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Film mit 16: Helene Hegemann

Der neurotische Charme der Linksresignativen

23.10.2008 | Nana A. T. Rebhan | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Helene Hegemann ist gerade mal 16. Mit 15 fing sie an, all die Dinge aufzuschreiben, die sie bewegten. Und wusste schon bald, dass mehr daraus werden musste.

Auf den Hofer Filmtagen stellt sie ihren ersten Spielfilm "Torpedo" vor. "Torpedo" katapultiert die Zuschauer/innen in die Welt der "linksresignativen Szene", wie die Regisseurin dieses Berliner Gesellschaftsphänomen gerne bezeichnet. Die 15-jährige Mia zieht nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrer Tante Cleo nach Berlin. Cleo ist eine sehr impulsive Schauspielerin und hat ihr eigenes Leben meistens nicht besonders fest im Griff. Mia sehnt sich nach Normalität, doch diese hat sie nie erlebt.

fluter.de: Wann hast du das erste Mal eine Zigarette geraucht?

Helene Hegemann: Mit 12.

Und wann warst du das erste Mal richtig betrunken?
 
Auch mit 12.
 
Wann hast du das erste Mal Drogen genommen?
 
Mit 14.
 
Und Sex gehabt?
 
Mit 14.
 
"Torpedo" ist dein erster Film?
 
Mit acht Jahren habe ich einen Film gemacht, der "Die Spaßvögel" hieß und in dessen Rahmen sechs Klassenkameraden von mir über Bochumer Bahnhofsgleise sprangen, um eine Bombe zu finden. Ansonsten war Torpedo mein allererster Film
 
Wie hast du die Geschichte entwickelt?
 
Ich habe keine Geschichte entwickelt. Ich kann mich auch nicht erinnern, wann die erste Idee dazu kam. Ich bin von Bochum nach Berlin gezogen, und das ist das Mädchen in "Torpedo" ja naheliegender weise auch. Ich habe zwei Monate lang überhaupt nichts gemacht und mich mit all meinen schlecht gelaunten Sozialkontakten in Bochum verfeindet. Dann habe ich angefangen, dieses Drehbuch zu schreiben. Durch Berlin wurde mir gezeigt, dass man es als ernsthaften Lebensinhalt betrachten kann, knallneurotisch durch die Gegend zu hüpfen, Drehbücher zu schreiben und auf der Bühne "Wasserflasche, Scheiße" zu schreien. Aus einem mir unerfindlichen Grund habe ich das Drehbuch zu "Torpedo" dann fertig geschrieben und es wurde klar, dass ich das auch verfilmen muss. Es gab gar keine andere Option. 
 
Aber nicht alles, was man im Film sieht, hast du auch erlebt, oder?
 
Natürlich ist vieles verfremdet, aber eigentlich habe ich alles erlebt. In verschiedenen Konstellationen, entweder beobachtet oder selbst erlebt, aber alles ist Realität. Manche Dialoge habe ich mitgeschrieben, manche habe ich mir gemerkt und aufgeschrieben, aber alles ist in irgendeiner Form passiert.
 
Ich fand die Dialoge auch sehr überzeugend.
 
Das sagst du, aber viele sagen natürlich, dass sei ausgedachter Pubertätsgedrosselblödsinn und unauthentisch. Wobei mich diese weit verbreitete Standardauffassung von Authentizität sowieso nicht sonderlich interessiert.  Die Leute wollen Realismus haben und ich habe eben Realität gemacht.
 

Aber nicht alles, was man im Film sieht, hast du auch erlebt, oder?

Es ist natürlich alles verfremdet, aber eigentlich habe ich alles erlebt. In verschiedenen Konstellationen, entweder beobachtet oder selbst erlebt, aber alles ist Realität. Manche Dialoge habe ich mitgeschrieben, manche habe ich mir gemerkt und aufgeschrieben, aber eigentlich ist alles passiert.

Ich fand die Dialoge auch sehr überzeugend.

Das sagst du, aber ganz viele sagen, dass es ausgedachter Pubertätsgedrosselblödsinn ist. Sie sagen, das wäre unauthentisch, aber das interessiert mich nicht. Die Leute wollen Realismus haben und ich habe eben Realität gemacht.

Na, wenn du das so erlebt hast.


Ja eben, das ist die Legitimation für eigentlich alles.
 
Wie hast du die gestandenen Schauspieler/innen dazu bekommen, deine persönliche Realität wieder herzustellen?
 
Eigentlich habe ich den Schauspieler/innen viel mehr vertraut als mir selbst. Ich habe meist gesagt: "Ja", "Nein" und "Mach mal". Das waren meine drei Standardsätze. Dadurch, dass ich mich kurz vor dem Dreh von all meinen halb ausgegorenen Vorstellungen und Regieeinfällen verabschiedet und beschlossen habe, alles einfach nur auf mich zukommen zu lassen, hat „Torpedo“ jetzt so gar mehr mit mir selbst zu tun, als ich erwartet hätte. Ich bereue keine einzige Entscheidung, und das ist toll.
 
Es war sicher schwierig, das Mädchen – dein Alter Ego – für den Film zu finden?
 
Das war total schwierig. Ich wollte meine beste Freundin besetzen, die genauso aussieht wie ich und keine Schauspielerfahrung hat. Das wäre allerdings zu kompliziert gewesen und in den Augen der Produzenten ein zu großes Risiko. Warum auch immer. Alice Dwyer habe ich zwei Monate später ich in einem Café getroffen. Nach einer Viertelstunde war klar, dass sie die Rolle spielen wird.

Sie spielt sehr gut und hat eine überzeugende physische Präsenz.

Normalerweise gelten Teenager im Film ja als gut, sobald sie neutral in eine Kamera gucken und sagen können: "Oh, die Milch ist alle." Normalerweise machen auch keine 15-Jährigen diese Filme. Schauspieler werden unter einem bestimmten Alter ja grundsätzlich nicht emotional gefordert. Alice hat das so toll gemacht, weil sie ohne es zu thematisieren zehn Ebenen mitgespielt hat. Sie war genau der Typ, den ich wollte, ganz unpeinlich und ganz toll.

Sie ist einfach so, oder?

 
Das ist ohnehin meine Auffassung von Schauspielerei. Dass man nie mit der Rolle zerfließen darf, sondern einfach die Rolle an sich anpassen muss und als der, der man ist, vor eine Kamera tritt und sich spielerisch zu einem Text verhält. Das hat sie gemacht – nichts war erzwungen. Sie ist die Einzige, bei der ich durchgehend das Gefühl habe, dass jedes Lachen und jede Bewegung echt  ist. Und nicht aus dem Gedanken heraus entstanden, dass irgendetwas wichtig ist für irgendeine Rolle.
 
Aber ist es nicht sehr schwierig, eine so persönliche Geschichte zu verfilmen?

 
Das ist super zum Abarbeiten der eigenen Traumatisierungen. Daraus ist „Torpedo“ ja entstanden. Ich habe einfach drauflosgeschrieben und gefilmt. Im Nachhinein kann man ganz viel hineininterpretieren. Der Film war insofern eine eigenständig absolvierte Psychoanalyse.
 

Meinst du, diese Geschichte könnte so nur in Berlin passieren?
 
Einerseits denke ich das natürlich schon, andererseits überhaupt nicht. Ich nenne das ja immer die linksresignative Kulturszene, in der ich und diese Hauptfigur da aufwachsen. In der niemandem etwas anderes übrig bleibt, als sich ausschließlich für sich selbst zu interessieren. Da gibt es natürlich die unglaublichsten Verwahrlosungsexzesse, trotzdem sind diese ganzen Elternteile ja auch total sexy. Sie wollen eigenständig, unabhängig und cool genug bleiben. Und darum geht es vielleicht in meinem Film. Ich will das gar nicht kritisieren, das sind ja auch alles vertretbare und nachvollziehbare Vorgänge, ich will das einfach nur zeigen. Ich will auch zeigen, dass Teenager – unabhängig von den Knochenbrüchen, die ihnen durch ihre Eltern zugefügt worden sind – toll und unterhaltsam und lustig sein können. Normalerweise gibt es Filme über Teenager, die misshandelt und von alkoholabhängigen Erziehungsbevollmächtigter groß gezogen werden. Die stehen einfach nur betrübt im Hintergrund und machen gar nichts. Sie lassen sich auf ihre nicht funktionierenden familiären Zusammenhänge reduzieren oder werden viel mehr darauf reduziert, von mittelständischen Filmemachern. Das wird meine Hauptfigur eben überhaupt nicht.
 
Du hast also einen positiven Film gedreht?
 
Weder positiv noch negativ. "Torpedo" ist schlicht und ergreifend das, was ich beobachte und worin ich streckenweise auch selber lebe oder gelebt habe. Mia, die Hauptfigur, existiert unabhängig von den um sie herum geschehenden Exzessen und hat nicht das Gefühl, dem Ganzen entweder nacheifern oder dagegen rebellieren zu müssen. Da werden Kinder ja oft unterschätzt. Entweder sie müssen rebellieren oder sie müssen die Metzgerei ihres Vaters übernehmen. Aber unabhängig von dieser verbreiteten Vorstellung vom Erwachsenwerden zu existieren, das geht ja gar nicht. Aber natürlich geht es doch. 
 
Aber eine Sehnsucht nach Normalität hat sie auch manchmal?
 
Ja klar. Wenn du dein Leben lang mit drogenabhängigen Elternteilen im Plattenbau groß wirst und danach in Verhältnisse katapultiert wirst, in denen zwar alle reicher sind, aber genauso schwer gestört und genauso drogenabhängig, das aber eleganter tarnen, dann ist es ja im Grunde dasselbe. Natürlich wünschst du dir dann Normalität. Die Frage ist nur, was Normalität ist. Wahrscheinlich das, was es grade nicht ist.
 
Wie könnte so eine Normalität aussehen?
 
Das kann man absolut nicht eingrenzen. Normale Verhaltensweisen sind Verhaltensweisen, die sich richtig, gut und angemessen anfühlen. Wahrscheinlich. Oder? 
 
Du scheinst einen starken Willen zu haben, um so einen Film auf die Beine zu stellen. Hat dir dein Vater dabei geholfen?
 
In seiner Position konnte er mir gar nicht helfen, ohne dabei als bescheuert zu gelten. Hätte er mir mithilfe seiner Connections irgendetwas ermöglicht, hätte das ausgesehen als sei er ein überambitionierter Eislaufvater, der seine Tochter in seiner Szene verankern will. Obwohl er sich komplett aus dem Entstehungsprozess von "Torpedo" rausgehalten und sowieso nicht direkt was mit Film zu tun hat, werde ich mir ein dickes Fell zulegen müssen. Schließlich ist es für jeden naheliegend zu behaupten, ich sei schwerstprivilegiert und nur deshalb jetzt in der Lage dazu, mich als Regisseurin auszugeben. Mein Vater hat mitgespielt, das ist ja auch schon mal was. Und er hat eine ganz tolle Rolle gespielt.
 
Das ist so ähnlich wie bei den Kindern von Ärzten, die am wenigsten behandelt werden.
 
Ja, genau. Natürlich verstehen wir uns total gut und natürlich sitzen wir stundenlang in der Küche um darüber zu diskutieren, ob am Ende des Films "Ja" oder "Nein" gesagt wird. Das sind dann aber Diskussionen zwischen gleichberechtigten Menschen, die beide daran interessiert sind, was der andere grade so anstellt. Ich bin eben wirklich nicht dieser super privilegierte Teenager, den alle in mir sehen. Sobald ununterbrochen thematisiert werden muss, dass man erst 16 ist, macht einen das ja auch von vorneherein unsympathisch, oder? Das wirkt dann automatisch so, als sei man in einer besonderen Position. Und besondere Positionen sind immer irgendwie verachtenswert. Bei mir ist das alles, glaube ich, aus dem Gegenteil einer besonderen Position heraus entstanden. Daraus, dass ich Jahre meines Lebens in einer absolut inakzeptablen Situation steckte und das jetzt irgendwie äußern muss. Das klappt ja auch ganz gut. (Sie grinst.) 
 
Arbeitest du schon an deinem nächsten Film?
 
Ich schreibe schon. Das klingt jetzt vielleicht total blöd in Anbetracht meines Alters, aber es wird eine Art Medea-Geschichte, die nicht von einer moralisch betrübt im Hintergrund stehende Gebärmutter handeln soll, die ihre Kinder tötet, weil sie eifersüchtig ist. Die Frau, die ihre Kinder töten will, will das als kalt kalkulierende Politikerin und nicht im Rahmen irgendeines emotionalen Ausbruchs. Das spielt alles in der Berliner Clubszene und wird, glaube ich, ziemlich lustig. 
 

Treibst du dich viel in der Clubszene herum?
 
Ich bin da mittlerweile zwei Jahre lang unterwegs, manchmal überdurchschnittlich exzessiv und manchmal überdurchschnittlich genervt und gelangweilt. Es gibt Menschen, die ziehen das 30 Jahre lang durch, ohne dass irgendwas passiert. Deshalb ist es vielleicht nicht schlecht, früh genug mit dieser ganzen Clubkulturtechnik angefangen zu haben, um mit 18 dann eine Villa in Zehlendorf zu besitzen.
 
Aber was machst du, wenn du mal 40, 50 oder 60 bist?
 
Vielleicht habe ich dann sieben Kinder. Das kann ja alles ziemlich leicht passieren in den nächsten Jahren.
 
Kannst du dir das denn vorstellen, wie das ist, älter zu sein?
 
Ich freue mich schon darauf, 40 zu werden. Mit 40 habe ich mir wahrscheinlich endgültig alle pubertären Züge abtrainiert und mit 40 leide ich dann auch hoffentlich nicht mehr unter dem kontinuierlichen Abfall des Jugendbonus, den ich im Moment noch habe und der auch zugegebenermaßen wahnsinnig praktisch ist. Ich wäre gerne 40 – jetzt in diesem Moment.
 
Gibt es was, was du dir aufhebst für später?

 
Ich versuche mir ehrlich gesagt absolut gar nichts aufzuheben, weil mich alles, was ich mir in meiner Position aufheben könnte, unter Druck setzen würde. Um also nicht unter irgendeinen Druck zu geraten, ziehe ich alles schnellstmöglich und halbwegs zufriedenstellend durch. Ich muss meiner Meinung nach nichts mehr zwingend erledigen, um unter Beweis zu stellen, dass ich gesellschaftsfähig bin. Abgesehen von meinem Abitur vielleicht. 

Das Interview führte Nana A.T. Rebhan.

Fotos: ©2008 credofilm


Die Premiere des Films fand am 29.10.2008 in der Volksbühne Berlin statt.



www.hofer-filmtage.de
Die Website der 42. Hofer Filmtage

www.hff-potsdam.de
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFFB)

www.dffb.de
Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb)

www.hff-muenchen.mhn.de/index.html
Hochschule für Fernsehen und Film München (HFFM)

www.khm.de
Kunsthochschule für Medien in Köln

www.filmakademie.de
Filmakademie Baden-Württemberg (FA)




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