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Kein anderer Roman hat während meiner Schulzeit einen so großen Eindruck bei mir hinterlassen wie Otfried Preußlers "Krabat". Die Saga spielt während des Dreißigjährigen Krieges und erzählt die Geschichte des 14-jährigen Waisenjungen Krabat, der in der einsam gelegenen Mühle am Koselbruch eine Lehre beginnt. Dort erlernt er nicht nur das Müllerhandwerk, sondern er wird von dem geheimnisvollen Meister auch in die Künste der Schwarzen Magie eingeweiht. Der Preis für die machtvolle Zauberei ist jedoch groß und als sich Krabat in das Bauernmädchen Kantorka verliebt, stellt ihn der Meister vor eine schwere Entscheidung. Heute gilt der vielfach ausgezeichnete Jugend-Klassiker als eine Art Vorläufer von "Harry Potter", und das nicht nur, weil er ebenfalls von einem Jungen handelt, der das Zaubern erlernt und gegen das Böse kämpft. Preußlers fantastische Erzählung eroberte bereits vor über drei Jahrzehnten ein Millionenpublikum und wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.
Alter Stoff – neues Gewand
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Die
Vorlage indes ist viel älter. Der Roman basiert auf einer
Volkssage der Sorben, einer westslawischen, in der Lausitz
beheimateten Volksgruppe, die auch heute noch ihre eigene Sprache und
Kultur pflegt. Reales Vorbild der Sage soll ein kroatischer Offizier
aus dem 17. Jahrhundert gewesen sein, dem Zauberei nachgesagt wurde.
Aus den Begriffen Kroate ("Hrvat") und dem roten Halstuch der
kroatischen Uniform ("Krawatt") entwickelte sich schließlich
der Name "Krabat". Die Sage inspirierte nicht nur Schriftsteller, es
entstanden auch eine Oper, ein Bühnenstück und zwei Filme –
eine DDR-Produktion und ein tschechischer Animationsfilm. Otfried
Preußler aber war der Erste, der den Sagenstoff auf Krabats
Lehrjahre in der Mühle des teuflischen Meisters zurechtstutzte
und ihn in eine eindringliche und prägnante Sprache goss.
Nun wurde der sagenhafte Stoff von Regisseur Marco Kreuzpaintner verfilmt, der sich bislang mit ganz anderen Themen beschäftigt hat. In seinem Erstling "Sommersturm" erzählt er höchst sensibel von dem Coming-out eines Abiturienten, in "Trade - Willkommen in Amerika" setzte er sich mit dem internationalen Menschenhandel auseinander. Mit der Verfilmung des Romans hat sich Kreuzpaintner – der "Krabat" als 13-Jähriger gelesen hatte – einen Traum erfüllt.
Düstere Parabel
Kreuzpaintners "Krabat"-Adaption ist düsterer als die Romanvorlage. Das verdeutlichen bereits die ersten Sequenzen in der Mühle: Die Müllerburschen sind ausgemergelt, ihre Gesichter weiß gekalkt, die Mühle ist ein heruntergekommener, gottverlassener Ort, fahles Licht umhüllt die Szenerie. Der stellenweise schelmische Ton des Romans findet kein Pendant im Film. Die kühle Atmosphäre wird durch Cinemascope verstärkt – ein Breitbildformat, in dem Landschafts- und Nahaufnahmen eine besonders eindrucksvolle Wirkung entfalten. Der Regisseur und die Produzenten haben die finstere Seite des Stoffes bewusst in den Vordergrund gerückt, denn sie wollten sich von der Ästhetik der "Harry Potter"-Filme abgrenzen. Dem Film hätten jedoch stärkere Kontraste gut getan. Als Krabat sich in die Kantorka verliebt, heißt es etwa im Buch: "Die Welt wurde immer heller ringsum, immer grüner mit jedem Tag." Der wachsende Widerstand gegen die finsteren Mächte des Meisters und Krabats Kampf für das Leben und die Liebe findet keine angemessene Entsprechung in Beleuchtung und Farbgebung des Films.
Für Preußler, Jahrgang 1923, erzählt "Krabat" die "Geschichte seiner Generation und aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührungen kommen und sich darin verstricken". In diesem Sinne lassen sich Krabats Erlebnisse in der Koselmühle als Spiegelbild eines totalitären Systems wie etwa Nationalsozialismus oder Stalinismus deuten. Bis in seine Träume und Gedanken wird Krabat vom Meister beherrscht – ähnlich wie eine Diktatur das Individuum kontrolliert. Diese tiefer liegende Interpretation geht im Film leider verloren.
Shooting Star des deutschen Films
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Marco Kreuzpaintner hat für die Rolle des jungen Krabat das neue Gesicht des deutschen Kinos gecastet: David Kross. Auf den ersten Blick ist der Jungschauspieler unscheinbar: aschblondes Haar, blasse Haut, das Durchschnittsgesicht eines Teenagers. Doch auf der Leinwand zeigt er eine beeindruckende Präsenz. Damit fiel er schon in Detlev Bucks Neuköllner Milieustudie "Knallhart" auf. Glaubwürdig verkörperte er darin einen Schüler, der ins Drogenmilieu abrutscht. Mittlerweile ist der Schauspieler sogar von Hollywood für eine Hauptrolle an der Seite von Kate Winslett verpflichtet worden. "Der Vorleser", die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers, kommt im kommenden Jahr in die Kinos.
Als Krabat ist Kross von Beginn an unangefochten das Zentrum des Geschehens. Er spielt auf Augenhöhe mit seinen erfahrenen Kollegen Daniel Brühl, Robert Stadlober, Anna Thalbach oder Christian Redl, der den Meister darstellt. Anfangs ein staunender Lehrling, am Ende ein gereifter junger Mann – diese Entwicklung verkörpert er mit spielerischer Leichtigkeit. Denn "Krabat" ist ja in erster Linie ein Coming-of-Age-Film, eine Geschichte über das Erwachsen-Werden und das Loslösen von (falschen) Autoritäten.
Hoffen auf den großen Erfolg
Mit einem Budget von 10,8 Millionen Euro ist "Krabat" eine für deutsche Verhältnisse aufwändige Produktion. International gesehen ist diese Summe allerdings ein Klacks – ein "Harry Potter"-Film verschlingt locker das Zehnfache. Dem "Krabat"-Filmstart geht eine umfassende Vermarktungsstrategie voraus; so erscheinen eine neue Buchausgabe und ein Hörbuch zum Film. Die Resonanz ist bereits vor dem Filmstart sehr positiv. Die Wiesbadener Filmbewertungsstelle hat Regie, Besetzung und Ausstattung gelobt und die Tatsache, dass sich der Film abhebe von einem "Hollywood-Fantasyspektakel". Resultat: Dem Film wurde das Prädikat "besonders wertvoll" verliehen. Auch der Romauutor Otfried Preußler hat sich zufrieden über das Ergebnis geäußert. Er erkenne "seinen" Krabat wieder. Bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen Fans seines Buches das genauso sehen.
Krabat, Deutschland 2007, Regie: Marco Kreuzpaintner, Buch: Michael Gutmann, Marco Kreuzpaintner nach dem Roman von Otfried Preußler, mit David Kross, Daniel Brühl, Christian Redl, Robert Stadlober, Paula Kalenberg, Anna Thalbach, Hanno Koffler, Charly Hübner, Kinostart: 9. Oktober 2008 bei 20th Century Fox
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