The Dark Knight

Terror in Gotham City

Kinostart: 21.8.2008 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Der Superheld ist letztlich auch nicht mehr als ein großer Junge im komischen Faschingskostüm oder hautengem Bodysuit. Er braucht die Herausforderung, um seine Popularität unter Beweis zu stellen. Ohne die interplanetarischen Gegner, die durchgedrehten Wissenschaftler und größenwahnsinnigen Soziopathen schrumpft er wieder auf Normalmaß: kein Ruhm, keine Ehre, keine Fanartikel in Milliardenauflage. Der Glamour des Bösen färbt immer auch auf den strahlenden Helden ab, unter dessen Fassade sich meist eine gebrochene Persönlichkeit verbirgt. Der Job der Superhelden/innen selbst ist wenig glamourös: Sie fungieren als bessere Dienstleister/innen bloß zum Wohle des Gemeinwesens. Darum dürfen die Gegenspieler/innen auch schon mal ein bisschen cooler sein. Wie der Silver Surfer zum Beispiel im Kampf mit den langweiligen Fantastic Four. Oder Kevin Spacey als Superbösewicht Lex Luther gegen den ewigen Schwiegersohn Superman. Christopher Nolans zweiter Batman-Film "The Dark Knight" reiht sich in diese Tradition nahtlos ein. Mehr noch: Noch keine Superhelden-Verfllmung hat eindrucksvoller gezeigt, wie sehr Held und Bösewicht einander bedingen: "You complete me", fletscht der Joker (Heath Ledger in seiner letzten Rolle) auf die Frage Batmans, warum er ihn nicht einfach töte.

Der Glamour des Bösen

Viel ist geschrieben worden über den Tod Heath Ledgers im Januar dieses Jahres. Vieles, das man auch schnell in das Reich der Mythen verbannen sollte. Dass sich Ledger in seiner Rolle des Jokers dermaßen aufgerieben habe, bis er am Ende bloß noch ein psychisches Wrack war. Diese Version muss der Marketing-Abteilung von Warner Bros. gut in den Kram gepasst haben: Noch nie wurde der Tod eines Schauspielers schamloser für die Werbekampagne eines Kinofilms instrumentalisiert. Der Erfolg gab dem Studio Recht. "The Dark Knight" legte in den USA den erfolgreichsten Kinostart aller Zeiten hin, und so wurde Ledger posthum doch noch zum Superstar. Damit durften sich auch all diejenigen bestätigt fühlen, die Ledger schon zu Lebzeiten die Leidensfähigkeit eines James Dean bescheinigt hatten. Ledger ist nun im Olymp der tragischen Jungschauspieler angekommen, gleich neben Dean und River Phoenix.
Tatsächlich ist Heath Ledger in "The Dark Knight" grandios; er fügt sich mit seiner Darstellung des Jokers aber auch in einen großen Film ein. Zu behaupten, dass Ledger Nolans Film überstrahle, wäre übertrieben. Nicht nur, dass ein solches Urteil die Leistungen der Schauspieler Aaron Eckhart und Gary Oldman oder des Drehbuch-Gespanns Christopher und Jonathan Nolan schmälert. "The Dark Knight" ist insgesamt der kompletteste, komplexeste und in seiner politischen Anschauung düsterste Sommer-Blockbuster, der je das Licht der Kinoleinwände erblickt hat. Nun wissen wir, dass "Batman Begins" bloß das Vorspiel zu dieser bis ins Detail ausgereiften Vision von Gotham City als exemplarischer Metropole des 21. Jahrhunderts war: eine Mischung aus Finanzhochburg und Moloch. Dementsprechend interpretiert auch Ledger seinen Joker als absoluten Verbrecher unserer Zeit. Er hat keine Geschichte, verfügt über kein Motiv und kennt keine Werte. Sein Ziel ist das totale Chaos.

Düstere Visionen

Die Behauptung, Ledger habe sich in seiner Rolle verausgabt, scheint allein schon deshalb übertrieben, weil er die Figur des Jokers permanent unterspielt. Comic-Bösewichte waren für Hollywoodstars seit jeher eine willkommene Einladung zum wilden Chargieren. Man denke nur an Jack Nicholson im ersten "Batman"-Film (1989) von Tim Burton. Dessen Joker war eine Schießbudenfigur, den ausgehenden Achtzigerjahren durchaus angemessen. Heath Ledgers Joker dagegen ist ein reines Nervenbündel, ein getriebenes Tier, das mit seinem verschmiertem Make-Up und den fettigen, langen Haaren tatsächlich etwas Animalisches ausstrahlt. Reptilienartig fährt seine Zunge beim Reden immer wieder über die spröden Lippen. Das eingefrorene Grinsen ist keine Fratze, sondern ein stilles Hohngelächter. "Ich bin ein Agent des Chaos", flüstert er Batman ins Ohr. Und der kann nur hilflos mitansehen, wie sich der Plan des Jokers Schritt für Schritt vollzieht, weil der Joker jeden Schritt seines Gegenspielers bereits einkalkuliert hat.

Es gibt noch eine andere charismatische Figur in "The Dark Knight": den Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart mit einem Kinn wie aus Marmor gemeißelt: eine echte Heldenvisage), der die Mafia von Gotham City im Alleingang aus dem Weg geräumt hat und dafür Rachel (Maggie Gyllenhaal, als besserer Ersatz für Katie Holmes), die Jungendliebe von Bruce "Batman" Wayne, vor den Traualtar führen wird. Aber auch Dent ist nur ein Bauer im großen Plan des Jokers. Nach einem perfiden Anschlag wird er eine Hälfte seines Gesichts verlieren und sich als Rächer Two-Face in den Kampf gegen Batman stürzen. Es gibt keine Gewissheit mehr, keine Unterscheidung von Gut und Böse. "Manchmal muss es erst ganz schlimm kommen, bevor die Dinge besser werden", sagt Waynes treuer Butler Alfred (wieder Michael Caine) an einer Stelle. Und schlimm kommt es in "The Dark Knight". Kein anderer Blockbuster der letzten Jahre hat so geschickt mit den Bildern und der Stimmung des 11. September 2001 gespielt. Das Gefühl von Bedrohung, Kontrollverlust und kollektiver Ungewissheit ist greifbar in einer Gesellschaft, in der die Helden keine Helden mehr sind und die Bösewichter zur letzten Hoffnung eines intakten Gemeinwesens werden.

Demontage eines Helden

Denn auch Batmans Fassade als strahlender Held bekommt in "The Dark Knight" ein paar Kratzer ab. Mitte der 1980er-Jahre erfand der Autor Frank Miller ("Sin City", "300") die Figur Batmans neu: als düsteren Rächer, dessen Methoden sich von denen seiner Gegner nur geringfügig unterschieden. Christian Bale ("American Psycho", "Der Maschinist", "I'm Not There") hat in seiner Karriere genug ambivalente Charaktere gespielt, um diese Zerrissenheit Batmans glaubwürdig zu verkörpern. "Batman Begins" war die Geschichte seiner Selbstfindung. "The Dark Knight" zeigt nun seine Demontage als Held, an deren Ende er, als Opfer für die Bewohner/innen von Gotham, freiwillig in den Untergrund geht. Das alte "Superhelden"-Modell scheint ausgedient zu haben. Die neuen Helden sprechen die Sprache der Politik. Batman, der Straßenkämpfer, bleibt am Ende nur die Ausputzerrolle am Rande der Legalität.

Das alles schüttelt Nolan ganz lässig aus dem Hut, ohne dass "The Dark Knight" je an Tempo oder Form verliert. Bei aller Komplexität folgt sein Film streng den Anforderungen des Blockbusterkinos. Er hat die Regeln nur etwas zu seinen Gunsten verbogen. Und dann ist da natürlich Heath Ledger, der Nolans Film eine fast sakrale Aura verleiht, die sich kein Blockbuster mit noch so viel Geld erkaufen kann. "The Dark Knight" ist auch ein Requiem für einen viel zu jung Gestorbenen. Viele gute Filme hat Ledger in seiner kurzen Karriere nicht gemacht; er hat trotzdem ein paar unvergessliche Figuren geschaffen. Sein Joker wird in die Filmgeschichte eingehen als wirklich Furcht einflößender, dauergrinsender Bösewicht, der die Zweidimensionalität seines Comic-Alter-Egos weit hinter sich gelassen hat. Den letzten Lacher hat er noch mal auf seiner Seite.

The Dark Knight, USA 2008, Regie: Christopher Nolan, Buch: Nathan Nolan, Christopher Nolan, mit Christian Bale, Heath Ledger, Maggie Gyllenhaal, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Morgan Freeman, Sir Michael Caine, Eric Roberts, Cillian Murphy, Joshua Harto, Colin McFarlane, Beatrice Rosen, Kinostart: 21. August 2008 bei Warner Bros.

Foto: Verleih

Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt über und für die Kulturindustrie.


http://thedarkknight.warnerbros.com
Website zum Film (englisch)

www.thedarkknight-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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