WALL·E - Der Letzte räumt die Erde auf

Wenn Roboter lieben

Kinostart: 25.9.2008 | Michael Brake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der allererste Film des renommierten Animationsfilmstudios Pixar war ein Beinahestummfilm und dauerte gerade mal anderthalb Minuten: "Luxo Jr." (1986) handelte von zwei Schreibtischlampen, die mit einem Ball spielen. John Lasseter hatte damals das Banalste getan, was Animationsfilmer/innen tun können: Er hatte Dinge zum Leben erweckt, sie im Wortsinne animiert.

22 Jahre später, nach Erfolgen wie "Toy Story", "Monster AG", "Findet Nemo" und "Die Unglaublichen" ist Pixar mit "WALL·E" gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Aus einem Acht-Mann-Team wurde ein Riesenunternehmen mit Hunderten Animatoren/innen, aus den beiden Lampen wurden zwei Roboter – aber der Spaß, den es dem Team um Regisseur Andrew Stanton (und Produzent John Lasseter) bereitet haben muss, Dingen Leben einzuhauchen, ihnen Persönlichkeit zu verleihen, ist in diesem Film jederzeit zu spüren. Außerdem kommt auch "WALL·E" in den ersten 40 Minuten fast komplett ohne Worte aus. Ein Stummfilm quasi. Und das im amerikanischen Mainstreamkino!

Roboter mit Mission

Die Geschichte beginnt mehr als 700 Jahre in der Zukunft auf der Erde. Die Menschen sind verschwunden, hinterlassen haben sie: Müll. Und noch mehr Müll. Und kleine Roboter, die den Müll wegschaffen sollen. WALL·E ("Waste Allocation Load Lifter Earth-Class", ausgesprochen: "Wolly") ist dabei der Letzte seiner Art. Tag für Tag geht er seiner Arbeit nach: Müll suchen, Müll zu Quadern pressen, Müll stapeln. Wolkenkratzerhohe Türme hat er inzwischen errichtet, aber nicht nur das. Irgendwann in all den Jahren hat er zudem eine Persönlichkeit entwickelt.

Wie liebevoll nun gezeigt wird, wie WALL·E sich durch seine Welt bewegt, mit welcher Neugier und Zuversicht er die Dinge um sich herum betrachtet, wie er all die Hinterlassenschaften der Menschheit ausprobiert und inspiziert, sei es ein Feuerlöscher oder eine Ringschachtel, und abends erschöpft in seinen bis oben hin mit aus dem Abfall gefischten Gerümpel gefüllten Wohncontainer trottet, den er mit einer Kakerlake teilt – das ist in seiner Einfachheit ganz großes Kino.
Auch technisch sind die Bilder der verwüsteten Erde ein Erlebnis: Was das Pixar-Team in Sachen Licht und Oberflächen geleistet hat, sucht seinesgleichen, und auch die Simulation von "echter" Kameraarbeit, inklusive Tiefenunschärfe und dem leicht verwaschenen, diesigen Look von weiter entfernten Dingen, ist grandios. Mehrfach hat man das Gefühl, dass man keine Computer-, sondern eine Stop-Motion-Animation anschaut, also echte Kulissen gebaut und echte Objekte abgefilmt wurden.

Roboter mit Herz

Es könnte noch ewig so weitergehen – aber das tut es natürlich nicht, schließlich muss ein Film mit einem 180-Millionen-Dollar-Budget dem erwarteten Massenpublikum irgendwann doch mal so etwas wie eine Story bieten. Also landet eine Rakete auf der Erde und heraus steigt ein zweiter Roboter: EVE. Ein Weibchen, wie sich schnell herausstellt, denn WALL·E entbrennt fast unmittelbar in heftiger Liebe für die Besucherin aus dem All.

Dabei sind die beiden als klassisches Gegensatzpaar angelegt. WALL·E ist eine eher altmodische Maschine, gebaut aus Metall, Schrauben, Zahnrädern und Laufketten, ratternd und ölig. Durch seine fernglasartigen Brillenaugen, mit denen er stark an den 80er-Roboterstar Nummer 5 ("Nummer 5 lebt", 1986) erinnert, bekommt er zudem einen recht nerdigen Charakter. EVE hingegen ist ein elegantes High-End-Elektronikprodukt. Sie kann blitzschnell und fast geräuschlos fliegen, hat die Waffenkraft eines Raketenwerfers und könnte mit ihrem minimalistischen und kantenlosen Design direkt aus dem Apple-Sortiment stammen.

Eigentlich ist so ein Mädchen für einen Typen wie WALL·E unerreichbar. Doch der kennt keine Scheu. Denn WALL·E ist nicht nur neugierig, sondern auch sehr, sehr einsam – jeden Abend schaut er seine einzige Videokassette, das Musical "Hello Dolly" (1969), und würde so gern auch einmal wie die Menschen im Film mit irgendwem Händchen halten. Also wirbt er mit bezaubernder Hartnäckigkeit um EVE und schafft es tatsächlich, sie zu sich nach Hause einzuladen.

Roboter mit Ausdauer

Bloß tragischerweise muss EVE irgendwann die Erde wieder verlassen. Als die Rakete kommt, um sie abzuholen, fliegt WALL·E heimlich mit und landet in einer gigantischen Raumstation. Es gibt nämlich doch noch Menschen, sie wurden nur rechtzeitig vor dem drohenden Umweltkollaps auf Kreuzraumfahrtschiffe verfrachtet und ins All geschickt. Dort leben sie nun, im Laufe von 700 Jahren weitestgehend degeneriert: Fett und rund wie Klischee-US-Amerikaner/innen, unablässig chattend und konsumierend, vom Babyalter an behütet vom Riesenkonzern Buy'n'Large. Es ist eine zynisch-bonbonbunte Schöne-Neue-Welt-Dystopie, allerdings ohne böse Staatsmacht im Hintergrund.

Neben den Menschen trifft WALL·E außerdem noch auf Myriaden weiterer Roboter: Putzroboter, Schminkroboter, Kontrollroboter, Massageroboter, Navigationsroboter – jeder für sich reizend animiert, was einmal mehr klar macht, um wen es in diesem Film geht. Die Menschen hingegen sind alle gleichförmig gestaltet, sie treten als anonyme, schwabbelige Masse auf.

Ansonsten entwickelt sich die Geschichte in der zweiten Filmhälfte ein wenig konventioneller. Ein klassischer Antagonist kommt ins Spiel, es gibt mehr Action, eine Zuspitzung auf ein spannungsgeladenes Finale und gesprochen wird auch ab und zu. Der besondere Zauber der Anfangsszenen schwingt aber bis zum Ende nach, genauso wie der im Pixar-Vergleich deutlich leisere Humor den ganzen Film über durchgehalten wird.

Im dritten Kurzfilm von Pixar, "Tin Toy" (1988), trat übrigens erstmals ein Mensch auf, ein für heutige Begriffe ziemlich hässlich animiertes Baby. So ist das geblieben: Menschen, obwohl stetig verbessert, sind in computeranimierten Filmen immer ein wenig Fehl am Platz. Sie stören. Man sollte sie in Zukunft vielleicht noch konsequenter weglassen.

(WALL·E) Animationsfilm, USA 2008, Regie: Andrew Stanton, Buch: Andrew Stanton, Jim Reardon, Kinostart: 25. September 2008 bei Buena Vista

Fotos: Verleih

Michael Brake arbeitet als freier Journalist in Berlin, er ist Mitglied des
Netzwerks Zentrale Intelligenz Agentur.


http://disney.go.com/disneypictures/wall-e
Website zum Film (englisch)

www.disney.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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