Factory Girl

Armes reiches Mädchen

Kinostart: 6.8.2008 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Von Andy Warhol zum Superstar ausgerufen zu werden, war eine etwas zweifelhafte Ehre. Aber wenn Edie Sedgwick den Raum betrat, das sagen heute noch alle, hielt die Welt den Atem an. Für etwas mehr als 15 Minuten war sie das Partygirl der 1960er. Gesegnet mit Ausstrahlung und Schönheit, verlieh sie Warhols silberner, von Junkies und Drag-Queens bevölkerter Künstlerkommune Factory in Manhattan das glamouröse Zentrum. Mit ihrem ureigenen, bei Audrey Hepburn abgekupferten Styling – Ballettstrumpfhosen, riesige Ohrringe, Zigarettenspitze, Pelz – prangte sie auf den schicksten Modemagazinen. Zugleich trat sie in Warhols Filmen auf – die Holly Golightly des Underground. Die Bekanntschaft mit dem Pop-Art-Künstler machte Sedgwick berühmt, Warhol selbst gelangte durch dieses Zauberwesen aus reichem Hause in die besseren Kreise der Modewelt. So ganz aber hat sie das Spiel wohl nicht begriffen. Einsam und verarmt starb Edie Sedgwick 1971 als Drogenwrack in Kalifornien.
Ernüchternd ist auch, wie konventionell Hollywood ihr tragisches Schicksal verfilmt hat. Sehr betulich bebildert Regisseur George Hickenlooper die nicht ganz neue Geschichte vom Aufstieg und Fall eines "Poor Little Rich Girl" – so hieß tatsächlich einer ihrer Filme mit Warhol – in der großen bösen Welt des Showbusiness. Herkunft aus der Provinz, schwere psychische Probleme, große Träume, ein Leben auf der Überholspur, Drogen, Tod. Die Formel von "Factory Girl" ähnelt der dutzender anderer Biopics. Nur Sienna Miller als Sedgwick und Guy Pearce als Warhol stechen mit hervorragenden Leistungen heraus aus der üblichen Parade kunstvoll zurechtgemachter Lookalikes. Was die scharfen Bilder nicht erklären können, und das ist eine Menge, regelt wie so oft die Voice-Over.

Weil das Flair der New Yorker Sixties so einen fabelhaft aufregenden Hintergrund liefert, kann man sich das trotz allem gut gefallen lassen. Gerade für Warhol-Fans hat der zwei Jahre alte Film aber auch noch ein echtes Ärgernis parat. Dass er erst jetzt in die Kinos kommt, hat mit einer Klage von Bob Dylan zu tun, zu dem Sedgwick zumindest ihrer Meinung nach eine Beziehung unterhielt: Der Liedermacher sah sich in dem Film für ihren Tod verantwortlich gemacht. Wieder einmal verwundert der alte Mann, denn der schwarze Peter liegt eindeutig bei Warhol. Auf sehr zweifelhafte Weise werden hier das ehrliche, bodenständige Musikgenie und der oberflächliche, nur auf den eigenen Vorteil bedachte – und nebenbei homosexuelle – Pop-Art-Schwindler gegeneinander ausgespielt. Jedem seine Interpretation, aber die Dinge lagen etwas komplizierter. So jedoch wird der Film weder der wunderbaren Edie Sedgwick gerecht noch dem wohl wichtigsten Avantgarde-Künstler des 20. Jahrhunderts.
Philipp Bühler

Factory Girl, USA 2006, Regie: George Hickenlooper, Buch: Captain Mauzner, mit Sienna Miller, Guy Pearce, Hayden Christensen, Jimmy Fallon, Jack Huston, Armin Amiri, Tara Summers, Shawn Hatosy, Beth Grant, James Naughton, Meredith Ostrom, Kinostart: 6. August 2008 bei Kinostar

Foto: Verleih


www.factorygirlmovie.net
Website zum Film (englisch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de

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