t

Beautiful Bitch

Kindheitstrauma aus Rumänien

Kinostart: 14.8.2008 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Image 19745

Image 19745


Bica ist alles andere als eine "Bitch" – zurückhaltend und fürsorglich. Aber ihre deutschen Freunde nennen sie so, weil sie ihren Namen nicht aussprechen können. Und Bica scheint nichts dagegen zu haben, denn wenn sie "Bitch" heißt, dann ist die fünfzehnjährige Rumänin glücklich. Basketball spielen, Musik hören, Spaß haben – durch Milka, Andrej und den Rest der Clique erfährt sie zum ersten Mal, wie es ist, unbeschwert zu leben.

Parallelwelten

Was keiner weiß, Bica kann auch rücksichtslos sein. Tagtäglich lungert sie mit dem jüngeren Nicu in Düsseldorfs Einkaufszentren oder Bahnhöfen herum, um den richtigen Moment und das richtige Opfer mit dickem Portemonnaie abzupassen. Sie ist eines der so genannten Klaukinder, die von organisierten Taschendiebringen aus Osteuropa nach Deutschland geschleust werden. Wie viele dieser Kinder hat Bica zuvor auf der Straße von der Hand in den Mund gelebt. Klauen ist aus ihrer Sicht kein Problem: "Freiwillig gibt doch sowieso keiner etwas. Deshalb muss man es sich ja nehmen."

Auf sich gestellt im reichen Europa

Einen Haken hat ihr neues Leben in Deutschland allerdings: Bica haust in einer engen, heruntergekommenen Wohnung und muss die brutale Willkür ihres Patrons Cristu ertragen. Mit einem Knäuel Geldscheinen hat er sie aus Bukarest nach Düsseldorf gelockt, kurz nachdem die Polizei Bicas kleinen Bruder ins Kinderheim verfrachtet hat, weil sie nicht angemessen für ihn sorgen konnte. Was der Film nicht erklärt: Vor allem in Rumänien sind in der Folge des strengen Abtreibungs- und Verhütungsverbots der Ceauşescu-Diktatur die Waisenhäuser mit unerwünschten Kindern überfüllt und es gibt viele bettelarme Straßenkinder, die für organisierte Kinderkriminalität einfach zu haben sind. Mal liebevoll, mal gewalttätig ist Patron Cristu nun Bicas einziger Halt, obwohl er sie, wie sie langsam herausfindet, skrupellos für seine Zwecke ausnutzt. Als Bica bei einem ihrer Raubzüge die gleichaltrige Milka kennen lernt und sich mit ihr anfreundet, sucht sie heimlich nach Schlupflöchern aus dem Würgegriff Cristus und beginnt ein riskantes Doppelleben.

Berührt von Presseberichten über ihre sklavenähnliche Behandlung, versucht der deutsche Filmemacher Theo Martin Krieger den Klaukindern mit "Beautiful Bitch", seiner zweiten Regiearbeit fürs Kino, eine Stimme zu geben. Am Beispiel der Figur der Bica macht er ihr Dilemma deutlich: Bica weiß, was sie will, und besitzt eine vermutlich hart erlernte Straßenschläue. Für falsche "Engel" wie Cristu ist sie trotzdem ein leichtes Opfer, weil er die richtigen Köder – Väterlichkeit und Reichtum – auslegt. Einmal eingefangen fällt die Befreiung aus dem Teufelskreis der Taschendiebstähle gegen vermeintliche Fürsorge und Geld schwer.

Harte Schale, weicher Kern

Image 19746

Image 19746

Bica-Darstellerin Katharina Derr gelingt in ihrer ersten Filmrolle dieser schauspielerische Spagat zwischen dreister Göre, ängstlichem Kind und lebenslustigem Mädchen überzeugend: Mit kleinen Gesten und feiner Mimik wechselt sie zwischen Ernst, Verzweiflung und ausgelassener Lebensfreude hin und her, ohne jemals ungelenk zu wirken. Trotz dieser Leistung und der aufrüttelnden Geschichte über Bicas Zwangslage präsentiert sich "Beautiful Bitch" leider insgesamt ziemlich grobschlächtig. Selbstmordspiele mit einer Pistole kündigen theatralisch und viel zu vorhersehbar Unheil an, Schwimmen lernen wird als abgegriffen-kitschiges Bild fürs Erwachsenwerden verwendet. Auch die Kameraarbeit ist einschläfernd eintönig gestaltet: In vielen Aufnahmen aus halbnaher Distanz wird das Geschehen mehr fernsehtypisch abgefilmt, als für die große Leinwand in ausdrucksstarke Bilder übersetzt.

Reiches Mädchen, armes Mädchen

Inmitten von völlig übertrieben dargestellten Deutschen – Milka etwa hat einfältigerweise nur Nasen-OPs und Handys im Kopf – wirkt Bica wie eine Porzellanpuppe im Elefantenhaus. Milkas Herz-und-Revolver-Anhänger, im Film ein wichtiges Zeichen der Freundschaft, ist zugleich Sinnbild für zwei grundverschiedene Lebenswelten: Für die eine bloß ein modisches Accessoire, ist der Widerstreit zwischen Liebessehnsucht und Gewalt für die andere bittere Realität. Was die beiden entgegen aller Unterschiede aneinander finden, ist letztlich nicht wirklich nachvollziehbar.

Immerhin macht "Beautiful Bitch" mit einer im Kino bisher wenig beachteten Parallelwelt bekannt, die in deutschen Großstädten durchaus sichtbar ist, aber über die man in der Regel nicht viel weiß. Zuvor spielten etwa in Gernot Krääs Spielfilm "Paulas Geheimnis" (2007) rumänische Klaukinder lediglich eine Nebenrolle, die von den Hauptfiguren aus einem Taschendiebring gerettet werden müssen. Aber so klischeehaft überdeutlich sich manche Botschaften in "Beautiful Bitch" auch präsentieren mögen, wenigstens gewinnt der Film durch die vielschichtig dargestellte Bica als Mittelpunkt des Geschehens an Glaubwürdigkeit. Helfen kann ihr schließlich vor allem sie selbst.

Marguerite Seidel, 28, ist Volontärin im Filmbereich der Bundeszentrale für politische Bildung und lebt in Berlin.

Beautiful Bitch, Deutschland 2008, Regie: Martin Theo Krieger, Buch: Martin Theo Krieger, mit Katharina Derr, Sina Tkotsch, Patrick von Blume, Lucien le Rest, Igor Dolgatschew, Tom Lass, Aljosha Horvat, Therese Hämer, Rolf Berg, Waldemar Kobus, Farbe, ab 12 Jahren, Kinostart: 14. August 2008 bei farbfilm


Fotos: Verleih



www.farbfilm-verleih.de/filme/beautiful_bitch.html
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




Kommentare

Dein Kommentar