Berlin - Ecke Schönhauser

Die Gang der Grenzgängerinnen

Kinostart: 5.9.2008 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Am 12. September 1957 schreibt ein Leser an die DDR-Tageszeitung Junge Welt: "Ich finde den Film "Berlin – Ecke Schönhauser" sehr gut, aber auch sehr problematisch. Ich bin mir nicht gewiss, wie er auf Menschen wirken wird, die unsere Republik nicht kennen, also auf Menschen im Ausland, vor allem im kapitalistischen, und auch auf solche Menschen, die zwar in unserer Republik leben, sie aber trotzdem nicht kennen, weil sie mit geschlossenen Augen durchs Leben gehen. Bringt der Film nicht eine Anhäufung negativer Seiten, die es wohl gibt, die aber in dieser Anhäufung ein einseitiges Bild unseres Lebens geben?" Der Mann stand mit seiner Meinung nicht allein da. Bereits Mitte der Fünfzigerjahre hatte die SED, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, ein sehr genaues Bild davon, wie sich der Staat in der Öffentlichkeit, und besonders in Abgrenzung zum dekadenten Westen, zu präsentieren hatte. Der Jugend kam innerhalb der Gesellschaft eine besondere Rolle zu: Müßiggang, der Mangel an Disziplin und Perspektivlosigkeit – das waren Eigenschaften, die keinen Platz im Bild vom DDR-Nachwuchs hatten. Wofür gab es schließlich Sportvereine und die schöne FDJ, die Freie Deutsche Jugend?

Rebellion gegen die öde Welt der Erwachsenen

1957 galt "Berlin – Ecke Schönhauser", der bekannteste der so genannten Berlin-Filme, als ein echter Problemfilm mit dramatischen Unterströmungen. In Hollywood nannte man das damals schon "Juvenile Delinquent Movie". Heute werden solche Filme über die verlorene Jugend in Deutschland wieder verstärkt gedreht, wohl nicht ganz zufällig von jenem losen Verbund der Berliner Schule. Der Kitzel des Kapitals, in "Berlin – Ecke Schönhauser" lokalisiert in der Gegend um den Bahnhof Zoo, gepaart mit der Langeweile der eigenen bornierten Existenz, das sind kritische Marken, die gerne herangezogen werden, wenn wieder mal der jugendliche Aufstand geprobt wird. In dem Punkt unterschieden sich West- und Ostjugend nicht voneinander. Genau dieses Bild wollten Regisseur Gerhard Klein und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase mit "Berlin Ecke Schönhauser" vermitteln. Ob Charlottenburg oder Prenzlauer Berg, Kapitalismus oder Sozialismus, die Adoleszenz ist überall die gleiche Crux. Private Befindlichkeiten bleiben von politischer Ideologie völlig unberührt.
In "Berlin – Ecke Schönhauser" stellen Dieter, Kohle, Angela und Karl-Heinz ihre eigene Ersatzfamilie. Dieter lebt bei seinem Bruder, einem Hilfspolizisten. Angela wird von ihrer Mutter vernachlässigt, Kohle, arbeitslos, von seinem Stiefvater verprügelt. Karl-Heinz ist der einzige, der von seinen Eltern etwas mit auf den Weg bekommen hat: Das Vertrauen in die Errungenschaften des Westens. Auf dem Schwarzmarkt um den Bahnhof Zoo versorgt er sich mit Westmark, den harten Devisen. Bezeichnenderweise ist er damit auch die Figur, die am Wenigsten zur Identifikation einlädt, eine der wenigen Konzessionen der Filmemacher an Partei– Richtlinien. Der etwas ältere Dieter ist eine Art Leitwolf der Gruppe, ein Westentaschen-Brando. Er hat zwar einen geregelten Job, weiß mit seinem Leben aber sonst auch nicht viel anzufangen. Mit der Rolle, die ihm der Staat zuschreibt, will er sich nicht abfinden. Der FDJ, die ihn anzuheuern versucht, steht er skeptisch gegenüber. Er zieht lieber sein eigenes Ding durch, und schmeißt sich dabei auch schon mal für den schwächeren und nicht ganz so hellen Kohle in die Bresche. Darum ist er zunächst auch alles andere als begeistert, als Karl-Heinz ihm eine Beteiligung an seinen illegalen Geschäften anbietet.

Süßer Müßiggang: aller Laster Anfang ...

Treffpunkt der Gruppe sind die U-Bahnbögen an der Schönhauser Allee, wo sich heute die Touristen aus der Provinz drängeln. Das verschafft "Berlin – Ecke Schönhauser" ganz nebenbei auch Gelegenheit für ein paar schöne, heute schon historische Eindrücke aus dem geteilten Berlin. Die bekannten Schilder an den Grenzposten, die Straßenzüge des Nachkriegs-Prenzlauer Berg, die alten Trams. "Berlin – Ecke Schönhauser" ist ein Film der Straße, das sieht man seinen Bildern an und man hört es noch viel mehr. Drehbuchautor Kohlhaase bewies ein feines Ohr für die Sprache der Teenager. Der Film ist eine Hommage an die DDR-Jugend, allerdings nicht so konventionell staatstragend wie es sich die Obrigkeit vielleicht gewünscht hätte.

Schwanger, und dann?

Dazu gehört natürlich eine Liebesgeschichte, aber auch sie unterläuft alle Erwartungen an eine klassische Romanze. Die trotzige Liebe zwischen Dieter und Angela wird – ähnlich wie in „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ – kein Happy-End finden; die Tragödie ist längst vorprogrammiert. Als Dieter und Kohle vermeintlich einen Menschen töten, fliehen sie ohne Papiere in den West– Sektor, in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Restriktionen. Sie werden bitter enttäuscht; auch im Westen sind sie – diesmal als Ostler – zu gesellschaftlichen Außenseitern abgestempelt. Am Ende wird nur einem der beiden der Weg zurück in die DDR gelingen.

Dass Klein mit Laiendarstellern gearbeitet hat, passt zum dokumentarischen Stil des Films, der sich stark am italienischen Neorealismus wie etwa in "Fahrraddiebe", orientiert. Der allerdings ging damals so gar nicht mit den Vorstellungen ordentlicher, sozialistischer Gegenwartskunst überein. Die Bilder waren nicht vorformatiert, propagandafertig. Die Partei erkannte immerhin das Talent von Klein und Kohlhaase, der einer der wichtigsten Autoren der DEFA werden sollte (u.a. arbeitete er mit Konrad Wolf und Frank Beyer). Als sie aber neun Jahre später mit "Berlin um die Ecke" an ihr bewährtes Konzept anknüpfen wollten, wurde die Produktion kurzzeitig gestoppt, weil das Zentralkomitee kritische Tendenzen ausgemacht hatte. "Berlin – Ecke Schönhauser" blieb einer der wenigen Filme, der einen unverstellten, ehrlichen Blick auf den Alltag in der DDR und die Integrationsprobleme der Jugendlichen versuchte.

"Berlin - Ecke Schönhauser" ist im Progress Film-Verleih erschienen, die Film-DVD ist bei Icestorm Entertainement erhältlich.



Andreas Busche ist freier Autor und Filmrestaurator.


Fotos: ©Progress Film-Verleih / Siegmar Holstein; Hannes Schneider


www.icestorm.de/
Hier gibt´s die DVD.

www.defa-stiftung.de
Die Stiftung kümmert sich um das gesamte Filmerbe der DEFA.

www.progress-film.de
Progress-Film hat fast alle DEFA-Filme im Verleihprogramm.

www.filmmuseum-potsdam.de
Das Filmmuseum Potsdam vertreibt das Buch "Schwarzweiß und Farbe" zur Geschichte des DEFA-Dokumetarfilms.





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