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April 1945, die letzten Tage des Krieges. Kalkweiß vom Schutt der zerbombten Häuser läuft eine Frau durch die zerstörten Straßen von Berlin und erinnert sich an eine Zeit, als Frieden herrschte. Die junge und schöne Frau ist Fotografin und Journalistin. Sie ist viel in der Welt herumgekommen und spricht mehrere Sprachen. Damals, vor dem Krieg, hatte sie ein eigenes Leben. Jetzt liegt ihre Wohnung in Trümmern, von ihrem Mann fehlt jedes Lebenszeichen. Alles, was jetzt noch zählt, ist ihr Überlebenswillen. Sie verbringt die ungewissen Tage im Luftschutzkeller, doch als die Rote Armee einmarschiert, ist auch die relative Kellerruhe vorbei. Mit Siegerattitüde bemächtigen sich die russischen Soldaten der wertvollen Dinge, die dem Bombenhagel standgehalten haben: Teppiche, Uhren oder Alkoholvorräte. Nach jahrelangen Entbehrungen im Krieg feiern und tanzen die Männer in den Straßen. Und wenn sie genug getrunken haben, holen sie sich all jene Frauen, die sich nicht gut genug verstecken konnten, und vergewaltigen sie.
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Ein Tabu: Vergewaltigungen im Krieg
Lange waren diese Massenschändungen durch Angehörige der Roten Armee ein Tabuthema. Einen kurzen öffentlichen Aufschrei gab es 1954, als das Buch "Eine Frau in Berlin" in New York erschien. Darin schildert eine nicht genannte Frau, die selbst nach ihrem Tod anonym blieb, lakonisch und distanziert ihre Erlebnisse zwischen April und Juni 1945. Ende der 1950er-Jahre brachte ein westdeutscher Verlag das Buch von "Anonyma" heraus. Diskutiert wurde das Buch damals kaum. Im Nachkriegsdeutschland war man gerade damit beschäftigt, das Wirtschaftswunder zu feiern, und war froh, den Krieg hinter sich zu haben. In der DDR war die Rote Armee als Befreier von der Nazi-Diktatur über jeden Zweifel erhaben. Erst eine Neuauflage im Jahre 2003 brachte – sicher auch durch den gebührenden Zeitabstand – eine angemessene öffentliche Debatte auf.
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Bloß kein Opfer sein!
Anonyma beschließt, nicht mehr Opfer sein zu wollen und sich lieber einen "Leitwolf zu suchen, der ihr die anderen Wölfe vom Leib hält". Dieser Beschützer findet sich in dem Offizier Andrej (Jewgenij Sidichin), der so gar nichts mit den anderen grobschlächtigen Soldaten gemein hat. Er ist ein Schöngeist, der Klavier spielt, die deutsche Sprache beherrscht und sich etwas Humanität bewahrt hat. Und er will sich eine Frau nicht einfach nehmen, sondern genießt es zunächst, mit ihr zu diskutieren. So entspinnt sich langsam und ungewollt zwischen Andrej und Anonyma eine seltsame Art Romanze, denn "Liebe ist nicht mehr das, was es war", wie sie trocken bemerkt. Inzwischen hat aber nicht nur sie einen russischen Dauergast. Die meisten Frauen im Haus haben sich ebenfalls einen Beschützer gesucht, der die Taschen immer voller Futter hat. Man richtet sich mit dem kleineren Übel Stammgast ein und versucht eine Art normalen Alltag zu leben, mit Kaffeeklatsch und feuchtfröhlichen Abendessen. Bei russischem Beutewein unterhalten sich die Nachbarinnen ganz offen darüber, wie oft "es" passiert ist und dass die Besatzer in punkto Erotik eine Menge nachzuholen hätten. Das ist schon mehr als Galgenhumor. Dabei schwingt jedoch immer die Angst mit, dass einer der Besatzer wütend werden könnte. Inzwischen hat sich nämlich herumgesprochen, welche Gräueltaten die Wehrmacht in Russland verübt hat, und die Frauen bringen sogar ein wenig Verständnis für die Brutalität der Sieger auf.
Max Färberböck unternimmt mit der Verfilmung dieses Stoffes eine Gratwanderung, die ihm aber durchaus gelungen ist. Leicht hätte die Geschichte in eine reine Leidenspassion der vergewaltigten Frauen, die unter der Brutalität der Besatzer leiden, abrutschen können. Dazu taugt aber schon der distanzierte Blick der Vorlage nicht. Für den Film wurden die Tagebuchnotizen behutsam bearbeitet und der Plot um die Liebesgeschichte zwischen Anonyma und dem sowjetischen Offizier ergänzt, die im Buch bestenfalls angedeutet ist. Dank des hervorragenden Schauspielerensembles, allen voran Nina Hoss als Anonyma oder Irm Hermann als Nachbarin, macht er eine Situation erfahrbar, in der nur noch der unbedingte Überlebenswille zählt und bürgerliche Moralkonventionen nicht mehr greifen. Das kalte, distanzierte Spiel von Nina Hoss lässt die tiefen seelischen Verletzungen der Hauptfigur nur erahnen. Mehr wäre auch nicht zu ertragen. Der Film zeigt aber nicht nur die Brutalität der Russen, sondern auch ihre Widersprüche und Schwächen. Und er zeigt die Gefühlskälte auf deutscher Seite, wenn zum Beispiel die überlebenden alten Männer die Frauen als Bauernopfer vorschicken und sich später über ihren berechtigten Schmerz mokieren. Der Film fügt damit dem filmischen Weltkriegspanorama ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen hinzu. Angenehm ist das nicht, aber notwendig.
Anonyma - Eine Frau in Berlin, Deutschland 2008, Buch & Regie: Max Färberböck nach den Tagebuchaufzeichnungen von Anonyma, mit Nina Hoss, Evgenij Sidikhin, Sandra Hüller, Irm Hermann, Jördis Triebel, August Diehl, Rüdiger Vogler, Juliane Köhler, Ulrike Krumbiegel, Rosalie Thomass, Kinostart: 23. Oktober 2008 bei Constantin
Fotos: Verleih
Ingrid Beerbaum ist Journalistin in Berlin.
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