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Akte X - Jenseits der Wahrheit

Niemandem kannst du vertrauen

Kinostart: 24.7.2008 | Alexandra Seitz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Sechs Jahre sind ins Land gezogen. Nach ihrem erzwungenen Ausscheiden aus dem FBI haben die beiden Ex-Agenten Fox Mulder und Dana Scully im kalten und verschneiten hohen Norden Amerikas Zuflucht gefunden. Scully arbeitet als Ärztin in einem christlich geführten Krankenhaus und Mulder sitzt in seinem Kämmerlein und schneidet Zeitungsartikel aus. An der Wand hängt das altbekannte UFO-Plakat mit der Aufschrift: I want to believe.

Zurück in der Noir-Welt

"The X Files: I want to believe" lautet auch der Originaltitel dieses Films, der an die viel geliebte Fernsehserie anknüpft, die vor sechs Jahren ihr Ende fand. Auf Deutsch heißt das dann "Akte X – Jenseits der Wahrheit", und sogleich fragt man sich, wo oder was dieses "Jenseits" sein soll, zumal "die Wahrheit", wie jede/r "Akte X"-Freund/in weiß, ohnehin "irgendwo da draußen" ist. Die Formulierung "Jenseits der Wahrheit" zielt vielmehr auf die zentralen Themen der Serie. Jenseits der Wahrheit sind der Glaube und die Täuschung anzusiedeln, womit zugleich Mulders und Scullys hartnäckiger Forschungsdrang und aufklärerischer Kampf gegen Verschleierungsmanöver aller Art beschrieben sind. Jenseits der Wahrheit liegt aber auch das weite Feld des Phantastischen und des Horror-B-Movies, dem in so mancher "Akte X"-Folge Referenz erwiesen wurde.

"Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI", das war eine gelungene Kombination aus weltenumspannender Verschwörungstheorie und der Beschäftigung mit konkreten unerklärlichen Phänomenen. Gesehen durch die ernsthaften Augen zweier sorgsam charakterisierter Hauptfiguren, deren gegensätzliche ideologische Positionen ganz unterschiedliche Blickwinkel auf den fraglichen Sachverhalt boten. Zweigleisig blieb auch die Struktur der Serie: So genannte "monster of the week"-Episoden wechselten mit "Mythologie"-Folgen, in denen der rote Faden das komplexe Komplott zur Kolonisierung der Erde durch Aliens bildete. Letzterer, auch mit dem Begriff "mytharc", mythologischer Bogen, bezeichneter Handlungsstrang erschwerte Nicht-Eingeweihten das Verständnis des ersten "Akte X"-Spielfilms. Der kam 1998 unter dem Titel "The X-Files: Fight the Future" in die Kinos und war inhaltlich passgenau zwischen der fünften und der sechsten von insgesamt neun Staffeln angesiedelt.

Mit dem nun vorliegenden Werk, das sich auf die "monster of the week"-Tradition der Serie besinnt, dürften die in das Mysterium des extraterrestrischen Komplotts Nichteingeweihten weniger Schwierigkeiten haben, wenn man eben von Schwarzem Öl, Super-Soldaten und dem Syndikat keine Ahnung hat.

Und die Wahrheit liegt immer noch irgendwo da draußen. Eine FBI-Agentin ist verschwunden, möglicherweise entführt worden. Ein wegen Pädophilie verurteilter Priester wird in diesem Zusammenhang von Visionen heimgesucht. Damit weiß das FBI nichts anzufangen: Auftritt Scully und, etwas später, Mulder.

Die vergangene Zeit manifestiert sich zunächst einmal im Haarwuchs: Scully trägt Mähne und Mulder Bart. Dieser wird einfach abrasiert, ebenso unspektakulär und nebenher, wie die Frage nach dem Stand der Beziehungsdinge zwischen den beiden Ex-Agenten beantwortet wird. So mancher wird jetzt resigniert aufseufzen und sich denken "Nicht schon wieder!", aber unter den unzähligen Freunden der Serie gibt es eben auch die große Gruppe jener, denen das Liebesleben ihrer beiden Hauptfiguren nicht gleichgültig ist. Allerdings fragt sich, ob der beiläufige Umgang, den Drehbuch und Inszenierung dieser Herzensangelegenheit nach wie vor angedeihen lassen, die Romantiker/innen unter den Fans tatsächlich zufrieden stellen kann. Bedient werden in jedem Fall die Anhänger/innen wüster Plotkonstruktionen und aberwitziger Wendungen: Stammzellenforschung, Organhandel, ein Eisblock voller Körperteile und ein Laboratorium des Grauens inmitten schneebedeckter Weite ergeben die brodelnde Mischung, aus der sogar eine russisch verwilderte Variante des Frankenstein-Motivs aufsteigt. Dem gruseligen Geschehen gegenüber steht wie immer aufs schönste Mulders und Scullys aufrichtiges Bemühen um die richtige Handlungsweise im Angesicht des Rätselhaften. Und nicht nur das, mitten in diesem veritablen B-Horror-Film, der, obzwar mit großem Aufwand in Szene gesetzt, seine Wurzeln im Trash nicht verleugnet, gönnen David Duchovny (Mulder) und Gillian Anderson (Scully) ihren Figuren Ausflüge ins Charakterdrama.

Zwischen Parapsychologie und katholischem Betzwang

Duchovny und Anderson sind ein ebenso eingespieltes und vertrautes Team wie Mulder und Scully. Schön anzusehen ist die Mühelosigkeit, mit der sie den Wesenskern ihrer Figuren gestalten und in den Konflikten zum Schillern bringen. So unterschiedlich der UFO-gläubige Instinktmensch Mulder und die katholische Skeptikerin Scully auch angelegt sein mögen, in der Unbedingtheit ihres Glaubens sind sie sich doch ähnlich. Das macht den Reiz der Beziehung zwischen den beiden aus. Sie sind solidarisch; Krisen oder Verunsicherungen, die der eine von beiden erlebt, werden niemals vom anderen klein geredet oder verächtlich gemacht.

In "Akte X - Jenseits der Wahrheit" drängt das permanente Für und Wider verschiedener Perspektiven auf das Irrationale zur Klimax – transportiert über die anhaltend analytischen Gespräche zwischen Mulder und Scully. Doch es liegen sechs Akte-X-lose Jahre hinter ihnen. So ruft der Fall der verschwundenen FBI-Agentin in Mulder das von der Entführung seiner Schwester verursachte Trauma wieder wach. Währenddessen wird Scully in ihrer Arbeit am Krankenhaus mit einer schwerwiegenden Gewissensentscheidung konfrontiert, die ihren Glauben in Frage stellt. Gemeinsam stecken sie fest, jeder für sich und beinahe unfähig, einander bei der Suche nach der Antwort zur Seite zu stehen. Jenseits der Wahrheit – das kann in diesem Fall dann eben auch bedeuten: in einem selbst.

(The X-Files: I want to Believe) USA, Kanada 2008, Regie: Chris Carter, Buch: Frank Spotnitz, Chris Carter, mit David Duchovny, Gillian Anderson, Amanda Peet, Billy Connolly, Xzibit, Mitch Pileggi, Adam Godley, Callum Keith Rennie, Kinostart: 24. Juli 2008 bei 20th Century Fox

Fotos: ©Verleih


Alexandra Seitz ist Filmkritikerin und schreibt für das tip Magazin, die Berliner
Zeitung und das RAY Filmmagazin.



http://xfiles.com
Website zum Film (international)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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