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Werbung ist ein scharfes Schwert. Für manche ist es eine gelungene Form von Entertainment, Zerstreuung oder gar Comedy. Andere erkennen darin nichts weiter als die stupide Anregung zum Konsum mit subtilen Mitteln. Wenn Werbung im Fernsehen läuft, schalten viele weg, andere wiederum raten mit Herzenslust das Produkt und den Markennamen. Für das Geld eines 20-sekündigen TV-Spots kurz vor der Tagesschau könnte man sich locker einen Kleinwagen kaufen. Werbung kann gut oder schlecht gemacht sein, sie ist auf jeden Fall eins: kreative Sinnanregung und der freundliche Botschafter des Kapitalismus.
Zynischer Exkurs in die Werbewelt
Das Phänomen der Werbung und was sie vor allem mit uns macht wird in "39,90" dekonstruiert und wieder zusammengepuzzelt. Die umjubelte Romanvorlage des französischen Schriftstellers und ehemaligen Werbers Frédéric Beigbeder war 2001 ein zynischer Exkurs in die Welt der Werbung, der auf ganz hervorragend subjektive Weise vor Augen führte, wie manipulierbar doch das menschliche Gehirn ist. Naomi Klein rechnete bereits ein Jahr vorher in ihrem Buch "No Logo!" mit der Welt der Marken und dem gut vermarkteten Globalisierungsgedanken ab – um die Jahrtausendwende war das Thema globale Erwärmung noch nicht wirklich trendy.
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Frédéric Beigbeder erzählte in "39,90" die Geschichte eines Werbers, der die Nase gestrichen voll hat: vom Koks, der Heuchelei und den schmierigen Tricks in der Welt der Marken. Der Verlag nannte die Mischung aus Romanfragmenten, ideologischen Essays und Anekdoten weitergehend "ein Pamphlet gegen den Totalitarismus von Medien und Werbung sowie gegen die neoliberale Pervertierung der Demokratie". Was das Buch lehrte: Jährlich werden 500 Milliarden US-Dollar weltweit für so genannte Kommunikationsmittel ausgegeben. Zehn Prozent davon würden laut einer Studie angeblich dafür reichen, um den Welthunger zu stoppen.
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Ohnehin ist "39,90" an vielen Stellen viel mehr ein schnell und virtuos geschnittener Clip als ein Film. Das visuelle Konzept des Films ist bewusst angepasst an die makellose Photoshop-Welt der Werbeplakate, über deren Reize der Film verhandelt. Das ideologische Konzept dagegen bleibt leicht auf der Strecke. Da sich die Verfilmung treu an das Buch hält, vermisst man noch immer eine Idee, einen Vorschlag oder gar eine Synthese, wie man sich denn aus den Fängen dieser monströs-manipulativen Werbewelt befreien könnte. Als Pamphlet ist die Geschichte viel zu banal, die ohnehin große Lücken in der Handlung aufweist. Doch einen moralischen Ansatz will die Geschichte eigentlich auch gar nicht. Auch Jan Kounen verzichtet darauf, deshalb sucht man hier vergeblich nach Lösungen. Der Clou ist viel mehr, dass es scheinbar gar keinen Ausweg aus dem täglichen medialen PR- und Werbe-Kreuzfeuer gibt. Daher wird die Werbewelt hier als burleske und gänzlich überdrehte und sinnentleerte Welt gezeigt, in der man den kritischen Abstand nur bewahren kann, indem man sie auslacht.
Der Protagonist in "39,90" neigt derweil zu extremen Übersprungshandlungen: Ginge es nach Octaves Wünschen, sollten die Menschen allen kommerziellen Gelüsten des Alltags entsagen und in den unzivilisierten Urwald ziehen, um dort das wirkliche Leben und den Boden unter den Füßen wieder zu spüren. Eine naive Idee, die zum Schluss des Films auch für ihn nur ein Wunschgedanke bleibt. Denn wie man es dreht und wendet, der subtile Wunsch nach Konsum wird einen wohl bis ans Ende der Welt verfolgen. Verdammt.
(99 francs) Frankreich 2007, Regie: Jan Kounen, Buch: Bruno Lavaine, Jan Kounen, Frédéric Beigbeder nach dem gleichnamigen Roman von Frédéric Beigbeder, mit Jean Dujardin, Vahina Giocante, Alexandra Ansidei, Rachel Berger, Dominique Bettenfeld, Jocelyn Quivrin, Patrick Mille, Elisa Tovati, ab 16, Kinostart: 31. Juli 2008 bei Alamode
Fotos: Verleih
David Siems arbeitet als freier Journalist in Hamburg. Ein Job-Angebot aus einer Werbeagentur hat er kürzlich abgelehnt.
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