dem Zugriff der Finanzämter verborgen liegen. Nach Indien, wo eine Weberin von ihrer Hände Arbeit kaum überleben kann. In ein Fitness-Studio, wo die Banker sich trimmen, während durch den Fernseher über dem Laufband die Börsenkurse flimmern. Nach Afrika, wo der IWF dafür verantwortlich ist, dass ehemals fruchtbare Felder zu Wüsten mutieren. In Steinbrüche, in denen Kinder schuften, oder an den Genfer See, wo einer jener Think-Tanks sitzt, der das aktuell gerade kollabierende System einstmals entworfen hat.
Wagenhofer zählt einfach auf, erzählt noch eine Geschichte und noch eine, eine absurder und unglaublicher als die eben gesehene. Geschichten, die uns alle angehen: Denn vielleicht ist es ja unser Geld, das wir friedlich schlummernd auf dem Sparkonto unserer Volks- oder Raiffeisenbank wähnen, mit dem Ferienwohnungen gebaut werden, die niemand braucht. Tausende davon wurden an der spanischen Küste errichtet, wie jeder bestätigen kann, der dort einmal einen Urlaub verbracht hat. Nur: Die allermeisten davon, geschätzte drei Millionen, sind unbewohnt, weil sie für Einheimische zu teuer sind und es längst nicht so viele fidele deutsche und britische Rentner/innen gibt, um sie alle zu bewohnen. Sie sollen auch gar nicht bewohnt werden, diese potemkinschen Dörfer, denn sie wurden allein mit den Einlagen von Immobilien-Fonds errichtet, um virtuelle Werte zu schaffen, mit denen weiter spekuliert werden kann. Eine zauberhafte Geldvermehrung, die an das Prinzip eines Kettenbriefs erinnert. Mit der Pointe, dass die meisten dieser Wohnungen um einen Golfplatz herum gebaut werden, weil damit der virtuelle Wert der Wohnungen steigt. Dass niemand auf diesen mittlerweile über 800 Plätzen Golf spielt, ist den Investoren ebenso egal wie die Tatsache, dass deren wasserintensive Bewirtschaftung längst gewaltige ökologische Probleme verursacht.
Es geht alle was an
Manchmal sind die Zusammenhänge so verworren, die Finanzströme so verwickelt, die Konsequenzen so unüberschaubar, dass sie auch der Film kaum aufdröseln kann. Parallel zum Film ist das Buch "Let's make Money - Was macht die Bank mit unserem Geld?" von Caspar Dohmen erschienen. Der Wirtschaftsjournalist hat den Filmemacher Wagenhofer bei dessen Nachforschungen in der globalisierten Welt begleitet. In seinem Buch erläutert Dohmen die Hintergründe und zeigt die Zusammenhänge auf, die zwischen Staatsverschuldung, Steuerparadiesen, Sweatshops und Subprimekrisen bestehen. Was der Film oft nur anreißen kann, wird hier weiter vertieft.
Aber ob Buch oder Film: Die Botschaft von "Let's make Money" ist klar. Diese Art des Wirtschaftens, das nicht mehr ausgerichtet ist auf die tatsächliche Produktion von Waren, sondern nur mehr auf die Abschöpfung von Gewinnen, führt den Planeten in den Ruin. Und bedroht in letzter Konsequenz auch unseren Lebensstandard, nicht nur durch eine Finanzkrise wie jene, die wir gerade beobachten dürfen. Sondern vor allem durch das Ungleichgewicht, das sie schafft zwischen den reichen Ländern, die immer reicher werden, und den armen, die immer armer werden. Auch wenn die entwickelte Welt zehn Meter hohe Mauern an ihren Grenzen errichtet, sagt milde lächelnd eines der afrikanischen Opfer des wunderlichen Geldkreislaufs, werden doch auch diese Mauern auf lange Sicht nicht die Menschen aufhalten können, die am Reichtum partizipieren wollen. Die aktuelle Finanzkrise, sie wird der Kapitalismus vielleicht noch überstehen. Irgendwann aber werden seine Millionen, ja Milliarden Opfer ihn einfach überrennen.
Let's make Money, Dokumentarfilm, Österreich 2008, Buch & Regie: Erwin Wagenhofer, OmU, Kinostart: 30. Oktober 2008 bei Delphi
Fotos: ©Verleih
Thomas Winkler ist freier Autor und lebt am Rande Berlins.
Kommentare
Dein Kommentar