Nicht gesellschaftsfähig

Ein Drehbuch für Marilyn Monroe

Kinostart: 13.10.2008 | Phlipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Kaum geschieden, sieht sich die in der Liebe glücklose Roslyn gleich von drei Mannsbildern umgeben. Der alte Cowboy Gay und der stille Mechaniker Guido überreden sie zu einem kleinen Abenteuer: In der Wüste Nevadas – rund um das Scheidungsparadies Reno gibt es nichts anderes – wollen sie wild lebende Mustangs jagen. Eigentlich sollte ihre weibliche Intuition Roslyn abraten, ihre alte Freundin Isabelle sollte ihr ebenfalls abraten – doch die Blondine, seelisch labil, lässt sich auf die beiden Männer ein. Es sind Außenseiter wie sie. Auf dem Weg gabeln sie Perce auf, einen im Leben gescheiterten Rodeoreiter. Alle drei begehren Roslyn, doch Gays Vorrang als der Älteste und Erfahrenste akzeptieren die anderen. Alles läuft glatt, bis Roslyn erfährt, was Gay mit den Mustangs vorhat: Die Wildpferde sollen in der Dose enden, für ein paar Dollar, als Hundefutter.

Abgesang auf einen Mythos


Aus der Traum, der Traum von der Freiheit und der Traum vom schnellen Geld. Wenn die Coen-Brüder und andere heute mit so genannten Spät- oder Anti-Western Schlagzeilen machen, sägen sie an einem längst toten Mythos. Mit "Misfits", dem Schwarz-Weiß-Film von John Huston aus dem Jahr 1961, fand der Western sein Ende – ließ sich doch nicht länger die Legende vom Kampf mit Naturgewalten und anderen Mächten aufrecht erhalten. Die Schuld trägt der Mensch für seine Taten. Das Drehbuch stammt vom bekannten Dramatiker Arthur Miller und damals Noch-Ehemann der Roslyn-Monroe und lässt an Symbolik nichts zu wünschen übrig: Die drei aus der Zeit gefallenen Cowboys sind Auslaufmodelle, und sie töten mit den wilden Pferden das Letzte, was sie noch mit der Natur und ihrer alten Größe verbindet. Es ist, als würden sie sich selbst den Gnadenschuss geben wollen. Allerdings ähnelt der Film eher den emotionalen Theaterdramen eines Tennessee Williams ("Endstation Sehnsucht") als einem Western.

Miller schrieb den Film für die Hauptdarstellerin, seine Frau Marilyn Monroe. Ein letzter Versuch, die Ehe zu retten. Die Sache ging schief. Schon die katastrophalen Dreharbeiten sind Legende. In der Gluthitze Nevadas behielt zwar immerhin der dauerbesoffene Regisseur Huston kühlen Kopf. Doch die tablettensüchtige Monroe meldete sich kurz nach Drehbeginn mit einem Nervenzusammenbruch für zehn Tage ab. Unterdessen werkelte Miller unentwegt weiter an neuen Szenen. Das meiste, was er schrieb, gefiel ihr überhaupt nicht.

Verzweifelt schön, schön verzweifelt

Faszinierend ist "Misfits" noch immer durch Monroes Interpretation einer ihr verhassten Rolle. Der eigene Ehemann hatte sie erneut als naives Dummchen mit Herz gezeichnet. Als Kunstprodukt gehört diese Figur, wie der Regisseur William Inge – 1956 drehten sie zusammen "Bus Stop" – zu Recht bemerkte, neben Charlie Chaplins Tramp zu den Filmikonen des 20. Jahrhunderts. Und natürlich ist Marilyn auch hier, in weißer Bluse und engen Jeans gegen den Wüstenhimmel fotografiert, vor allem eins: unbeschreiblich sexy. Doch in "Misfits" spielt Monroe gegen ihr Image, gegen die Rolle – und kreiert damit ein weibliches Drama, das Millers eigene Vorstellungen transzendiert und übertrumpft.

Wie in Trance, oft betrunken, tut sie alles, um den Männern zu gefallen. Oft genießt sie das Spiel, immer wieder aber kippt die Situation ins Bedrohliche. Wie bei einem Tanz im Salon, bei dem ihr ein Fremder an den Hintern greift. Ihre eigenen Männer balzen lediglich subtiler. Innerlich unabhängig, nach außen wehrlos – diese Tragik macht Monroe in jeder Szene bewusst. Und Huston, ein echter Männerregisseur, ließ sie gewähren.





So ganz zu verachten ist die böse Männergesellschaft ohnehin nicht. Da ist der gealterte Schnauzbart Clark Gable, der mal, siehe "Vom Winde verweht" oder "King of Hollywood", ein Sexsymbol war; aber als Gay ist er wenigstens charmant. Der weit jüngere Perce, gespielt vom sensiblen Schauspielgenie Montgomery Clift, müsste ihm eigentlich Konkurrenz machen. Doch er ist Roslyn zu ähnlich, mimt nur den harten Mann. Er ist sogar noch unglücklicher als sie – übrigens auch Monroes private Meinung über Clift. Tatsächlich verschwimmen reale Beziehungen und Film. Dieses Geflecht gibt Millers Gesellschaftskritik, die mit ihren archetypischen Charakteren etwas zu intellektuell daherkommt, den entscheidenden Kick. In tollen Nebenrollen sieht man außerdem Eli Wallach als selbstmitleidigen Guido und die unverwüstliche Thelma Ritter als Isabelle.

Trauerspiel

"The Misfits" adelt sein schlechter Ruf: Nicht nur wurde er, in Ermangelung klarer Sympathieträger, kein Erfolg. Nur wenige Tage nach den Dreharbeiten starb der 59-jährige Clark Gable an einem Herzinfarkt. Die grandiosen Pferdestunts, in denen das Drama seinen Höhepunkt findet, waren wohl doch etwas zu viel für ihn, ganz der Macho lehnte er ein Double ab. Die Monroe überlebte den Film und die darauf folgende Scheidung von Miller nur um ein Jahr. Mit einer Überdosis Schlaftabletten machte sie ihrem Leben ein Ende. Montgomery Clift übernahm nur noch wenige Rollen und widmete sich bis zu seinem Tod 1966 der Flasche – auch bekannt als "der längste Selbstmord der Hollywood-Geschichte". Dass Hustons wundersam bizarres Meisterwerk durch diesen "Fluch" traurige Berühmtheit erlangte, passt zu dem Kultfilm. Mit den unglücklichen Misfits waren eigentlich die Pferde gemeint.

Philipp Bühler

Fotos: Verleih


www.imdb.com
Mehr über den Film in der Internet Movie Database




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)